Damals in den Musketenkriegen
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Le Marquis
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BeitragBeitrags-Nr.: 177735 | Verfasst am: 11.11.2009 - 22:45    Titel: Antworten mit Zitat

@ Gardes du Corps

Vieles richtig in Deinem Beitrag, aber ein wenig durcheinander. Ich darf das ein kleines bisschen präzisieren und erweitern.

Die Linientaktik beinhaltete richtigerweise die Elemente des Feuers und der Bewegung, erschöpft sich aber nicht in diesen. Seit dem 30-jährigen Krieg gewann die Artillerie immer mehr an Bedeutung. Zunächst in der Belagerung fester Plätze, da noch zu schwer und immobil, wurde die Artillerie im Zuge der weiteren Entwicklung zum entscheidenden Element der Feldschlacht und erreichte unter Napoleon I - von Ihm mit kaum je wieder erreichter Perfektion engesetzt - den Höhepunkt ihrer Entwicklung als mobiles Element des Heeres.

Die Schlacht gewann derjenige, der - wie bereits richtig gesagt - die feindlichen Linien erschüttern oder ausmanövrieren konnte. Das bedeutet, dass oft nicht die sich in kompakter Formation gegenüberstehenden Linienregimenter die Entscheidung in der Schlacht erzielten (wie bei Austerlitz), sondern kleinere oder mobilere Formationen aus dem Truppenkörper des Heeres.

Hier ist es entweder die Artillerie die (wie bei Gettysburg am 3. Tag oder bei Preußisch Eylau [Korps Augereau]) der Infanterie schwerste Verluste zufügen und ganze Einheiten aufreiben kann oder die Kavallerie, die mit ihrer hohen Geschwindigkeit den Feind überflügeln, flankieren oder umgehen kann oder einzelne, vorausschauend entsandte Teile der Infanterie (wie bei Marengo [Division Desaix]), die dem Feind in den Rücken fallen können. Das ändert zwar nichts an der Tatsache, dass der Treffer einer Musktenkugel in einem menschlichen Körper fürchterliches anrichtet, zeigt aber, dass das die damaligen Schlachten nicht zwangsläufig ein unkontrolliert sinnloses Gemetzel waren.

Im Vergleich zu späteren Zeiten, in denen das Töten weniger persönlich wurde, waren die Verluste seinerzeit sogar vergleichsweise gering. Die Heerführer gewannen oder verloren eine Schlacht auch bei geringeren Verlusten, da nicht die verfügbare Masse an Soldaten, sondern die taktische Handlungsfähigkeit des Truppenkörpers über Sieg und Niederlage entschieden. Das Töten wurde im Zuge der fortschreitenden Technisierung nicht humanisiert, auch wenn es nun weniger unmittelbar, also nicht mehr als Handarbeit stattfand, im Gegenteil. Ich denke, da würden mir alle in den Weltkriegen elend Umgekommenen zustimmen. Würden wir heute noch - nach der geistigen Entwicklung, die der Menschheit achtenswerterweise gelungen ist - unsere Gegner selbst erschlagen müssen - der Krieg wäre vom Aussterben bedroht.

Panzer Hurra
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Le Marquis
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Andre
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BeitragBeitrags-Nr.: 177740 | Verfasst am: 11.11.2009 - 22:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!

Zitat:
Das Töten wurde im Zuge der fortschreitenden Technisierung nicht humanisiert,


Stimmt absolut, ich möchte nur kurz darauf hinweisen das eine gute, alte Musketenkugel eine leichter zu behandelnde Wunde verursachte als die heutigen Sturmgewehre mit dem Kaliber 5,56mm.

Gruß
Andre
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Le Marquis
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BeitragBeitrags-Nr.: 177743 | Verfasst am: 11.11.2009 - 23:10    Titel: Antworten mit Zitat

Das stimmt leider nicht. Eine Musketenkugel riss schon wegen des großen Kalibers ein riesiges Loch. Darüberhinaus war die Ballistik derart schlecht, dass das Geschoss im Körper hin und herschlingerte und einen viel größeren Wundkanal verursachte als beim geraden Durchschlag. Dazu kam die Verunreinigung der Wunde, nicht nur durch die mitgerissenen Kleidungsstücke des Getroffenen, sondern auch durch die unreine Kugel selbst, die Schwarzpulverrückstände an derselben und die Tatsache, dass das Geschoss aus giftigem Schwermetall (Blei) bestand. Verblieb dieses in der Wunde, weil man es nicht entfernen konnte, so war der Tod durch Blutvergiftung auch dann gewiss, wenn die Wunde an sich nicht tödlich war.

@ Andre

Du sprichst sicher von dem bekannten Phänomen, dass ein 5,56mm Projektil sich im Körper schlingern und auch überschlagen kann, weil ihm das nötige Gewicht fehlt und es so leicht aus der Bahn gebracht werden kann. Das kann zwar passieren ist aber eher eine Begleiterscheinung und hat in jedem Fall nicht die Konsequenzen eines Musketentreffers. (In beiden Fällen setze ich eine für die jeweilige Waffe optimale Kampfentfernung voraus)

Panzer Hurra
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Andre
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BeitragBeitrags-Nr.: 177746 | Verfasst am: 11.11.2009 - 23:59    Titel: Antworten mit Zitat

Das hat man mir so als BW-Sanitäter beigebracht. Die Trümmer der 5,56mm Geschosse kann man überall im Körper suchen. Ein kleiner Knochen reicht schon um die Geschosse abzulenken und zu zersplittern. Eine Musketenkugel würde den Knochen durchschlagen.
So könnte es passieren, dass Geschosse mit dem Kaliber 5,56mm die in die Schulter (oder auch das Bein) eines Menschen treffen, selbst durch kleinste Knochen in den Rumpf umgelenkt werden und so doch noch tödlich sein könnten. Das würde einer Musketenkugel nie passieren. Die würde durchmarschieren und hinten wieder rauskommen.

Die von Dir beschriebenen Folgen wären dann natürlich trotzdem gegeben.

Eine Bleikugel im Körper führt nicht automatisch zu einer tödlichen Bleivergiftung. Die Kugel kann vom Körper eingekapselt werden und so jahrelang dort verbleiben oder herauseitern.

Insgesamt alles sehr unschön. Da ziehe ich es vor überhaupt nicht getroffen zu werden!

Gruß
Andre
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Le Marquis
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BeitragBeitrags-Nr.: 177750 | Verfasst am: 12.11.2009 - 00:20    Titel: Antworten mit Zitat

Andre hat Folgendes geschrieben:
Da ziehe ich es vor überhaupt nicht getroffen zu werden!


Dem stimme ich sofort zu.

Ich bin seit 1 1/2 Jahren als Sani im Rettungsdienst unterwegs (Ehrenheini) und fahre die meisten meiner Nachtschichten mit einem ehem. Waffentechniker der BW. Werde da das Thema mal besprechen, haben ja nix besseres zu tun Zwinkern. Hab aber mal eine Doku über die von Muskten angerichteten Schäden gesehen. Dort haben die beim Waffentest einen transparenten Gelantineblock durchschossen, der in etwa den gleichen Widerstand hatte wie ein menschlicher Körper. Das hat übel ausgesehen. Der Vergleichsschuss aus einer modernen Infanteriewaffe (G-36) war dagegen ein chirurgischer Eingriff. Wie gesagt, dass heutige Kleinkaliber ist auch nicht ohne, dass das Projektil bei Knochenberührung zerlegt werden könnte glaube ich aber nicht.

Bei der BW herrscht nach meiner eigenen Erfahrung viel Unwissen und viele Legenden halten sich hartnäckig. Um die Wirkung zu mildern hat man übrigens die erste in der Nato ausgegebene 223.Remington Munition wieder zurückgezogen. Die schrecklichen Beschreibungen ihrer Wirkung im Körper haben sich aber in den Köpfen vieler erhalten und werden auch heute noch verbreitet, obwohl die heutige Munition andere Eigenschaften hat. Gefährliches Halbwissen. Wird aber auch mit Kalkül angewendet um den Feind zu schrecken und den eigenen Leuten Mut zu machen, was sie doch für gefährliche Waffen haben (wo man es ja am Rückstoß nicht mehr feststellen kann).

Getroffen werden ist immer Mist.

Panzer Hurra
Panzer
Le Marquis
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Remontenreiter
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BeitragBeitrags-Nr.: 177783 | Verfasst am: 12.11.2009 - 17:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ihr Wundballistiker,
die kleine 5,6er Kugel hat, je nach Entfernung, ein vielfaches an Geschwindigkeit gegenüber der Bleikugel. Bei den kleinen Kugeln tritt ein sogenannter Schockeffekt mit ein, der auch tödlich sein kann. Die militärischen Geschosse sind aber Vollmantelgeschoße die sich normalerweise nicht zerlegen. Sie können zwar durch harte Gegenstände (Knochen) in ihrer Schußbahn beeinflusst werden, aber verursachen mit Sicherheit keine so große Wunde.
Partisanen haben ihre Geschoße mit der Zange vorne abgekniffen, um ein Taumeln des Geschosses zu bewirken. Ein so rotierendes Geschoß verursacht auch eine größere Verletzung, hat aber nicht die volle Durchschlagskraft.

Die Bleikugel, die meist aus Weichblei besteht, verformt sich schon beim Auftreffen und vergrößert dadurch schon ihr Kaliber.
Dazu kommt wie vorher beschrieben, der Anteil an "Fremdware", Kleider, Dreck ec. die zusätzlich noch die Wunde verunreinigen.
Die damaligen Feldschere hatten nur ein probates Mittel gegen diese Schussverletzungen - Amputation und das alles ohne Narkose und Penicillin
Gruß Andreas
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