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Holger Kotthaus
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BeitragBeitrags-Nr.: 203755 | Verfasst am: 26.04.2014 - 09:47    Titel: Antworten mit Zitat

(NUR EINE GESCHICHTLICHE RANDNOTIZ AUS DEM II. WELTKRIEG)

25 Jahre später wiederholt sich eine ähnlich abenteuerliche Geschichte in diesem entfernten Winkel am Roten Meer. Erneut gelingt es deutschen Frachtern den
schützenden italienischen Hafen Massawa zu Begin des 2. Weltkrieges, im August und September 1939 anzulaufen. Es handelt sich hierbei um die folgenden
zehn Handelsschiffe: BERTRAM RICKMERS, COBURG, CREFELD, LICHTENFELS, LIEBENFELS, ODER, OLIVA, WARTENFELS, FRAUENFELS sowie der GERA. Aus den
Besatzungsmitgliedern und weiteren deutschen Freiwilligen aus Kenya und Britisch-Tanganjika, wird im Juli 1940 eine Freiwilligenkompanie in Asmara aufgestellt.
Diese beteiligt sich bis zu ihrem Untergang im Mai 1941 als Verbündete der Italienischen Kolonialtruppen aus Eritrea an den Kämpfen im Sudan und Äthiopien.
Den letzten Überlebenden sollen an Bord von vier italienischen U-Booten der Ausbruch aus Italienisch-Ostafrika über den Indischen Ozean und den Atlantik in
das besetze Frankreich gelungen sein, nachdem diese durch den deutschen Hilfskreuzer Schiff 16 ATLANTIS und das Troßschiff NORDMARK versorgt wurden.
Vergleiche hierzu:
Deutsche Freiwillige Motorisierte Kompanie in Eritrea: http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Freiwillige_Motorisierte_Kompanie_in_Eritrea
Deutsche Handelsschiffe in Massawa 1939-1941: http://www.ddghansa-shipsphotos.de/lichtenfels200.htm
Deutsche Freiwillige in Ostafrika: http://www.deutsches-afrika-korps.de/viewtopic.php?f=78&t=2347
Italian Empire-Fight for Eritrea: http://www.youtube.com/watch?v=dj0M9q8LNF4
Der Seekrieg im März 1941: http://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/41-03.htm

(ABER DAS NUR AM RANDE, WEIL ICH ES AUCH GANZ INTERESSANT FAND)
.


Ergänzung vom 28. Juli 2014

Auf der Suche nach den Vorgängen in Massawa während des 1. Weltkrieges stößt man zwangsläufig immer wieder auf die
entsprechenden Ereignisse während des 2. Weltkrieges, vor allem wenn sie, in einer mir nicht geläufigen Sprache erfolgen.

Hier ein sehr interessanter Link, der zwar in Italienisch geschrieben wurde aber sehr viele seltene Fotos und Karten enthält:

La Scapa Flow del Mar Rosso ("Das Scapa Flow des Roten Meeres") von Vincenzo Meleca, August 2011, pdf. 36 Seiten
http://www.ilcornodafrica.it/st-melecascapaflow.pdf

Gruß Holger

.


Zuletzt bearbeitet von Holger Kotthaus am 28.07.2014 - 18:15, insgesamt einmal bearbeitet
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Holger Kotthaus
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BeitragBeitrags-Nr.: 203776 | Verfasst am: 01.05.2014 - 18:50    Titel: Antworten mit Zitat

.

In diesem Jahr vollendet sich der 100-jährigen Jahrestag für den Beginn des 1.Weltkrieges. Der `RUN´ zum Start auf `DAS´ Datum im Sommer diesen Jahres
hat längst begonnen. Viele Autoren und Verlage haben bereits ihre `Startlöcher´ verlassen um sich diese kommerzielle Gelegenheit nicht entgehen zu lassen,
und etliche Werke sind zu diesem Thema bereits in letzter Vergangenheit erschienen; die Auslagen der Büchergeschäfte sind voll davon. Einige dieser Werke
sind recht überflüssig; andere wiederum völlig neu in Ihrer Aussage. Vielleicht waren wirklich diese 100 Jahre Abstand zum Beginn des 1. Weltkrieg nötig, um
Werke eines N. Ferguson (Der falsche Krieg), und der von C. Clark (Die Schlafwandler), zu ermöglichen. Bezeichnenderweise beide von ehemaligen Gegnern.


Auch die Bundeszentrale für politische Bildung hat im April 2014 einen Beitrag veröffentlicht, der in diesen Thread paßt, und im Folgenden auszugweise
wiedergegeben ist. Meiner Ansicht nach eine sehr gut gelungene Zusammenfassung. Auch hier ist bereits ein neuer und objektiverer Zeitgeist zu spüren.

DER KRIEG AN DER PERIPHERIE – MITTELASIEN UND NORDAFRIKA


Operationen in Ägypten und Abessinien


Eine andere deutsch-jungtürkische Hoffnung richtete sich auf Nordafrika, insbesondere Ägypten. Das Land am Nil war bereits seit 1882 von britischen
Truppen besetzt und die Macht des ägyptischen Khediven Abbas II. immer stärker beschnitten worden. Mit ganz ähnlichen Ideen, wie sie die Jungtürken
im Osmanischen Reich hatten, entwickelte sich in diesem Umfeld eine spürbare, wenn auch zersplitterte ägyptische Nationalbewegung. Unmittelbar nach
dem osmanischen Kriegseintritt setzten die Briten Abbas II. unter dem Vorwand ab, mit antibritischen Nationalisten in Kontakt zu stehen. An seiner Stelle
installierten sie den machtlosen Sultan Hussein Kamil. Von ihm erzwangen sie die Umstellung der ägyptischen Wirtschaft auf britische Bedürfnisse, was
zu einer Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führte. Dieser soziale und politische Sprengstoff, so die Hoffnungen in Berlin und Istanbul, musste ex-
plodieren, wenn es gelänge, militärisch über den Suezkanal hinweg vorzustoßen.

Bereits im August 1914 hatten die deutsche und jungtürkische Diplomatie versucht, sich sowohl die Unterstützung des zu diesem Zeitpunkt noch im Amt
befindlichen Abbas II. zu sichern, als auch ihre Kontakte zur jungägyptischen Bewegung zu intensivieren. Allerdings kam man bald zu der Einschätzung,
daß Abbas II. zu unzuverlässig sei und auch die Jungägypter nicht über ausreichend Rückhalt im Land verfügten. Zudem scheiterte Anfang Februar 1915
der osmanische Angriff in Richtung Suezkanal. Anders als nach Ausrufung des "Heiligen Krieges" erhofft, kam es zu keinen Rebellionen unter den
muslimischen Soldaten der britisch-indischen Truppen in Ägypten. Ebenso blieb die einkalkulierte Erhebung der arabischen Beduinenstämme auf dem
Sinai auf Seiten der Osmanen aus. Ohne eine Destabilisierung Ägyptens, so wurde klar, konnte der Suezkanal nicht unter Kontrolle gebracht werden.

An dieser Stelle kam ein bis dahin von Deutschland wenig beachteter neutraler Staat ins Blickfeld, das nordostafrikanische Kaiserreich Abessinien. Dieses
alte christliche Reich im äthiopischen Hochland hatte in den Jahrzehnten zuvor die imperialistischen Rivalitäten zwischen Frankreich (Djibuti, Zentralafrika),
Großbritannien (Nordsomalia, Ostafrika) und Italien (Eritrea, Somalia) geschickt zu nutzen gewußt, um seine Unabhängigkeit zu verteidigen. Ja mehr noch,
unter der Herrschaft von Menelik II. (1889–1913) hatte Abessinien selbst eine Rolle als expandierende Regionalmacht eingenommen. Der Sieg über
italienische Kolonialtruppen in der Schlacht von Adwa 1896 hatte nicht zuletzt in Deutschland dazu geführt, Menelik als den "Bismarck Afrikas" zu verklären.
Wenn auch in seinen Möglichkeiten stark überschätzt, so stellte Abessinien doch einen ernstzunehmenden Faktor an der Peripherie dar. Walter Zechlin,
der vor dem Krieg deutscher Gesandter in Addis Abeba gewesen war und später als Konsul in Tétouan die deutschen Revolutionierungsversuche in
Marokko steuerte, schätzte 1912 die Schlagkraft der abessinischen Streitkräfte auf immerhin 200.000 Mann.

Zudem waren die Beziehungen zu Großbritannien seit Jahren stark belastet, da Abessinien eine wichtige Basis für Waffenschmuggler in den unruhigen
Sudan und zu der seit 1899 sehr erfolgreichen muslimischen Aufstandsbewegung von Mohammed Abdullah Hassan ("Mad Mullah") in Somalia darstellte.
[16] Von großer strategischer Bedeutung war jedoch, dass in Abessinien eine der beiden Quellen des Nils lag. Nicht zuletzt die Briten selbst waren sich
bewusst, dass eine Blockade des Blauen Nils schwerwiegende Folgen für die sozioökonomische Situation für alle Regionen flußabwärts haben musste.
Ein Eingreifen Abessiniens auf deutscher Seite hatte das Potential, aus vielen schwelenden Bränden ein großes Feuer zu entfachen. In Somalia waren
die Briten 1915 bereits bis auf wenige Küstenbastionen zurückgewichen. Der Sudan war seit der Zerschlagung des fundamentalistischen Mahdi-Staates
1898 nie zur Ruhe gekommen. Ausgehend von Libyen bekämpfte der einflußreiche sufistische Senussi-Orden auch die britische Kolonialherrschaft in
Westägypten und drohte zudem, das weiter südlich gelegene autonome Fur-Sultanat auf seine Seite zu ziehen.[17]


Zünglein an der Waage?

Deutschland stand nicht im Verdacht, imperiale Interessen gegenüber Abessinien zu verfolgen. Hinzu kam der günstige Umstand, dass Iyasu V. , der junge
Enkel des verstorbenen Meneliks, der 1913 die Herrschaft in Abessinien übernommen hatte, deutliche Sympathien für das Deutsche und Osmanische Reich
zeigte. Während die Senussi durch deutsche Waffenlieferungen und jungtürkische Offiziere unterstützt wurden, nahmen nun auch die deutschen Bemühungen
zu, den jungen Herrscher zu einem Kriegseintritt zu bewegen. Zu diesem Zweck entsandte das Auswärtige Amt, ähnlich der Afghanistan-Expedition, im
November 1914 unter Leitung des Ethnologen Leo Frobenius eine geheime Mission in Richtung des äthiopischen Hochlands. Allerdings endete diese in
Eritrea, wo ihr die italienischen Kolonialbehörden die Weiterreise verweigerten.[18] Auch spätere Unternehmungen kamen nie über das Rote Meer hinaus.
Die gegnerische Spionageabwehr war über derartige Versuche indes genug erschreckt, um die Regierungen zum Handeln zu veranlassen. In den deutschen
Gesandtschaftsberichten fanden sich bald vermehrt Beobachtungen, wonach vor allem die britische Gesandtschaft ihre Bemühungen intensivierte, die
antiroyalistische Opposition in Abessinien durch große Geldschenkungen für sich zu gewinnen. Zusätzlich wurden Gerüchte geschürt, dass Iyasu V. das
alte christliche Kaiserreich islamisieren wolle.[19] Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der Anteil der muslimischen Bevölkerung des Landes infolge der
Eroberungen unter Menelik II. seit den 1880er Jahren erheblich angestiegen war. Ob aber Iyasu wirklich plante, die muslimischen Eliten maßgeblich in den
Staat einzubinden, ist umstritten.

Im Spätsommer 1916 kam es schließlich zum Sturz Iyasus: Zusammen mit einem Großteil der Minister erklärten die höchsten Kirchenvertreter ihn für ab-
gesetzt. Zum vorläufigen Regenten und zukünftigen Thronerben erklärten die Putschisten den 18-jährigen Sohn eines einflußreichen Provinzgouverneurs,
Tafari Makonnen, später bekannt als der letzte äthiopische Kaiser Haile Selassie I. Die deutschen Staatsbürger im Land wurden interniert. Zwar führte der
abgesetzte Iyasu noch über mehrere Jahre mit Unterstützung somalischer Stämme einen Kleinkrieg, spielte aber als Machtfaktor keine Rolle mehr. Sollte
die britische Diplomatie jedoch Hoffnungen auf einen aktiven Kriegseintritt Abessiniens unter der neuen Führung gehegt haben, so wurden diese enttäuscht.
Der neue Regent Tafari Makonnen bewahrte Distanz zu den ausländischen Mächten und lockerte sogar schon bald die Internierungsbedingungen für die
deutsche Gesandtschaft. Auf das wiederholte Drängen der Entente auf eine unmittelbare Kriegsbeteiligung und Entsendung abessinischer Truppen an die
syrische Front ging er nicht ein.[20]


Revolutionierungspolitik: Geschichte des Scheiterns?

Zum Zeitpunkt des Sturzes von Iyasu V. waren die jungtürkisch-deutschen Ambitionen in Nordafrika eigentlich bereits gescheitert. Spätestens seit der
Gallipoli-Schlacht 1915 war das osmanische Militär nicht mehr in der Lage, an der Sinai-Front größere Operationen zu unternehmen. Hinzu kamen die
zunehmend erfolgreichen Bemühungen des von Kairo aus operierenden britischen Geheimdienstes, Aufstände auf der Arabischen Halbinsel gegen das
jungtürkische Regime zu schüren.

Zwar hatte sich der Herrscher des Fur-Sultanats Sultan Ali Dinar Ende 1915 offen dem "Heiligen Krieg" gegen die Briten angeschlossen, war allein aber
zu schwach. Zwischen Mai und November 1916 wurde der Widerstand Darfurs mit einer britischen Interventionstruppe gebrochen. Ähnlich erging es den
Senussi. Diese hatten – nach einigen Erfolgen gegen die Italiener in Libyen – den britischen Truppen seit Ende 1915 mehrere Niederlagen in Westägypten
und im Sudan beigebracht. Auf Dauer waren sie jedoch militärisch zu schwach. Da halfen auch die spärlichen Waffenlieferungen mittels deutscher U-Boote
wenig.[21] Im August 1918 wurden die letzten Senussi-Truppen eingekesselt. Der Führer des Ordens, Ahmad asch-Scharif, floh auf einem deutschen U-Boot.
Trotzdem gelang es seinem Cousin Muhammad Idris, dem späteren König von Libyen, in Verhandlungen dem Orden einen Teil seines Einflusses zu bewahren.

Auch die Entente betrieb Ansätze einer Revolutionierungspolitik, sei es mit der Unterstützung von arabischen Aufständen (Lawrence von Arabien) oder von
nationalistischen Kräften gegen den habsburgischen Vielvölkerstaat.[22] Diese Politik war in der Anfangszeit des Krieges nicht minder improvisiert und von
geringem Erfolg beschieden. Erst 1917, als der Erschöpfungskrieg innere Zerfallsprozesse hervortreten ließ, zeigten diese Operationen nennenswerte Erfolge
und trugen 1918 mit zum Zerfall Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reiches bei.

Die deutsche und die jungtürkische Politik waren zwar hoch ambitioniert, doch mangelte es nicht nur an einer in sich stimmigen Strategie, sondern auch an den
personellen und materiellen Mitteln. Besonders das Deutsche Reich verfügte über nur wenige orienterfahrene Spezialisten. Hinzu kam das nicht minder große
Problem der Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten. Die Entfernungen waren riesig. Alle wichtigen Telegrafenleitungen waren in der Hand von Gesell-
schaften aus gegnerischen Staaten. Telegramme von Berlin bis in die Hauptstadt des neutralen Persiens dauerten fast eine Woche. Ost- und Südpersien oder
gar Afghanistan waren damit so gut wie nicht erreichbar. Eine Alternative wurde in der neuen Funktechnik gesucht. Ausgehend von der ab 1916 stark aus-
gebauten Großfunkstelle im brandenburgischen Nauen wurde eine zweite Großfunkstation am Bosporus errichtet. Diese wiederum wurde gekoppelt mit
Telegrafenstationen und kleinen, neu errichteten Funkeinrichtungen im Nahen Osten. 1917 existierten zudem mobile Funkstationen in Westpersien, die eine
brüchige Nachrichtenübermittlungen nach Afghanistan erlaubten. Das Bemühen, eine dauerhafte Kommunikation bis Mittelasien, Arabien und Nordostafrika
aufzubauen war aber nicht von Erfolg gekrönt.

Ohnehin erwies sich die bereits in den Vorkriegsjahren aufkeimende Vorstellung eines Zusammenbruchs der britischen und französischen Kolonialherrschaft
in den muslimischen Regionen durch einen "Heiligen Krieg" als Wunschtraum. Weder politisch noch religiös war das Osmanische Reich noch in der Lage, mit
der Ausrufung eines Ğihād Einfluss zu nehmen. Der Aufruf verpuffte weitgehend wirkungslos und hatte auch nichts mit dem religiös motivierten antikolonialen
Widerstand in Libyen oder Somalia zu tun. Entsprechend wertet auch der Historiker und zeitweilige deutsche Botschafter in Kabul Hans-Ulrich Seidt die
Revolutionierungspolitik als "Krieg der Amateure".[23] Der einzige Erfolg wurde 1917 in einer ganz anderen Region, in Rußland, erzielt. Dort gelang es mit
der Einschleusung von Lenin und anderer im Schweizer Exil befindlicher Revolutionäre, den Sturz der Regierung durch die Oktoberrevolution und der darauf
folgenden Ausscheidung Rußlands aus dem Krieg herbeizuführen. Allerdings sollte sich dieser Erfolg schon bald als Bumerang für die deutsche Reichs-
regierung erweisen.

Militärisch mögen die Geheimoperationen an der Peripherie kaum entscheidend zum Verlauf des Krieges beigetragen haben, doch waren die Folgen vielfältig.
Die vom britischen Geheimdienst in Arabien geschürte Aufstandsbewegung entwickelte eine starke Eigendynamik und prägte die politischen Verhältnisse im
Nahen Osten nachhaltig mit. Afghanistan verweigerte sich zwar dem deutschen Drängen zu einem Kriegseintritt, suchte aber seit 1919 immer wieder engere
Kontakte nach Deutschland. In Abessinien provozierten die deutschen Aktivitäten in erheblichem Maße den dortigen Putsch im Herbst 1916 mit, wodurch die
sich abzeichnende Annäherung des Herrscherhauses an die große islamische Bevölkerung des Reiches ein abruptes Ende fand. Statt dessen begann der
Aufstieg des späteren Kaisers Haile Selassie I. , der versuchte, Abessinien in einen modernen, christlich-amharischen Nationalstaat zu transformieren. Weiter
im Westen erlosch das Sultanat von Darfur und wurde nun Teil des anglo-ägyptischen Sudans. Auch dieses Erbe sollte noch Folgen haben. Bis heute konnte
Darfur nicht in den Sudan integriert werden; seit der Eskalation 2003 bleibt der Darfur-Konflikt ein ständiger Brandherd.

Insgesamt jedoch zeigt die Kriegspolitik an der Peripherie, dass ein neuer Typus des modernen Krieges heranwuchs. Dank neuer Kommunikationsmittel,
moderner Propaganda und neuer Waffen wie dem U-Boot und bald auch der Luftstreitkräfte entstand eine globale Kriegsführung, der sich zukünftig auch
Kolonien und neutrale Staaten nicht mehr entziehen konnten.“


Textquelle:
bpb – Bundeszentrale für politische Bildung, Dr. Björn Opfer-Klinger, Internetbeitrag vom 10. April 2014

http://www.bpb.de/apuz/182562/der-krieg-an-der-peripherie-mittelasien-und-nordafrika?p=all




Das Frobenius-Institut an der J. W. Goethe-Universität bereitet sich ebenfalls auf das 100-jährige Jubiläum mit einer Ausstellung vor:

“ Das historische Museum Frankfurt zeigt ab September 2014 eine Ausstellung über Wissenschaft und Propaganda im Ersten Weltkrieg.
Im Zentrum steht dabei ein Bestand an Fotografien aus dem Frobenius-Institut an der Universität Frankfurt. Sie zeigen kriegsgefangene
Kolonialsoldaten aus Nordafrika und aus dem sub-saharischen Afrika in ausgezeichneten Porträtaufnahmen. Sie stammen möglicher-
weise aus dem »Halbmondlager« im brandenburgischen Wünsdorf.“

Textquelle:
http://www.netzwerk-fotoarchive.de/das-n ... -historischen-museums-frankfurt-am-main/

.
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Holger Kotthaus
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BeitragBeitrags-Nr.: 203807 | Verfasst am: 08.05.2014 - 16:49    Titel: Antworten mit Zitat

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DAS SCHICKSAL DER BESATZUNG DEUTSCHER HANDELSSCHIFFE IN MASSAWA WÄHREND DES 1.WK





Teil 2 (von 7) – Die Zusammenhänge mit dem Geheim-Unternehmen des Leo Frobenius von Eritrea nach Abessinien und Asír

– INDEX –

KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. a.) . . . Die QUELLENLAGE (I. – Primärquellen / II. – Sekundärquellen)
KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. b.) . . . DIE PERSON FROBENIUS – Hintergründe britischer Aversion
KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. c.) . . . DER FÜHRER DER GEHEIMMISSION – Rudolf Slatin, Karl Neufeld oder Leo Frobenius?
KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. d.) . . . DAS ZIEL DER GEHEIMMISSION – Kaiserreich Äthiopien oder Anglo-Ägyptischer Sudan?
KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. e.) . . . DIE WEITEREN EXPEDITIONSTEILNEHMER
KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. f.) . . . .GEHEIMMISSION “ HIDDEKK “ – (“ Hauptsache Ist Das Die Engländer Keile Kriegen “)
KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. g.) . . . ERITREISCHER - FOTO - REPORT – MassawaAsmaraKeren
KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. h.) . . . ÄTHIOPISCHER - FOTO - REPORT – Addis AbabaSegeleDessieHarar
KAPITEL IV – 1915 – TEIL 2 - I. i.) . . . .SUDANESISCHER - FOTO - REPORT – SuakinSinkatPort Sudan





TEIL 2 - I. c.) DER FÜHRER DER GEHEIMMISSION – Rudolf Slatin, Karl Neufeld oder Leo Frobenius ?


Wie kam es nun dazu, daß der Afrikaforscher Leo Frobenius letztendlich als Führer dieser Geheim-Operation eingesetzt wurde, und wer hatte ihn beauftragt?
Über welche Erfahrungswerte verfügte er im Zielgebiet? Was sprach für; und was gegen den bekannten Ethnologen? Gab es noch weitere Kandidaten für die
Mission und welche Eignung besaßen sie? In den folgenden Beiträgen wollen wir diesen Fragen detaillierter nachgehen und versuchen Antworten zu finden.


Bei Beginn des 1. Weltkrieges konnte das Deutsche Reich auf eine, nur knapp dreißigjährige Entwicklungsphase eigener Kolonien zurückblicken. Im Gegen-
satz zu britischen und französischen Kolonialreichen, die seit mehreren hundert Jahren bestehen, beschränken sich deutsche Erfahrungswerte nur auf eine
Generation kolonialer Verwaltungsbeamten und militärisch ausgebildetem und erfahrenem Personal. Auch blieben deutsche Siedler in eigenen Kolonien eine
Ausnahme. Auf Österreichisch-Ungarischer Seite sah die Situation noch schlechter aus, da der Vielvölkerstaat keine Kolonien besaß. Die Mittelmächte durch-
liefen bei Kriegsbeginn noch eine Lernphase in der zwangsläufig Fehler gemacht wurden, zeigten aber andererseits einen Grad an Initiative und Euphorie, auf
die der Kriegsgegner nicht vorbereitet war. Während das Deutsche Reich noch in den Kinderschuhen steckte war diese Entwicklung bei der Entente längst ab-
geschlossen. Selbst deutsche Forscher waren in der Vergangenheit in erster Linie auf die Unterstützung Ausländischer Institute und Gesellschaften oder auf
private Initiativen angewiesen. Das Interesse in der deutschen Öffentlichkeit an Überseeischen Besitzungen blieb bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhundert, bis
auf wenige Ausnahmen gering. Damit entfiel auch der Hintergrund für die wichtigsten personellen Ressourcen auf Seiten der Mittelmächte. In Deutschland und
Österreich-Ungarn, gab es im Vergleich zu den beiden dominierenden Kolonialmächten England und Frankreich, kaum geeignetes Personal die über solche Er-
fahrungswerte verfügten und auf die man zurückgreifen konnte. Einzig das Osmanische Reich besaß, als neuer Verbündeter auf Seiten der Mittelmächte, die
längsten Erfahrungen in diesen, ihren ureigenen Gebieten und damit über ortskundiges und befähigteres Personal. Die Gründe, die dann den Einsatz eines
türkischen Führers für eine deutsche Mission verhindert haben, dürften auf der Hand liegen. Die Unterschiedlichkeit orientalischer und europäischer Mentalität
sowie der jeweiligen Ansprüche hätte eine solche Konstellation unmöglich gemacht. Darüber hinaus achtete die deutsche Seite peinlich darauf, daß während
des gesamten Krieges kein direktes Unterstellungsverhältnis von deutschen Mannschaften unter türkischen Offizieren entstand. Nicht zuletzt führten die Sprach-
probleme zwischen Deutsch, Türkisch, Arabisch, Persisch und Französisch zu Mißverständnissen und verstärkten Vorurteile und Mißtrauen auf beiden Seiten.
Stellte die Koalitionskomponente schon bei regulären deutschen und türkischen Einheiten an der Front ein nicht unerhebliches Konfliktpotential dar, so hätten
solche Differenzen in der Kommando- und Sozialhierarchie während einer verdeckten Geheimmission in Feindesland unweigerlich deren Scheitern verursacht.


Anfang September 1914 war sich noch keine der im Kriegszustand befindlichen Nationen über die wirklichen Dimensionen des zukünftigen Weltkrieges bewußt.
Erst im Spätherbst 1914 ahnen einige der Beteiligten langsam welch globale Tragweite dieser Krieg entwickeln könnte, nachdem die Kampfhandlungen auch
auf den Afrikanischen Kontinent und den Fernen Osten übergesprungen waren. Als sich dann im November auch noch das Osmanische Reich auf die Seite der
Mittelmächte schlägt, wird klar, daß keiner auf solche Ausmaße und Anforderungen vorbereitet ist. Besonders im Deutschen Reich werden nun fieberhaft die zu-
künftige Operationsgebiete und möglichen Szenarien durchgespielt. Hierbei tauchen als Schwerpunt immer wieder der Nahe Osten und das Nördliche Afrika auf.
Dieses galt sowohl für die klassische Konfrontation in diesen Zielgebieten, als auch für neue strategische Konzepte in der asymmetrischen Kriegsführung, wie:
Verdeckte militärische Operationen, Revolutionierungskonzepte, Propagandaaktivitäten und geheime politische Missionen um neue Verbündete zu gewinnen.
(Über die weiteren Hintergründe hierzu, siehe später: TEIL 2 - I. d.) DAS ZIEL DER GEHEIMMISSION – Kaiserreich Äthiopien oder Anglo-Ägyptischer Sudan ?)


Überhastet und ohne gründliche Vorbereitung entsenden das Auswärtige Amt und der Große Generalstab im Spätsommer und Herbst etliche Missionen.
Bei der Wahl des Führers einer Geheimmission mit dem Endziel Afrika kamen drei, damals recht prominente Personen in Frage. Der bis dato in britischen
Diensten stehende Generalinspekteur Rudolf Slatin, der Kaufmann Karl Neufeld und der Afrikaforscher und Ethnologe Leo Frobenius. Um eines Vorweg zu
nehmen; keiner von ihnen war jemals zuvor in Äthiopien. Schon die schematische Gegenüberstellung der Grunddaten zeigt bereits einige Unterschiede auf:

Rudolf Slatin . . .geb.1857 / Als 17-jähriger erstmalig 1874 im Sudan / 40 Jahre Erfahrungen im Land
Karl Neufeld . . . geb.1856 / Als 23-jähriger erstmalig 1879 im Sudan / 35 Jahre Erfahrungen im Land
Leo Frobenius . .geb.1873 / Als 24-jähriger erstmalig 1897 im Sudan / . .1 Jahr Erfahrung im Land

Die drei Männer waren sich vorab schon im Sudan begegnet. Leo Frobenius hatte Slatin Pascha in Khartum anläßlich seiner dortigen Forschungsexpedition im
Jahr 1912 flüchtig kennengelernt. Ob sich Karl Neufeld und Leo Frobenius jemals begegnet sind, ist nicht ersichtlich. Slatin Pascha und Karl Neufeld trafen als
Gefangene der Maydiah 1887 in Omdurman kurz aufeinander, gingen sich aber in den folgenden 27 Jahren, wahrscheinlich sogar bewußt aus dem Weg. Es ist
von besonderem Interesse die Vorgeschichte, die Kenntnisse, Eigenschaften und Erfahrungen näher zu untersuchen und was dazu führte das Frobenius aus-
gewählt wurde und nicht Slatin oder Neufeld. Sie standen sich hierbei allerdings nie in Konkurrenz gegenüber, da es keine Selektion durch ein Auswahl- oder
Ausschlußverfahren gegeben hatte. Die Charaktere dieser drei Akteure hätten nicht gegensätzlicher sein können. Um eine bessere Vorstellung über die Eigen-
schaften und Erfahrungen zu erhalten, muß man näher auf die Mentalität und Geschichte dieser drei Abenteurer eingehen. Ein jeder von ihnen hatte sich bereits
in diesem Teil Afrikas unterschiedlich lange aufgehalten. Ein jeder hatte auch seinen eigenen Weg beschritten um in die nähere Auswahl zu gelangen. Teilweise
war auch das Aufgabengebiet erst durch ihre Erlebnisse definiert worden. Die folgenden Ausschnittsbiographien werden sich auf Vorgänge beschränken, welche
dazu führten Slatin, Neufeld und Frobenius in die Auswahl einzubeziehen, die Führung der Geheimmission auf beiden Seiten des Roten Meeres zu übernehmen.

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Sir Rudolf Anton Carl, Geheimrat, Freiherr und Baron von Slatin Pascha [Abdel Kadr Saladin] *7.Juni 1857 – 4.Oktober 1932
Generalinspektor und Colonel der Anglo-Ägyptischen Armee im Sudan



1874 - 1885
Wohl keine andere deutschsprachige Person, die, Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit Ereignissen auf dem afrikanischen
Kontinent steht, schaffte es derart in das internationale Rampenlicht zu rücken, wie der Österreicher Rudolf Slatin. Die, für das Thema relevante Handlung
im Sudan beginnt schon im Jahr 1874 als sich der 17-Jährige auf die Anzeige eines Buchhändlers in Kairo für einen Gehilfen mit Fremdsprachen- und kauf-
männischen Kenntnissen bewirbt und unmittelbar nach Ägypten reist. Für einen jungen und ehrgeizigen Abenteurer bietet Ägypten und der Sudan Kariere-
Chancen, die in europäischen Armeen und Verwaltungen nicht vorhanden sind. Dort lernt er den deutschen Forschungsreisenden Theodor von Heuglin
sowie den Konsularbeamten Karl Friedrich Rosset kennen und nimmt die Gelegenheit wahr um erstmalig in die Nubaberge der sudanesischen Provinz in
Kordofan zu reisen. Für die geplante Weiterreise nach Dafur wird ihm aber aus Sicherheitsgründen die Genehmigung verweigert. Zurück in Khartoum, dem
Verwaltungssitz des Osmanisch-Ägyptischen Sudan begegnet er dem deutschen Arzt Dr. Eduard Schnitzer, der später einen ähnlichen Bekanntheitsgrad
erreichen wird wie Slatin. Schnitzer ist 17 Jahre älter und steht schon seit 10 Jahren in türkischen Diensten. Die Freundschaft zu ihm ermöglicht Slatin, den
Gouverneur von Äquatoria, Charles Gordon kennenzulernen. Während eines zweijährigen Intermezzo in seinem Heimatland, leistet er seine Militärzeit und
erhält, als Leutnant der Reserve im Juli 1878 von dem, mittlerweile zum Generalgouverneur des Sudan ernannten Gordon, das Angebot für eine Position im
Mittarbeiterstab. Gordon nimmt den jungen Österreicher, mit einer für ihn ungewohnt, väterlichen Herzlichkeit auf. Der beeindruckende und immer liebens-
würdige `Wiener Charme´ des jungen Mannes wird ihm später auch noch andere Vorteile ermöglichen. Slatin wird zunächst Finanzinspektor ehe er 1879
zum Mudir von Dara, 200 km südlich von El Fascher, der Haupstadt des Darfur wird. Im Dezember 1880 fällt der Italiener Bartolomeo Messedaglia Bey in
Ungnade und Slatin kann seine Kariere fortsetzen, als er im April 1881 mit 24 Jahren vom Khediven Tawfiq Pascha zum Nachfolger, als Gouverneur von
Darfur
ernannt wird. Doch schon drei Monate später, im August 1881 beginnt der Aufstand des Mahdi, der zu schrecklicher Berühmtheit gelangt und in den
nächsten 17 Jahren den “ Aufstieg und Untergang des erst ersten islamischen Gottesstaates“ (s.u.) verursacht. Slatin ist in der westlichsten Provinz Darfur
über ein Jahr abgeschnitten und bemühte sich, auch durch militärische Maßnahmen dieses riesige 350.000 qkm2 große Gebiet für die Regierung in Kairo,
und gegen die Truppen des Mahdi zu sichern. Um in seiner Truppe die Stimmen gegen ihn, dem einzigen Christen zu entkräften, entscheidet sich Slatin für
einen ungewöhnlichen Schritt: “Lange überlegte ich, was ich gehört hatte, und gelangte nach einer schlaflosen Nacht zu dem schweren Entschluß, mich vor
meinen Soldaten als Mohammedaner zu bekennen.
“ (s.u.) An einem frühen Sommertag des Jahres1883 erklärt er, vor den noch verbliebenen Garnisons-
truppen in Dara: “Ich bin kein Ungläubiger, sondern ebenso ein Gläubiger wie ihr. Ich bekenne, daß es keinen Gott gibt außer Gott, und das Mohammed
sein Prophet ist
.“ (s.u.) Sein Entschluß zum Islam zu konvertieren, versucht er in Gefangenschaft in mehren geheimen Nachrichten und später, nicht nur in
seinem Buch als unbedingt notwendige, lebenserhaltene Maßnahme zu rechtfertigen. “ Was die Religion anlangte, so war schon der jüdische Glaube seiner
(Slatins) Vorfahren gegen das christlich-katholische Bekenntnis eingetauscht worden. Die Menschen Osteuropas und des östlichen Mitteleuropa hatten durch
die Wechselfälle der Geschichte in Jahrhunderten einen Instinkt für das „Überleben“ -auf das allein es oft ankam- entwickelt. Rodolf Slatin gehörte zu diesem
Menschenschlag und handelte dementsprechend.
“ (s.u.) Nach weiteren katastrophalen Niederlagen der Ägyptischen Armee gegenüber den Truppen des
Mahdis muß schließlich auch Slatin Heiligabend 1883 in Dara seine Unterwerfung anzeigen und gerät in Gefangenschaft. “Dara war ein wenig anziehender
Ort, aber das mächtige Fort, ein Geviert aus gemauerten Steinen, 450 Meter lang, 270 Meter breit und 4 Meter hoch, war die militärische Schlüsselstellung in
diesem Gebiet. Auch die unterhalb liegende Stadt, die in der Hauptsache aus Stroh- und Lehmhütten bestand, besaß als Handelsplatz einige Bedeutung.
Zusammen mit der Garnison hatte sie damals sieben- bis achttausend Einwohner.
“ (s.u.) Ein ehemaliger `Alter Gegner´, der Rizeigat Sheikh Musa Maddibo,
Führer der Baggara übergibt Slatin an den Mahdi mit den prophetischen Worten: “ Ich bin nur ein Araber, doch höre auf meine Worte. Sei folgsam und geduldig;
übe vor allem diese Tugend, den Gott ist mit den Geduldigen.
“ Jetzt in Omdurman, der neuen Haupstadt des Sudan, muß Slatin sein diplomatisches Geschick,
seine Anpassungsfähigkeit und seinen geradezu außergewöhnlichen Überlebenswillen für die nächsten zehn Jahre unter Beweis stellen. Seinem neuen Herrn,
tritt er in der jibbah entgegen, die alle Anhänger des Mahdi kennzeichnet, kniet vor ihm nieder, küßt seine Hand und spricht ihm die Worte der Beia, dem Treue-
eid nach, indem er schwört, “dem Mahdi in all seiner Güte nie ungehorsam zu sein und sich seinen Pflichten in diesem religiösen Kriege niemals zu entziehen.“



1885 - 1895
Nach zehnmonatiger Belagerung wird schließlich auch Khartum am 26. Januar 1885 vom Mahdi und seinen Ansar erobert. Bei den Kämpfen in der Stadt wird
Slatins Vorgesetzter General Charles Gordon ebenfalls getötet, aber auch sein Widersacher der Mahdi verstirbt 5 Monate später und durch seinen Nachfolger,
Abdullāhi bin Sayyid Muhammad, dem Khalifa ersetzt. “Slatin war zweifelsohne der wertvollste Gefangene des jähzornigen und brutalen Mannes, und obwohl
der Khalifa ihn oft schlecht behandelte, gelang es dem Wiener dennoch, sich aufgrund seiner heiteren Art und Pfiffigkeit eine Sonderstellung zu erkämpfen. Slatin
erhielt zahlreiche Vergünstigungen und Vorrechte, die die anderen europäischen Gefangenen nicht hatten, balancierte aber auch ständig auf dem glatten Parket
der Unberechenbarkeit seines Herrn und Meisters und lernt schnell, die unkontrollierbaren und gefährlichen Wutausbrüche des Khalifa vorauszuahnen und im
Keim zu ersticken. Er amtierte zuweilen als –wenn auch streng bewacht- Quartiermeister des Khalifa, konnte über einen eigenen Haushalt mit vier Dienern ver-
fügen und durfte auch manchmal Expeditionen ins Landesinnere begleiten.
“ (s.u.) Durch seine Sprachkenntnisse in Deutsch, Französisch, Englisch und Arabisch
erwirbt sich Slatin auch als Schreiber und Dolmetscher die Gunst der Führerschaft, und weil er freiwillig zum Islam übergetreten war, sichert er sich auch das
Vertrauen des Khalifa. “ Er (Slatin) erlebte unter dessen (Khalifas) Regierung sogar einen geradezu kometenhaften Aufstieg, der ihm nicht nur den Neid mancher
Mitgefangenen, sondern später nach seiner Flucht auch den Verdacht eintrug, wegen seiner großen Anpassungsfähigkeit unberechenbar zu sein
.“ Während der
Gefangenschaft kann Slatin einen regen, aber unverdächtig aussehenden Briefkontakt zur Außenwelt führen, womit er sich auch die Aufmerksamkeit und das
Interesse der englisch dominierten Ägyptischen Armeeführung sichert. In Omdurman lernt er auch den Mitgefangenen Tiroler Jesuitenpater Josef Ohrwalder
(Jusuf el Ghasis) kennen, dem mit britischer Hilfe, im November 1891 mit zwei Nonnen die Flucht in die Freiheit gelangt. Im Gefängnis begegnet Slatin ebenfalls
dem deutschen Kaufmann Karl Neufeld, der im Mai 1887 in Gefangenschaft gerät. Beide Männer sind sich allerdings derart wesensfremd, sodas gegenseitiges
Misstrauen weitere Hilfe durch Slatin verhindert. Beide begegnen sich in den acht Jahren gemeinsamer Gefangenschaft nur zweimal! (Zu Neufeld, siehe unten. )
Mittlerweile war ein Offizier als Führer des britischen Geheimdienstes in Kairo eingesetzt worden der für Slatin und den Sudan für die nächsten Jahrzehnte eine
alles entscheidenden Rolle spielen wird. Major Francis Reginald Wingate hat die Aufgabe die europäischen Gefangenen in Omdurman zu befreien. Als einziger
überlebender höherer Beamter der früheren Regierung und besonderer Kenner der militärischen Situation der Mahdisten, stand Slatin auf der Liste ganz oben.
Die bis in alle Einzelheiten gut vorbereite Flucht gelingt endlich auch am 20. Februar 1895 und Slatin erreicht, am Samstag den 16. März die anglo-ägyptische
Militärstation Assuan am Nil. Der britische Geheimdienst und die österreichisch-ungarische Mission in Kairo unter ihrem Chef und Generalkonsul Baron Johann
Heidler
hatten die beachtliche Summe von über 1.000 britischen Pfund dafür zu Verfügung gestellt. Nach der Ankunft in Kairo erhält Slatin vom Khediven Tawfiq
den Titel Pascha als eine von vielen Auszeichnungen. Die damit verbundene militärische Gleichstellung als General, wird vom Oberbefehlshaber der ägyptischen
Armee Colonel Herbert Kitchener verhindert, da dieser Rang für einen Nicht-Briten nicht vorgesehen ist. Kitchener ist der muslimische Österreicher allzu gefügig
und unterwürfig, und verhindert vorerst sogar eine Einstellung Slatins in die Armee. Er wird auch in Zukunft niemals englische Einheiten befehligen. Reporter aus
der ganzen Welt wittern hier eine neue internationale Sensation für einen abenteuerlichen Tatsachenbericht und reißen sich bereits um den romantischen Held
und seine Geschichte mit der `Flucht in den Ruhm´. Auch Wingate fordert Slatin als erstes auf, schnellstens seine Erinnerungen für ein Buch niederzuschreiben.
Wingate hatte bereits erste literarische Lorbeeren geerntet als er das Buch von Pater Ohrwalder 1892 in England veröffentlichte und mit dem Manuskript des
italienischen Pater Don Paolo Rossignoli begann, dem ebenfalls die Flucht aus Omdurman gelungen war. Dies gibt aber er sofort auf, als sich durch Slatin die
Möglichkeit ergibt wesentlich größere Publicity zu erlangen. Auch Slatin; mittlerweile 38 Jahre alt, hatte in den letzten zehn Jahren nichts für seine Kariere tun
können, sieht hier endlich die Chance seinen Ruhm in die Welt hinauszutragen und beendet das Rohmanuskript, noch in Ägypten, innerhalb von vier Monaten.



1895 - 1898
Wingate gehörte zu jener kleinen Gruppe von Engländern, die aus dem Sudan des Mahdi etwas gemacht haben, was man mit einem zivilisierten modernen Staat
vergleichen kann. Er nahm unter diesen Leuten eine besonders wichtige Stellung ein. Die internationale Karriere Slatins hat er nicht nur maßgeblich beeinflußt,
sondern ganz allein auf einzigartige Weise das Schicksal dieses Mannes in die Hand genommen. Alles was Slatin England und was England ihm zu verdanken
hatte, war in erster Linie von Wingate bewirkt. Wingate war sein militärischer Retter, sein politischer Vorgesetzter, sein gesellschaftlicher Förderer und sein enger
persönlicher Freund
.“ Slatins Erlebnisse und das Wissen sind von allergrößter militärischer Bedeutung für die Engländer, die sich nun darauf vorbereiten den
Sudan, diesmal endgültig für das Empire, zurückzuerobern. Durch seinen hohen nachrichtlichen Wert wird er schließlich als Colonel Slatin Pascha wieder in die
Ägyptische Armee und den Nachrichtendienst vonMajor Wingate Bey aufgenommen, allerdings mit der Einschränkung keinerlei Befehlsgewalt über britische
Offiziere mit niedrigeren Rängen zu erhalten; - (was natürlich auch gegenüber Wingate gilt, da Slatin einen höheren Rang bekleidet.) Der ehrgeizige Slatin plant
einen langegehegten und minutiös vorbereiteten Traum zu verwirklichen und reist Anfang Juli 1895 nach Wien um bei seinem obersten Landesherren, dem K.u.K
Herrscher Franz-Josef I eine Audienz zu erhalten. Weiterhin hofft er zu der Person vorgelassen zu werden die dem damaligen Zeitalter ihren Namen geben wird.
Königin Victoria von England und Kaiserin von Indien, hatte bereits Briefe von Slatin erhalten, als er Ende Juli bereits nach London weiterreist. Ihren Geburtstag
verpaßt er zwar, am 19. August 1895 aber hat er sein Ziel erreicht und wird mit Wingate in Osborne zum Essen eingeladen. Wie auch schon zuvor bei anderen
wichtigsten Persönlichkeiten gelingt es Slatin sich sofort in Szene zu setzen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Dies öffnet ihm auch in Zukunft den
Zugang zu weiteren Königshäusern in Europa und den Aufstieg in die höchsten gesellschaftlichen Kreise. “ Wie kam es, daß die damals schon im 76. Lebensjahr
stehende alte Königin in sich eine so romantische Vorliebe für diesen Wiener Leutnant des Generals Gordon entdeckte? Die Erklärung dafür liegt zum Teil in
der Person des Generals Gordon, aber hauptsächlich in dem Wiener Leutnant selber.
[ . . . . . ] Die Gewogenheit, welche die Königin Slatin zeigte, enthielt wahr-
scheinlich neben den politischen auch ein starkes persönliche Element
.“ Slatin wird dadurch zum persönlichen Berichterstatter der Königin und wichtiger Berater
des britischen Oberbefehlshabers in Ägypten. Innere und Äußere Umstände lassen die Rückeroberung des Sudan Anfang 1896 nun unumgänglich werden. Die
öffentliche Meinung in Großbritannien `schreit´ bereits seit über 10 Jahren nach `Rache für Gordon´ und die Italienische Regierung war nach ihrer Niederlage in
Abessinien an London mit der Bitte um Unterstützung herangetreten, da man damals noch befürchtete die beiden unabhängigen Staaten Sudan und Abessinien
könnte sich gegen die europäischen Kolonialmächte verbünden. Slatin umgeht hier den offiziellen Dienstweg über Kitchener und beginnt seinen Briefverkehr als
persönlicher Berichterstatter der Königin von Großbritannien meist mit den Worten:“ Eure Majestät! - Infolge der allerhöchsten Teilnahme, die Eure Majestät an
meinem Schicksal huldvoll zu nehmen geruht, wage ich in tiefer Ehrfurcht diese Zeilen zur gnädigsten Durchsicht zu unterbreiten . . . . .
“ Die Antworten Victorias
erfolgen teilweise sogar in deutscher Sprache: “ . . . . Ich verbleibe Ihre Ihnen wohlgeneigte Victoria R. I. “ Für Slatin bringt das neue Jahr 1896 einige Turbulenzen
und noch mehr Arbeit. Er muß die Anglo-Ägyptischen Armee beim Vormarsch Nilaufwärts begleiten und gleichzeitig die Veröffentlichung seines Buches in Europa
betreiben. Von seinem Buch, `Feuer und Schwert im Sudan´ gibt es neben der deutschen Version mit 596 Seiten, eine englische Ausgabe mit 630 Seiten. Sowohl
Königin Victoria erhält eine englische Ausgabe mit Widmung, aber auch Kaiser Franz Josef akzeptiert die an Ihn gerichtete Widmung in der deutschen Ausgabe.
Die Gunst der Stunde nutzend, sendet Slatin, in der jeweiligen Landessprache verfaßte Prachtausgaben an den Deutschen Kaiser Wilhelm II, Prinz Heinrich von
Preußen
, an das italienische und belgische Königshaus, sowie den russischen Zar. Wie erfolgreich die Schreibwut und Überzeugungskraft des `kleinen Wieners´
ist, und sich die Taktik; nach mehreren Seiten hin abzusichern um die Gunst mehrerer Parteien zu gewinnen, zeigt auch eindrucksvoll folgendes Beispiel: Noch
in Kairo hatte er einen Brief an seinen ehemaligen Peiniger verfaßt und sich beim Khalifa gerechtfertigt; – ja geradezu mit den Argumenten entschuldigt: `Seine
plötzliche Abreise aus Omdurman sei aus der dringenden Notwendigkeit entstanden, seine Angehörigen endlich wiederzusehen. Außerdem versicherte er; daß
er immer noch ein treuer Gefolgsmann des Khalifa und Bekenner des islamischen Glauben sei.´ Der Khalifa richtet im Antwortschreiben an Slatin folgendes:
Da du mit den Ungläubigen gekommen bist, bediene dich jetzt der notwendigen Kriegslist, die es uns ermöglicht, sie in einer für sie nachteiligen Situation zu
überraschen. Die mohammedanischen Armeen befinden sich gegenwärtig im Vormarsch gegen sie. Alles was dir im Augenblick zu sagen wünsche, ist, daß du
die notwendigen Schritte ganz im Geheimen unternimmst . . . . .
“ (s.u.) Die folgenden zwei Jahre werden geprägt durch ein langsames aber stetiges Vordringen
der Anglo-Ägyptischen Armee bis es bei Omdurman am 2. September 1898 zur Entscheidungsschlacht kommt. 25.000 britische Soldaten bringen den 50.000
Kämpfern des Khalifa an diesem Tag eine vernichtende Niederlage bei und läuten damit das Ende der ersten afrikanischen Unabhängigkeitsbestrebung ein.



1898 - 1900
In den folgenden 15 Jahren pendelte Slatin Pascha zwischen dem Wüstenland, das sein Schicksal bis ins Alter bestimmen sollte, und den europäischen
Fürstenhöfen hin und her. Er wurde Freund und Vertrauter zahlreiche Monarchen und Berühmtheiten, vielumjubelter Gast der Hocharistokratie und feinen
Gesellschaft, ehe die Katastrophe des Ersten Weltkrieges auch über ihn hereinbrach und den erfolgreichen Traum seines Lebens zerplatzen ließ. Nach der
Besetzung des besiegten Landes schien sich das Verhältnis zwischen Kitchener und Slatin ein wenig zu bessern, denn der Ex-Mudir von Darfur erwies sich
tatsächlich als unentbehrlich, wie es sein Freund Colonel Wingate immer vorausgesagt und betont hatte. Slatin Pascha war einfach der rechte Mann am
rechten Ort, er war am besten mit den Gegebenheiten im Sudan vertraut, kannt sowohl Omdurman wie auch Khartum wie kein andere und bemühte sich
nach Kräften, die neuen, britischen Herren des Sudan zu unterstützen, wobei ihm nun oft die undankbare Rolle eines Mittlers zwischen Siegern und Be-
siegten zufiel. Er kannte natürlich alle mächtigen Scheichs unter den Gefangenen, die dem ,,abtrünnigen‘‘ Moslem Abdel Kader immer noch mehr Ver-
trauen entgegenbrachten als ihren stolzen britischen Eroberern, die –mit Ausnahme von Colonel Wingate, der Kitchener als Generalgouverneur ablösen
sollte– kaum Erfahrung im Umgang mit den Sudanesen hatten und naturgemäß wenig Verständnis für die Sorgen und Probleme der ihnen zurückgeblieb-
enen und barbarisch erscheinenden Wüstensöhne aufbrachten.
“ (s.u.) Die Differenzen zwischen Kitchener und Slatin kommen immer deutlicher zum Aus-
druck, nachdem der Sirdar und Generalgouverneur des Sudan immer weniger; - zum Schluß gar keine Ratschläge und Empfehlungen von Slatin mehr ent-
gegennimmt und damit indirekt das Ausscheiden des Wieners aus der Armee erzwingt. Im Mitte 1899 verläßt Slatin damit vorerst den Sudan und Ägypten.
Das neue Jahrhundert beginnt Slatin als Privatperson erneut im Sudan, als er sich als Goldsucher für ein internationales Konsortium unter Sir Ernest Cassel
verdingt. Die Hoffnung neben schon vorhandenen Ruhm auch weiterhin seine finanziellen Verhältnisse aufzubessern zerschlägt sich aber innerhalb kürzester
Zeit. Dieses kurze Intermezzo zeigt ihm zumindest deutlich auf, daß er zwar nach wie vor einen hohen Bekanntheitsgrad auch im Süd-Sudan genießt, aber
ohne Titel; - nur als Privatperson und ohne militärische Uniform, deutlich; wenn nicht ganz entscheidend, - an Ansehen bei der Bevölkerung verlieren wird.
Vor allem in Darfur, seiner ehemaligen Provinz, fragte man ihn ständig um Rat, und der junge Sultan der Region ( Ali Dinar), der Slatin als Kind bewundert
hatte, konnte- wie viele andere Scheichs und Würdenträger auch- kaum verstehen, daß Slatin Pascha nur noch Zivilist war und merkwürdige Grabungsarbeiten
durchführte. Die ungeheure Popularität, die dem österreichischen Pascha entgegenschlug, wo immer er auftauchte, und die ständigen Sympathiekundgebungen
der Sudanesen für den pensionierten General der anglo-ägyptischen Armee waren natürlich auch den Briten nicht entgangen. Daß sie jedoch sehr schnell darauf
reagierten, war einem besonderen Umstand zu verdanken.
“ (s.u.) Zwei, für ihn glückliche Ereignisse, bestätigen Slatins Hoffnung weiterhin im Sudan unter ehren-
volleren und finanziell einträglicheren Bedingungen zu arbeiten. Schon im Dezember 1899 hatte Kitchener den Sudan und Ägypten verlassen und war in den
Süden des afrikanischen Kontinentes abberufen worden. Dort wird er Anfang 1900 zum Generalstabschef und Oberbefehlshaber der Briten im Kampf gegen die
beiden Burenrepubliken; dem Oranje-Frei-Staat und der Südafrikanischen Republik. Der zweite, für ihn glückliche Umstand ist, daß sein alter Freund Wingate am
21. Dezember 1899 zum Nachfolger Kitcheners, Generalgouverneur des Anglo-Ägyptischen Sudan und Oberbefehlshaber der Armee im Sudan wird. Es war zu
erwarten, daß der nun geadelte Wingate versuchen würde wieder, mit seinem Freund Slatin enger zusammenzuarbeiten. Slatin wird am 25. September 1900
zum Generalinspektor des Sudan ernannt. Die zeitliche Verzögerung hatte sich dadurch ergeben, weil für Slatin erst noch eine Position erfunden werden mußte.
Dem britischen Generalkonsul in Ägypten, Lord of Cromer Evelyn Baring war es nicht nur gelungen, für den politischen Sonderstatus des Sudans eine neue Be-
zeichnung zu erfinden; das sogenannte Anglo-Ägyptische `Condominium´, er kreierte für Slatin ebenfalls den Posten eines `General Advisor´, neu. Die Aufgabe,
bestand darin, Auge und Ohr Wingates zu sein, niemals aber sein Stimme. [ . . .] Er besaß keine Exekutivgewalt und auch keine fixe Stellung in der Regierungs-
hierarchie. Wenn Wingate den Sudan verließ, nahm ein oberster Richter oder ein dienstältester Provinzgouverneur wie etwa Jackson Pascha, der Gouverneur
der Provinz Faschoda, seine Stellung ein, und diese amtierenden Generalgouverneure waren immer ebenso britisch wie Wingate selbst.
[ . . .]Und doch hatte er
( Slatin), obzwar er keine Macht besaß, ungeheuren Einfluß. Wenn er auch niemals im Namen Wingates sprechen konnte, so konnte er doch Wingate veran-
lassen, an seiner Stelle zu sprechen.
[ . . .] Während alle anderen das Land nur von außen her kannten, kannte nur er ( Slatin) es von innen. Er war in der Lage,
fast jedes komplizierte Problem, das sich bei den Eingeborenen ergab, für Wingate zu interpretieren. Er wußte, welche Rivalitäten zwischen den einzelnen Per-
sönlichkeiten, den Familien oder Stämmen bestanden. Er wußte, wer die notorischen unehrlichen Kaufleute waren, und wer zu den unverläßlichen Elementen im
ehemaligen Verwaltungsapparat des Khalifa gehört hatte. Er kannte die Gesichter und die Namen und wußte sie in die richtigen Zusammenhänge zu stellen. Er
war, kurz gesagt, die Brücke zwischen dem Sudan des Mahdi und dem Sudan Englands.
“ Der mittlerweile 44-jährige Österreicher bleibt auch bis zum Schluß
seiner Karriere im Sommer 1914 im Sudan: “ . . . der reisende Kundendienstmann Wingates mit dem Stethoskop, der Ölkanne und dem Schraubenschlüssel.



1900 - 1914
Nachdem die große alte Dame des British Empire, Königin Victoria am 22. Januar 1901 auf ihrem Anwesen auf der Isle of Wight verstorben war, fand Slatin auch
bei ihrem Sohn, dem neuen Herrscher König Albert Eduard VII. von England Gelegenheit sein diplomatische Geschick unter Beweis zu stellen. Schon frühzeitig
hatte er sich mit ihm angefreundet und der damalige Prince of Wales konnte sich der Faszination Slatins nicht entziehen. Die beiden Freunde ,,Rex‘‘ (Wingate)
und ,,Rowdy‘‘ (Slatin) etablieren im Sudan in den folgenden Jahren bis zum 1. Weltkrieg ihren Ruf als das: ,,Sudanesische Zwillingspaar‘‘. Trotz einiger Unruhen
in den Jahre 1903 und 1908 gelingt es ihnen die Integrität der sudanesischen Bevölkerung zu erhalten und deren Situation allgemein zu verbessern. Ausschlag-
gebend für die Regierung ist aber die ökonomische Bilanz der Jahre 1900 bis 1910, in den sich die Steuereinnahmen in ihrem Condominium fast verzehnfachen.
Im Sudan etablierte sich nun eine neue Generation von jungen dynamischen Beamten und Kolonialoffizieren. Die meisten von Ihnen besaßen eine Oxford oder
Cambridge Abschluß und sahen das Anglo-Ägyptisches Kondominium nur als Sprungbrett für ihre Karriere. “ Mit einem Wort, sie waren die ersten Professionals,
während er
( Slatin) trotz all seiner Erfahrung und Kenntnisse der letzte alte Amateur blieb. Was Slatin ihnen außer seinem Wissen geben konnte, war das, was
den Amateur überall im Leben auszeichnet, der weite Horizont.
“ Als letztes großes Ereignis vor dem Weltkrieg erhält Slatin eine lang ersehnte Genugtuung. Am
3. Juni 1913 erhält er eine Privataudienz beim Heiligen Vater in Rom, Papst Pius X. Als der Österreicher den persönlichen Segen des katholischen Oberhauptes
erhalten hat, ist für ihn damit auch der Makel verschwunden, nach wie vor der christlichen Welt als Muslim betrachtet zu werden. Während des Attentats von
Sarajevo am 28. Juni 1914 befindet sich der, nunmehr zum Freiherrn avancierte Slatin in Wien auf Urlaub und ist mit Vorbereitungen für seine eigene Hochzeit
beschäftigt. Während der Julikrise, die das alte Europa überzieht, heiratet Slatin am 21.Juni 1914 Baronesse Alice von Ramberg. Als in der ersten Augustwoche
die Mechanismen der Bündnisse nun unaufhaltsam ineinander greifen und die meisten Kriegserklärungen auslösen, befindet sich die Doppelmonarchie mit
dem Vereinten Königreich offiziell noch im Frieden. Am 3. August erhält Slatin noch ein Telegramm von Wingate in dem dieser bittet sich mit ihm in Marseille
zu treffen. Wingate und Kitchener sind auf dem Weg von London nach Alexandria und beabsichtigen den Österreicher wieder mit in den Sudan zu nehmen, als
dieser noch damit beschäftigt ist in einen offiziellen Paß zu erhalten. Die österreichischen Behörden sind allerdings in dieser Angelegenheit sehr unzugänglich,
je länger er sich um die Ausreisedokumente bemüht. “ Der europäische Krieg dauerte jetzt schon fünf Tage. Dieser englische Ritter und britische Generalmajor
ehrenhalber muß einen etwas exzentrischen – und manchen Leuten sogar wenig vertrauenerweckenden – Eindruck gemacht haben, als er jetzt noch versucht,
sein Vaterland zu verlassen, um sich ins feindliche Lager zu begeben.
Slatin gibt die Hoffnung auf, in der Hauptstadt die notwendige Ausreiseerlaubnis zu er-
halten und reist am 11. August nach Triest, dem österreichischem Haupthafen an der AdriaSlatin sprach mit dem britischen Generalkonsul in Triest vor, der im
Gegensatz zu den österreichischen Diplomaten in Wien ,,sehr freundlich‘‘ war. Durch das Konsulat ließ Slatin die folgende Mitteilung an die britische Botschaft
in Rom weitergeben: ,, Slatin bittet, Wingate mitzuteilen, daß er sich ihm wenn möglich anschließen wird. ‘‘ Auch dem amerikanischen Konsul stattet er einen
Besuch ab und unterbreitet ihm den Vorschlag, die Amerikaner sollten ein Lloyddampfer kaufen oder anheuern, um alle amerikanischen Staatsangehörigen
zu evakuieren, die in Österreich oder Deutschland lebten. Was auch in seinen Unterbewußtsein vorgegangen sein mag, er verhielt sich immer noch so, als
stünde er ganz auf Seiten der Angelsachsen. Dann kam am Vormittag des 13. August um 10:15 Uhr, als er gerade mit Plänen beschäftigt war, über Neapel
nach Alexandrien zu reisen, das unvermeidliche Erwachen. Die Nachricht von der Kriegserklärung Englands an Österreich-Ungarn erreichte Triest. Doch es
folgte ein weiteres erstaunliches Beispiel für seine Flexibilität. Noch am gleichen Tag besichtigte er zusammen mit dem österreichischen Admiral Kudelka das
Passagierschiff Afrika, das als Lazarettschiff für die k.u.k. Flotte umgebaut wurde. „Sehr gute Arbeit‘‘ stellte er fest. „Admiral Kudelka ist sehr zufrieden.‘‘ Slatin
hatte, als er gezwungen wurde, seinen Union Jack einzuziehen, keine Zeit verloren, an seiner Stelle den schwarzen österreichischen Doppeladler zu hissen.
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Holger Kotthaus
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BeitragBeitrags-Nr.: 203808 | Verfasst am: 08.05.2014 - 17:00    Titel: Antworten mit Zitat

1914 - 1915
Nach der britischen Kriegserklärung gegenüber seinem Heimatland hatte sich Slatin kurzfristig umentschieden und will sich nun seinen patriotischen Pflichten
stellen. “Man möchte das gerne glauben, denn was Rudolf Slatin jetzt zu tun im Begriff stand, bedarf zu seiner Erklärung sehr viel Nachsicht. Um sein nächsten
Schritte zu rekonstruieren, ist sein Tagebuch eine sehr schlechte Quelle. Über die kritischen Punkte enthält es überhaupt nichts. Aber die unwiderlegbaren Be-
weise sind da, vergraben in den Geheimdepeschen seines eigenen österreichischen Außenministeriums vom August und September 1914 und in den noch
geheimeren Berichten des britischen Nachrichtendienstes aus der damaligen Zeit. Sein Verhalten unmittelbar nach der Ankunft in Wien war ganz verständlich,
und hier erfährt man aus dem Tagebuch die wichtigsten Tatsachen. Am Montag, dem 17. August um 10.00 Uhr vormittags meldete er sich im Schloß Schön-
brunn
bei seinem Freund Graf Paar, dem Generaladjutanten des Kaisers, um ihm mitzuteilen, daß er seinen Dienst bei der sudanesischen Regierung aufge-
geben habe und gekommen sei, um dem Kaiser seine Dienste in jeder beliebigen Stellung anzubieten. Hoffnungsvoll notierte er, seine militärischen „Kennt-
nisse und Erfahrungen würden vielleicht nicht ganz in den Rahmen der k.u.k. Armee passen‘‘, aber er sei überzeugt, eines Tages werde man eine geeignete
„Stellung oder Arbeit‘‘ für ihn finden
.“ Nachdem der nun `geläuterte´ Freiherr Rudolf von Slatin seinen Dienst bei der anglo-ägyptischen Regierung und seinem
Vorgesetzten Sir Reginald Wingate quittiert hatte, sucht er am 23. August sein Außenministerium in Wien auf. Mit wem, und was dort besprochen wurde, geht
aus den Akten nicht hervor. Durch Dokumente ist zumindest soviel gesichert; Am 24. August 1914, morgens um 4:00 Uhr sendet der österreichisch-ungarische
Außenminister Leopold Graf Berchtold ein Telegramm an seinen Botschafter in Konstantinopel, János Markgraf von Pallavicini mit folgendem deutlichen Inhalt:

“Streng vertraulich,
Slatin Pascha, der hier von jeder Verbindung mit Ägypten abgeschnitten, meint, die Nachricht, daß er, Slatin, den Dienst Englands verlassen und nicht
mehr nach dem Sudan zurückkehre, weil er England nicht mehr dienen wolle, sollte durch die Türken in Ägypten und im Sudan verbreitet werden; hier-
zu könnten türkische Verwandte ägyptischer Offiziere benützt werden. Er verspricht sich hiervon einige Wirkung auf die Sudanesen. Ganz unzweifelhaft
könnte aber die Türkei auf Ägypten und den Sudan stark einwirken. Die Entsendung einiger weniger türkischer Bataillone nach Suez würde den
Engländern, die in Ägypten nur einige tausend Mann, im Sudan nur wenige hundert Weiße stehen haben, nicht geringe Verlegenheiten bereiten. Die
Sperrung des Suezkanals wäre für England eine Katastrophe. Bei den Mohammedanern schwarzer Rasse hätte das Wort des Khalifen größte Be-
deutung. Eine kluge und vorsichtige Ausnutzung des Einflusses des Kalifates den Mohammedanern Indiens gegenüber, könnte dort den Engländern
sehr peinlich werden.
“ (Wien, HHSTA, Haus- Hof und Staatsarchiv des Ministeriums des Äußeren, Generalia 1907-1918, I, Akte 887, vom 24.8.1914)


Die Dringlichkeit die Berchtold der Angelegenheit beimißt geht daraus hervor, als er drei Tage später erneut ein deutlicheres Telegramm an Pallavicini sendet:
Baron Slatin Pascha, welcher infolge Kriegsausbruches seine Stellung im anglo-ägyptischen Dienste niedergelegt hatte, äußerte sich anläßlich eines mir ab-
gestatteten Besuches über eine türkische Aktion gegen Ägypten dahin, daß die Pforte die Engländer durch Entsenden einer syrischen Division an den Suez-
kanal
beunruhigen sollte. Gleichzeitig wäre es möglich, durch einige mit Ekrasit-Patronen ausgerüstete Hodjas die stellenweise Verschüttung des Suezkanals
zu bewerkstelligen.
“ (Wien, Haus- Hof und Staatsarchiv des Ministeriums des Äußeren, Generalia 1907-1918, I, Akte 887, Telegramm Nr. 385 vom 27.8.1914)


Pallavicini wird von Berchtold ferner angewiesen, seinen deutschen Amtskollegen in Konstantinopel, Hans Freiherr von Wangenheim darüber zu informieren.
Während Pallavicini nun Slatins Vorschläge dem türkischen Großwesir Said Halim Pascha unterbreitet, führt Wangenheim ein vertrauliches Gespräch mit dem
Khediven Abbas Hilmi II. Pascha, Vizekönig von Ägypten und des Sudan, und trägt ihm ebenfalls die Ideen zur Sperrung des Suez-Kanals vor. Grundsätzlich
sind die beiden orientalischen Politiker dem nicht abgeneigt; gehen ihre eigenen Überlegungen doch in die gleiche Richtung. Noch am 22. August hatte der
Khedive, Wangenheim versichert, “alles in seiner Macht stehende unternehmen zu wollen, um die deutsche Kriegspolitik im Orient zu unterstützen und die
Engländer aus Ägypten zu vertreiben.
“ Aber weder Pallavicini noch Wangenheim sind erfolgreich. Während der türkische Großwesir noch vorsichtig äußert:
“ . . seiner Ansicht nach dürfte in Ägypten nicht viel zu machen sein, hingegen wohl im Sudan.“; hatte der Khedive den deutschen Botschafter sogar gewarnt:
“. . es wäre dessen ( Slatins) genaue Überwachung ratsam, da nicht ausgeschlossen, daß er ein Doppelspiel betreibt.Pallavicini sendet noch am 28. August
zwei Telegramme mit diesem ernüchternden Ergebnis nach Wien. (HHSTA, Generalia 1907-1918, I, Akte 887, Telegramm Nr. 493 und 512 vom 28.8.1914)
Die Türken hatten sicher keine konkreten Beweise für eine solche Anschuldigung. Für diese Aversion spielten hier ganz andere Gründe eine Rolle; Die Abkehr
Slatins vom Islam (irtidād) ist nach Ansicht von Muslimen ein Sakrileg und machte ihn zu einem Abtrünnigen (Murtadd). Ferner hatte der Österreicher in den
letzten zwanzig Jahren entscheidend dazu beigetragen, daß der Sudan und zum Schluß auch Ägypten dem Osmanischen Einfluß endgültig entglitten war. Zu
guter Letzt hatte sich der Unmut in der Türkei über die 1908 erfolgte offizielle Annexion Bosnien-Herzegowinas durch die Doppelmonarchie noch nicht gelegt.


Mit seinen konkreten Vorschlägen zur Destabilisierung des britischen Einflußgebiets am Roten Meer hatte Slatin seinen Sinneswandel nun endgültig und un-
widerruflich vollzogen. Ob er gewußt haben mag, daß der britische Nachrichtendienst diese Information sehr schnell erhalten würde, ist nicht sicher. Sicher ist
nur, daß die Engländer schon nach vier Wochen durch den hervorragend arbeitenden russischen Geheimdienst darüber informiert wurden. Dieser deutliche
Seitenwechsel auf die Seite der Feinde muß für die Briten schockierend; und besonders für seinen alten Freund ,,Rex‘‘ und ehemaligen Vorgesetzten Reginald
Wingate
eine herbe Enttäuschung gewesen sein. Die Briten sind sich über die Gefahr bewußt, die dieser Österreicher für ihren Machtbereich bedeutet. Slatin ist
darüber hinaus noch im Besitz des britischen Chiffrekodes. Auch wenn dieser seit dem 16. August für die englische Insel geändert worden war; in Ägypten und
den Sudan sind sie nach wie vor gültig. Am 30. September sendet Slatin heimlich ein Telegramm an den britischen General-Konsul in Zürich: “ I declare by my
word of honour that cypher and decypher books H.52 in my possession are sealed and kept in my safe and that in case or necessity I shall destroy them before
being seen anybody. R. Slatin
.“ Er hätte diese Chiffrierbücher auch kommentarlos verbrennen können. Sein schlechtes Gewissen und sein Mitteilungsbedürfnis
hielten es aber wohl für ratsam, dies auch schriftlich festzuhalten. Andererseits war sich Slatin über die immense Bedeutung bewußt, die in einer Sperrung des
Suez-Kanal lag. Bei seinem Vorschlag für eine Verdeckte Operation, war er mit seinen Fachkenntnissen wahrscheinlich auch davon ausgegangen, die Führung
einer solchen Operation zu übernehmen. Es war auch nicht auszuschließen, daß er noch vor dem Unternehmen, vom Leutnant der Reserve zum aktiven Haupt-
mann
oder Major befördert würde, und nach erfolgreichem Abschluß solch einer Operation würden auch weitere Beförderungen und Orden in Aussicht stehen.


Vorerst hatte Slatin eine Absage auf seine Bemühungen erhalten, seine zweifelsfrei besonderen Fähigkeiten für die Mittelmächte umzusetzen. Seine Kenntnisse
mögen für den Sudan außergewöhnlich sein, aber als 57-jähriger Leutnant d.R., der seit Jahrzehnten nicht mehr im heimatlichen Heer gedient hat, stehen bei der
Kriegsbegeisterung und dem Andrang des Jahres 1914, seine Chancen äußerst schlecht eine passende Aufgabe zu erhalten. “ Die Tragödie lag aber auch darin,
daß sein lautstarker, aber verworrener österreichischer Patriotismus Slatin in Wien überhaupt nichts nützte. Die Akten des k.u.k. Kriegsministeriums ab August
1914 erzählen die dramatische Geschichte von Slatins wiederholten Angeboten in jeder beliebigen Position zu dienen; – Angebote, denen die zuständigen Be-
hörden durch wiederholtes Ausweichen oder höfliche Ablehnung begegneten. Das Vaterland hatte jetzt, da es darauf ankam, keine Verwendung für Slatin.

Im Herbst hatte dann Oppenheims 136-seitigen Oktober-Memorandum; »Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde«,
erkennen lassen, daß neben der Absicht Ägypten und den Sudan zu insurgieren, eine zeitgleich militärische Operation über den Suez-Kanal notwendig werden
würde. Mittlerweile war es November geworden und das Osmanische Reich hat nach den erfolgten Kriegserklärungen mit der Mobilisierung seiner Truppen be-
gonnen. In Syrien dauern die Angriffsvorbereitungen aufgrund unzureichender Transportmittel etliche Wochen länger als ursprünglich angenommen, wodurch sich
der Angriff auf den Suez-Kanal immer wieder verschiebt. Zu diesem Zeitpunkt kommt ein weiterer Landsmann Slatins ins Spiel. Alois Musil, Orientreisender und
Forscher, hatte durch seine sehr guten Kontakte zum deutschen Außenministerium erneut darauf hingewiesen, daß ein Mann mit besonderen Kenntnissen für
militärische Aktionen im Sudan tätig werden müsse. Musil ist seit Oktober auf besonderen Wunsch Wangenheims auf der Arabischen Halbinsel unterwegs, um
die Bündnistreue einheimischer Stammesführer im Osmanischen Machtbereich festzustellen. Neben seinem klaren ,,Bericht über die Zustände in Vorderasien‘‘
an den deutschen Vize-Konsul in Damaskus Dr. Julius Lloytved-Hardegg vom 1. Dezember 1914, erwähnt er in diesem Zusammenhang Slatins Namen für eine
solche Position im Sudan. Aufgrund des auf Slatin geradezu `maßgeschneiderten Aufgabenprofils´, versucht es der Außenminister Graf Berchtold noch einmal;
in Konstantinopel vorzufühlen, ob es nicht angebracht sei, Slatin zum Generaladjutanten des Sultans zu ernennen. Aber der Sultan, der Slatin nicht besonders
schätzte, lehnte den Vorschlag ab, und Berchtold gab nun seine Bemühungen auf. Slatin durfte jetzt nur noch auf einen Posten in der Armee hoffen. Im Mai
1915 hätte sich fast eine Gelegenheit ergeben. Nach neunmonatigem Hin- und Herschwanken und Verhandeln trat Italien schließlich in den Krieg ein- und zwar
auf seiten der Gegner seiner deutschen und österreichischen Verbündeten. Italien besaß Kolonien in Afrika und unterhielt Wüstentruppen in diesen Kolonien.
Vielleicht gab es jetzt eine Möglichkeit für den Veteranen von Omdurman, wieder die Uniform anzuziehen, auch wenn er diesmal als Gegner des Union Jack
würde tun müssen. Am 3. Juni
( 1915) richtet Slatin einen weiteren persönlichen Brief an den Kriegsminister. [ . . .] Aber auch dieser Antrag hatte keinen Erfolg.


Slatin hatte von 1874 bis 1914 den Sudan sowohl von Außen, als auch von Innen intensiv erlebt. Er kannte das riesige Gebiet besser als jeder Sudanese oder
Brite; er war zu `Dem Sudanexperten´ schlechthin geworden. In Krieg und Frieden hatte er auf unzähligen Streifzügen die Stärken und Schwächen sowohl ein-
heimischer Truppen, als auch die der anglo-ägyptischen Armee kennengelernt. Er wußte im Sommer 1914 wo, und welche Einheiten stationiert waren; kannte
alle Führungsoffiziere beim Namen. Von 1878 bis zu seiner Gefangenschaft 1883 hatte er ausgiebige taktische Kampferfahrungen im Sudan sammeln können.
In den folgenden zehn Jahren seiner Gefangenschaft lernt er die arabisch-afrikanische Mentalität; die Eigenheiten islamischer Gesellschaften und Besonderheiten
der Stammesstrukturen intensiv kennen Er beherrscht Arabisch in Schrift und Wort und versteht sogar mehrere Süd-sudanesische Dialekte. Bis 1899 bekommt er
während der weiteren Feldzügen Einblick in die strategischen Notwendigkeiten groß angelegter Operationen und deren Besonderheiten in den Wüstengebieten
westlich des Roten Meeres. Die Kenntnisse des mittlerweile 57-jährigen Österreichers, sein Mut und Erfindungsreichtum; und ganz besonders sein diplomatisches
Geschick wären, sowohl bei einer politischen Mission in Äthiopien als auch einer verdeckten militärischen Operation im Sudan sicher gut zur Geltung gekommen.
Als ``Wanderer zwischen den Welten´´ konnten aber; - weder Freund noch Feind, ihn nie richtig einschätzen und wußten nicht wem seine wirkliche Loyalität galt.
Sein jahrzehntelanger Hochseilakt zwischen der Wahlheimat; England und dem Land seiner Geburt; Österreich scheiterte im Herbst des Jahres 1914 endgültig.
Der k.u.k.-Reserveleutnant war sicherlich der geeignetste Kandidat der Mittelmächte um eine Geheimoperation nach Afrika zu leiten; – man wollte ihn aber nicht.


Textpassagen und Quellen:
Slatin Pasha, Richard Leslie Hill, Oxford Universität, London 1965.
Three Empires on the Nile: The Victorian Jihad, 1869-1899, Dominic Green, Simon & Schuster, UK 2007.
Slatin Pascha – Zwischen Wüstensand und Königskronen , Hartwig A. Vogelsberger, Styria Verlag, Graz 1992.
Rudolf Slatin – Ein abenteuerliches Leben , Gordon Brook-Shepherd, (Deutsche Ausgabe) Verlag Fritz Molden, Wien 1982.
The Egyptian Soudan, Its loss and recovery, Part I., II. III., Henry S. Alford and Dennistoun Sword, London 1898. (pdf. 423 Seiten)
Aufstand und Reich des Mahdi im Sudan und meine zehnjährige Gefangenschaft dortselbst , Pater Josef Ohrwalder, Innsbruck 1892.
Vom Bauernbub aus Habkern zum Generalsanitätsinspektor des Sudans , Dr. Johannes Zurbuchen, Hedi Sieber-Brunner, Demand 2002.
Feuer und Schwert im Sudan, Meine Kämpfe mit den Derwischen, meine Gefangennahme und Flucht, Rudolf Slatin Pascha, Leipzig 1896.
Sudan under Wingate: Administration in the Anglo-Egyptian Sudan - 1899-1916 , Gabriel Warburg, Routledge; First Edition edition, London 1971.
Fire and sword in the Sudan: a personal narrative of fighting and serving the Dervishes, 1879-1895 , Slatin Pasha & Sir F.R. Wingate, London 1914.
Ten years' captivity in the Mahdi's camp, 1882-1892 , from the original manuscript of Father Joseph Ohrwalder, by Major Francis Wingate, London 1892.
R. C. von Slatin Dokumente im Sudan Archiv der Durham Universität , Rudolf Carl von Slatin Arrangement, Dates of creation: 1895-2012, Ref: GB-0033-SAD.
Österreichische Forscher und Reisende in Afrika vor 1945, Eine Biographie und Bibliographie von A – Z , Alexander Brandt und Paul Kainbacher, Baden 2010.
Kapitel 5., Exkurs: K.u.k. Botschafter Markgraf von Pallavicini , Kapitel 6. Der Kriegsausbruch, In:„ Der Staatsbesuch Kaiser Karls I. in Konstantinopel und die
Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg
“ L. Hoffman, Magisterarbeit für Afrikanistik, Universität Wien 2012.
The Anglo-Egyptian Sudan: A compendium prepared by officers of the Sudan government, Volume I., Edited by Count Gleichen, London 1905. (pdf.408 Seiten)
Zum Phänomen Österreicher im Sudan, Seite 9-15, In: Imperialismus-Strategien am Beispiel der Österreicher im Sudan, Das Zusammenspiel kolonialer Akteure
in Peripherie und Metropole am Beispiel der Österreicher im Sudan im 19. Jahrhundert
, P. Weingartshofer, Magisterarbeit für Afrikanistik, Universität Wien 2013.


Die Bücher der beiden Österreicher, Ohrwalder und Slatin wurden u.a. als deutsche und englische Ausgaben veröffentlicht. Für beide Bücher
hatte Reginald Wingate die Übersetzung vorgenommen und dabei wichtige Passagen für britische Leser geändert; als auch neu hinzugefügt:

. . . . Die Grundthese dieser Arbeit lautet: Die Forcierung, Übersetzung, Herausgabe und Verbreitung des Buches von Josef Ohrwalder, durch
den britischen Kolonialbeamten Reginald Wingate, hängt mit dem wachsenden europäischen Interesse an Ägypten und am Sudan zusammen.
Die Briten sahen dadurch ihre Vormachtstellung am Nil gefährdet. Reginald Wingate hat Ohrwalders Werk im Zuge der Übersetzung bewusst
verändert, um das Buch als Propagandawerk zu nutzen, welches die britische Gesellschaft auf eine Eroberung des Sudan vorbereiten sollte.

Textquelle:
Kapitel 10.2, Zusammenfassung, Seite 104, In:
Josef Ohrwalder, ein beeinflußter Autor , Johanna Mayr, Magisterarbeit für Afrikanistik, Universität Wien 2012.

.
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Holger Kotthaus
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BeitragBeitrags-Nr.: 203821 | Verfasst am: 16.05.2014 - 04:37    Titel: Antworten mit Zitat

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Karl / Carl (Charles) Otto Neufeld [Shaiykh Abdallah Naufal al-Almani] *4.August 1856 – 12.Juni 1918 (2.Juli 1918?)
Medizinstudent und praktizierender Arzt – Bauunternehmer und Dolmetscher – Kaufmann und Händler – Hotelbesitzer und Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes



1879 - 1887
Karl Neufeld ist auch heutzutage nicht viel mehr als ein Name und birgt kein lückenloses Portrait. Die Person implementiert vielleicht gerade noch Schlagworte
wie; Gefangenschaft; Sudan; Mahdismus. Nicht nur persönlichen Daten seiner Jugend, auch der Beginn seiner eigentümlichen Sudankarriere liegen im dunkeln;
über ihn wurde nie eine zusammenhängende Biographie namhafter Autoren verfasst, wie es bei Slatin oder Frobenius der Fall war. Nur bruchstückhaft lassen
sich einige Rahmendaten in verschiedenen Primär- und Sekundärquellen finden, welche ein sehr unterschiedliches Bild ergeben. Schon die Schreibweise des
Vornamen ergibt drei Varianten: In den deutschen Akten des PA/AA, die seine späteren verdeckten Tätigkeiten während des 1.Weltkrieges aufführen, wird er
Carl Neufeldt geschrieben; in der deutschen Ausgabe seiner Bücher: »In Ketten des Kalifen« und »Unter der Herrschaft des Rebellen« hingegen Karl, und in
britischen Publikationen Charles. Der zweite Vorname, Otto taucht nur im Ortsverzeichnis von Assuan und der Deutschen Biographischen Enzyklopädie auf.


Sein, in Königsberg und Leipzig begonnenes Studium für Medizin und Physiologie kann er nicht beenden, nachdem er sich mit einem Kommilitonen duelliert und
Deutschland gezwungenermaßen verlassen muß um keine Haftstrafe anzutreten. Neufeld gibt in seinem Roman; »Unter der Herrschaft des Rebellen« Hinweise,
was geschehen sein könnte: “ An einem der letzten Februartage des Jahres 1882 war in der alten Universitätsstadt Königsberg eine Studentenversammlung ein-
berufen worden, um einen Streit zu schlichten, der die Studierenden der Hochschule in zwei Parteien gespalten hatte.
[ . . .] Endlich brach der Tag an, an dem sich
die Gegner auf dem zur Ausfechtung des Duells bezeichneten Platze treffen sollten. Doktor Hertz assistierte, und als die beiden jungen Leute den Oberkörper ent-
blößten und, den scharfen Säbel in der Hand, sich zum Kampfe gegenüberstellten, beobachtete er sie mit kritischen Blicken.
[ . . .] Trotzdem beobachtete jedoch
jeder unter größter Spannung die Duellanten, und ihr Interesse an dem Kampf wurde auch durchaus nicht durch den Gedanken beeinträchtigt, daß wahrscheinlich
einer der Kämpfenden tot vom Platze getragen werden würde.
[ . . .] Ohne die Absicht zu haben, ihn ernstlich zu verletzen, holte Georg aus – sein Säbel fuhr über
Landauers rechte Backe bis zur linken Brust – und schwer verwundet stürzte der Getroffene zu Boden. Das Duell war zu Ende; der Beleidiger bestraft.
[ . . .] Doktor
Hertz läßt dir sagen, daß dich kein Vorwurf trifft, selbst wenn Landauer sterben sollte; denn wenn du ihn nicht besiegt hättest, wärest du sicher von ihm getötet
worden.
[ . . .] – was für ein Urteilsspruch das Gericht auch fällt; es ist eine barbarische Sitte, in der ich keine Gerechtigkeit sehen kann. [ . . .] – mein Entschluß ist
gefaßt. Meine Studien sind abgebrochen und können nicht wider neu angefangen werden.
[ . . .] Ich muß hier alles von mir werfen und mich dahin wenden, wo mich
niemand kennt.
“ In der weiteren Geschichte läßt Neufeld seinen Helden dann weiter über Wien, nach Konstantinopel und mit dem Schiff nach Alexandria flüchten.
Sein als Abenteuerroman verfaßtes Buch soll eine virtuelle Handlung mit fiktiven Personen suggerieren, greift aber in der Rahmenhandlung und selbst bei Details
nur auf historische Fakten zurück. Ob gewollt oder ungewollt; Neufeld weißt damit auf persönliche Erlebnisse in der Zeit von 1878 bis 1882 hin. Die Fiktion endet
im Buch mit der Schlacht von Tel-el Kebir, und wird auch genau wie Ahmad Urabi Pascha namentlich erwähnt. Allerdings befindet sich Neufeld in der Realität
schon vor 1881; während der Unruhen und den darauf folgenden Kämpfen in Ägypten. Im Roman beginnt der Handlungsablauf hingegen in Deutschland erst im
Frühjahr 1882; zu einem Zeitpunkt in der die Geschehnisse in Ägypten fast vorüber waren. Die Duplizität der zeitgleichen Ereignisse in Ägypten; Urabi-Revolte
(Ägypter gegen Engländer) und im Sudan; Mahdi-Aufstand (Sudanesen gegen Ägypter) haben im Wiederstand gegen Fremdherrschaft die identische Ursache.


Was auch immer im Detail wirklich geschehen war; Neufeld taucht eigenen Angaben zufolge erstmalig im Jahr 1879, als 23-jähriger in Ägypten auf und wird ab
März 1882 vom deutschen Botschafter Kurt Eduard von Derenthall des Generalkonsulates in Alexandria nicht mehr im “ deutschen Unterthanenverband“ geführt.
Über seine Tätigkeiten in Ägypten gibt es den Hinweis, Neufeld habe sich bei Bauprojekten betätigt. Zusätzlich praktiziert er wohl auch als Arzt und lernt dabei
seine spätere Frau kennen. Im Juni 1880 heiratet er die Engländerin Charlotte Emma Netherton, geb. Stretford, welche zuvor im Krankenhaus von Northwich in
England als Oberschwester arbeitete. Ihre gemeinsame Tochter Evelyn Neufeld wird um die Jahreswende 1880/81 geboren. “ Da ich in Königsberg und Leipzig
Medizin studiert hatte, wurde ich schon früher, als Oberägypten dem Reisenden noch weniger bekannt war als jetzt, oft zu den Kranken oder Verunglückten ge-
rufen. Ich behandelte die Leute natürlich ohne Bezahlung und hatte bald eine große Praxis und den Beinamen Hakeem Pashah (militärischer Oberarzt).
“ (s.u.)
Ab 1884 nimmt Neufeld am Feldzug zur Befreiung General Gordons, innerhalb des britischen Expeditionskorps teil. Als Dolmetscher begleitet er den Vormarsch
und die Kämpfe der River Column Nilaufwärts unter Generalmajor William Earle. Am 11. Februar 1885 erlebt er in unmittelbarer Nähe den Tod Earle´s während
der Schlacht von Kirbekan. Nachdem Khartum aber bereits zwei Wochen zuvor, am 26. Januar 1885 von den Truppen des Mahdis erobert worden war und
Gordon getötet wurde, zieht sich die River Column, nun unter Führung General Henry Brackenburys den Nil flußabwärts wieder auf Korti und später auf Wadi
Halfa
zurück. Nach weiteren sechs Wochen werden die River- und Dessert Column aufgelöst. Viele der Truppenteile die am Nil stationiert waren, verlassen
den Sudan, um in Ägypten neu aufgestellt zu werden. Lediglich die beiden Hafenplätze am Roten Meer, Suakin und Trinkitat werden auch die nächsten Jahre,
aus strategischen Gründen von der anglo-ägyptischen Armee gehalten, weil die britische Marine hier bessere Unterstützung von See her gewährleisten kann.
1886 soll Neufeld dann in Assuan mit dem aus Hamburg stammenden Abenteurer Karl Moller als Geschäftsführer eine Handelsgesellschaft für Gummi arabicum
und Elfenbein gegründet haben. Neufeld erwähnt seinen Teilhaber in einem Brief allerdings als William Möller. Als Haupterzeugerland deckt der Sudan schon seit
der Antike fast den gesamten Weltbedarf an Gummi arabicum und bietet Neufeld und Möller damit ein exklusives und lukratives Geschäft. Das getrocknete Harz,
welches in feingemahlenem Zustand als Gummi arabicum verarbeitet wird, stammt aus der Rinde der beiden, besonders in Kordofan und Darfur vorkommenden
Akazienarten, Acacia seyal und Acacia nilotica. Seit dem Aufstand der Mahdisten 1881 sind die Lieferungen ständig zurückgegangen nachdem viele der anderen
Händler ihre Geschäfte aufgaben und den Sudan verlassen haben. Um ihren Status als erfolgreiche Zwischenhändler beizubehalten und auch in Zukunft an die
begehrte Ware zu gelangen, müßten die beiden Deutschen nun selber Transportkarawanen ausrüsten und in den, von Mahdisten kontrollierten Sudan reisen.


Die folgende Meldung gibt u.a. an, daß Neufeldsein Medizinstudium in Deutschland aufgrund einer neuen Schulordnung nicht beenden konnte, aber als
Arzt auf einem englischen Kabelleger im Indischen Ozean arbeitete und ebenfalls als Arzt in Oberägypten praktizierte. Allerdings ist der Zeitraum nicht
genau zu fixieren und wirft damit eigentlich mehr Detailfragen auf, als beantwortet werden. Ebenfalls soll er noch vor 1877 für die Briten Kasernen in
Ägypten gebaut haben. Die u. angegebene originale Primärquelle scheint durchaus seriös, war aber in der deutschen Fassung nicht mehr aufzufinden.
The German trader Karl Neufeld, who was famous as the “Prisoner of the Mahdi”, died in a hospital near Berlin aged little more than 60 years.
On his adventurous life, we hear the following from his family:
Carl Neufeld was born on 4th August 1856 in Damerau, district Kulm. His father was at medical doctor. After attending the Real gymnasium in Bromberg, he
studied medicine in Leipzig and Königsberg. As after the fall of the Falk minister, people who had attended only a Real gymnasium, were not longer allowed to
study medicine, he quit his studies. At first he wanted to join a survey expedition bound for Japan, went instead in 1875/76 to Constantinople, were he worked
for a bookseller. Half a year later we find him in Alexandria. Here he married in 1877 a some years older British lady. The marriage was very unsuccessful. As
his wife stayed in Alexandria, he took to longer journeys. So he was medical doctor on a cable steamer between Aden and Bombay, later for a time medical
doctor with the Copts in Upper Egypt. During the Mahdi wars, he worked for the British, first as “Dragoman” later as a contractor for the British Army. He made
barracks for the troops and did the forts between Aswan and the Sudan. After the British had left the Sudan he stayed as a trader in Aswan, and in 1886 he
equipped a caravan to collect gum and ivory in the Sudan, which was now not possible. He went with an Arabian sheik who fought against the Mahdi. On his
way in the Sudan, he was ambushed by followers of the Mahdi, all his companions were killed.
Neufeld was taken to Omdurman, were he stayed for twelve years in chains. Three years he was not allowed to leave his prison, an Arab black hole. Later he
had to do different things for the Mahdists. So he had to do the model for the Mahdis tomb, had to make powder, repair the rifles and construct coining machines,
had to work as a medical doctor. His knowledge’s was taken advantage in every way. Despite this he had to wear chains (around 60 pounds of them) and was
beaten, had not enough to eat. Some unsuccessful near escapes made it even worse and he was strongly guarded.
After Kitchener had won the battle at Omdurman on the 2nd December 1898, he himself freed Neufeld from prison and took of his chains. Neufeld always said
that this day was his second birthday. At first he was in low spirits, and he had no money, as the money which had been collected for him was not given to him.
He stayed for a year in Egypt and went then to England, were he made lectures on his adventures. Around 1900 he came to Germany and went in 1902 back
to Egypt, were he made a traders business and sold especially German machines all over Egypt. Shortly afterwards, his sister Margarete joined him and he
lived with her up to 1912 in Aswan. Then he settled in Omdurman. At the beginning of the war, the British authorities expelled him and he went back to Germany.
Here he gave his knowledge for eventual expeditions into the Orient. In 1915 he was send on important mission to Arabia, to try to come to Abyssinia. But due to
the revolt of Hussein of Mecca this was not possible. He there worked for the German cause in Turkey. In autumn 1917 he joined the auxiliary forces and worked
with the “Niederlegungskommission” in Belgium as a civil engineer. Here he developed disease of the bladder and the kidney, later got pneumonia and died on
the 2nd July 1918. For the Mohammedans he was Sheik Abdallah, and his German name of Neufeld was made into the Arabic Naufel. On his adventures he
has written a book, “In Ketten des Kalifen” which was published by Speemann in Stuttgart.

Textquelle:
Obituary on Carl Neufeld, in: Der Neue Orient (The new Orient) periodical of the German Foreign Office, Volume No. 3, of 30. July 1918, pages 391-392
Webpage mit Beiträgen von Phil Lloyd und Stephan Rudloff über Karl Neufeld und Assuan kurz nach der Jahrhundertwende (intensiv und gut recherchiert)



1887 - 1898
Zu Anfang des Jahres 1887 kam Hogal Dufáallah, ein Bruder von Elisa Pascha (Ilyás Pasha Ahmad Umm Birair) und früherer Gouverneur von Kordofan, zu
mir nach Assuan und schlug mir vor, ihn nach Kordofan zu begleiten, wo große Mengen Gummi
(Gummi arabicum) lagen, die mit einer günstigen Gelegenheit
heruntergebracht werden sollten. Er selbst besaß ungefähr tausend Kantaren davon. Die Besitzer des Gummi wollten denselben nicht nach der ägyptischen
Grenze
bringen, weil sie die Konfiskation durch die Regierung fürchteten. Hogal dachte, daß mir, falls ich ihn begleitete, die Leute dazu bringen könnten, einige
Karawanen zum Transport des Gummi auszurüsten. Wir beiden wollten dann Kontrakte unterschreiben, daß wir die Ware bei ihrer Ankunft in Wadi Halfa kaufen
würden und daß wir die Besitzer gegen die Konfiskation von seiten der Regierung sicher schützen könnten. Briefe und Botschaften, sagte er mir, würden nichts
ausrichten, da die Leute glauben würden, dies seien Fallen, die ihnen die Regierung stellen wolle; es konnte auch keine Rede davon sein, daß wir große Geld-
summen zum Ankauf am Platze mit uns führen könnten. Gerade zu dieser Zeit, im Februar 1887, behauptete sich der getreue Schech Bey Wad Saleh
(Sheikh
Sáleh Bey Fadlullá wad Salem
) vom Stamme der Kabbabis gegen die Mahdisten und es war ihm gelungen, die Karawanenstraßen gegen den westlichen Sudan
hin offen zu halten. Hogal und ich kamen um verschiedener Angelegenheit willen nach Kairo und ich besuchte den General Stephenson und den Hauptmann
Ardagh
und bat um die Erlaubnis, die Reise zu unternehmen. Sie versuchten mich zu überreden, die Sache, die ihnen sehr gefährlich schien, aufzugeben. Als ich
aber erklärte, daß ich die Expedition auch ohne Erlaubnis unternehmen werde, da mir sehr viel daran liege, fragten sie mich, ob ich, da ich doch so wie so den
Schech Saleh besuchen müsse, um Führer für die Weiterreise zu erhalten, ihm einige Briefe übergeben wolle.“
(Auch diese Szene ist im Roman »Unter der Herr-
schaft des Rebellen
« beschrieben und illustriert. Der britische General Sir Frederick Stephenson ist noch bis 1888 kommandierender Oberbefehlshaber britischer
Okkupationstruppen in Ägypten)“Ich sollte ihm ferner noch mündlich berichten, daß seine Anfrage um Waffen und Munition zustimmend beantwortet worden sei,
daß er sofort Leute nach Wadi Halfa schicken solle, um dieselben in Empfang zu nehmen, und daß in Bezug auf diese Sache schon mehrere Boten an ihn ab-
gesandt worden seien. Aber General Stephenson überlegte sich die Sache noch gründlicher, und als ich ihn nochmals besuchte, um die Briefe abzuholen, wurden
mir keine gegeben. Er sagte, er werde nach Assuan an mich schreiben; doch fügte er bei, er wäre froh, wenn ich den Schech Saleh oder andere des getreuen
Schechs ermutigen könnte, die Derwische ununterbrochen zu quälen und abzuhetzen. Ferner wäre er mir sehr dankbar gewesen, wenn ich ihm nach meiner
Rückkehr genaue Berichte über Land und Leute der von mir durchreisten Gegenden hätte bringen können. Als ich von Assuan nach Kairo fuhr, hatte ich mit
Hassib el Gabou von der Dar Hammad-Gruppe des Kabbabis-Stamms und mit Ali el Amin von Wadi el Kab abgemacht, daß sie bis nach nach Gebel Ain, wo wir
auf den Schech Saleh zu stoßen hofften, unsere Führer sein sollten. Gabou stand als Spion im Dienst der Militärbehörde und erhielt eine monatliche Zahlung.“
(s.u.)


Die Kabábísh sind einer der größten Stammesverbände im zentralen Sudan und siedeln hauptsächlich zwischen den Städten Dongola und El-Obeid. Neben der
Zucht und dem Verkauf von Kamelen und Ziegen ist ihre wirtschaftliche Grundlage der Handel mit Gummi arabicum. Nach anfänglicher Sympathie gegenüber
dem Bestreben des Mahdis die türkisch-ägyptische Fremdherrschaft; die Turkya abzuwerfen, entwickelt sich der Mehrheit aller Kabábísh Klans neben den Dar-
Rizaykat
bald zu deutlichen Gegnern der Maydiah. Besonders Sáleh Bey wird zum erbitternden Feind gegen den Mahdi und seinem Nachfolger, dem Khalifa,
seit sein Bruder (andere Quellen sprechen vom Neffen Sálehs) Sheikh Ali el-Tóm, und früherem Führer (nazír) der Kabábísh nach der Einnahme von El-Obeid
im Januar 1883 hingerichtet wurde. Durch die sich darauf entwickelnden Kämpfe und Verfolgung durch die Mahdisten werden die Kababish immer weiter nach
Norden gedrängt und arbeiten nun notgedrungen mit den Ägyptern und Briten in den kommenden Jahren enger zusammen. Seit 1884 liefern die Kabábísh
Kamele an die anglo-ägyptischen Truppen und erhalten dafür Waffen. Im Frühjahr 1887 ist erneut eine Waffenlieferung auf dem Wege in Richtung Süden, die
Neufeld begleiten will. Die Lieferung besteht aus 200 Remington Gewehren mit 40 Kisten Munition (ca. 12.000 Schuß) sowie £ 200.- in bar. Neufeld trägt selber
keine Verantwortung für die Waffen der Karawane nach Kordofan; er ist lediglich für den Transport des Gummi arabicum zurück nach Wadi Halfa verantwortlich.


Am 1. April 1887 brach Neufelds Karawane zusammen mit den Leuten des Scheich Salech unter der Führung eines Arabers mit Namen Hassan auf. Sie be-
stand insgesamt aus 200 Mann und über 160 Kamelen. Mit dabei war auch Hassina, eine frühere Sklavin, die Neufeld als Dienerin begleiten sollte. Eine Frau
wurde deshalb mitgenommen, damit niemand die friedliche Absicht dieser Geschäftsreise bezweifeln würde, was natürlich aufgrund des Munitionstransportes
der Leute Salechs völlig illusorische war. Aber in der Hoffnung, daß diese Leute stark genug wären, die feindlichen Derwische zu vertreiben, verließ die Karawane
Wadi Halfa. Doch bereits nach zwei Tagen kam es zwischen Neufeld und seinem Führer Hassan zu einem Streit über den richtigen Weg. Hassan hatte sie an-
scheinend sogar mit Absicht in eine trostlose Einöde geführt, in der es weit und breit keine Spur von Vegetation gab. Da man in der Hoffnung, bald das Ziel zu
erreichen, mit Trinkwasser nicht gespart hatte, war man in eine lebensgefährliche Situation geraten: „Verratene, verzweifelte Menschen mit der sicheren Aussicht
auf den nahen Tod durch Verdursten oder durch die Schwerter der Derwische in der grenzenlosen Einsamkeit.“ Tatsächlich erfolgte bereits wenige Tage später
der Angriff einer arabischen Übermacht, bei dem Neufeld und seine Karawane gefangen wurde. Während die Leute des Scheichs Salech exekutiert wurden,
unterzog man den Kaufmann Neufeld einem strengen Verhör. Es wurde ihm seine Brieftasche, die ihm zuvor abgenommen worden war, vorgelegt mit der Frage:
„Welches sind die Regierungspapiere?“ Neufeld mußte schließlich zugeben, daß er einen Brief von General Stephenson bekommen, aber mit dem Transport von
Munition und Waffen nichts zu tun habe. Daraufhin wurde nach langer Diskussion beschlossen, ihn mit seiner Dienerin Hassina unter strenger Bewachung zum
Kalifen nach Omdurman zu schicken.
“ (s.u.) Die Handlung wird im Buch von Vater Ohrwalder im Kapitel XIV ebenfalls aufgeführt (s.o.), wobei diese Angaben
eigentlich nur durch Wingate zugefügt worden sein können, da sich Ohrwalder zu diesem Zeitpunkt seit über 4 Jahren in Gefangenschaft der Mahdisten befand.


Neufeld macht in seinem Buch einige Angaben, die sich dazu unterscheiden: “ Nach unserer Ankunft in Deraui machte sich Hogal sofort auf, um den Kamelkauf
zu besorgen. Unsere Expedition sollte bestehen aus Hogal, Hassib el Gabou, Ali el Amin, meinem arabischen Schreiber Elias, der Dienerin Hassina und vier
weiteren Leute, die Hogal engagieren sollte, damit wir doch, zehn Mann stark, eventuellen Angriffen herumziehender Derwische hätten widerstehen können.
[ . . .] Am Morgen nach meiner Ankunft in Wadi Halfa hörte ich, daß schon vierzig von Schech Salehs Leuten unter der Führung des Sklaven Ismael herge-
kommen waren, um die Waffen und Munition, die die Regierung ihnen gesandt, abzuholen.
[ . . .] In Wadi Halfa kamen noch ungefähr zwanzig Araber von ver-
schiedenen Stämmen zu uns, sodaß unsere Karawane aus vierundsechzig Mann und über hundertsechzig Kamelen bestand. Gabou gab uns als Führer nach
Selima einen Mann Namens Hassan mit, der ebenfalls den Dar Hamads angehörte. Früh am 1.April 1887 überschritten wir das westliche Ufer des Nils, um zehn
Uhr hatten wir die Kamele beladen und traten die Reise nach dem Sudan an, die ich erst nach zwölf langen Jahren vollenden sollte. Von den Selimaquellen
aus führen fünf Hauptrouten – die westlichste nach El Kiyeh, die zweite nach El Agye und die mittlere nach Wadi el Kab. Da wir uns vorgenommen hatten,
Schech Salech in Jebel Ain
(bei der Oase Ain el Agia) zu treffen, hatten wir die Straße nach El Agye gewählt, die mitten durch die Wüste führt, wo die Gefahr,
plündernden Derwischen zu begegnen, sehr gering war. Wir waren einige Stunden unterwegs, da machte ich die Bemerkung, daß wir, meiner Ansicht nach,
falsch gegangen seien. Wir machten Halt, ich studierte die Karte und wurde dadurch in meiner Vermutung bestärkt. Trotzdem behauptete der Führer Hassan,
daß wir den richtigen Weg haben. Meine Vorstellungen fanden taube Ohren und die Schlußbemerkung Hassans war: „Ich bin nie auf Papier gewandert (damit
meinte er die Landkarte), ich bin dagegen immer in der Wüste gewandert, ich bin der Führer und ich bin verantwortlich. Der Weg, den Sie uns vorschlagen, führt
nach El Etroun (dem Natrondistrikt), gehen wir mit Ihnen und verschmachten in der Wüste, so bin ich für euer Leben verantwortlich, und Ihr Papier da wir nicht
den Mund aufthun, um mich zu verteidigen.“
[ . . .] Als wir am 12. (Tag) Rast machten, entschloß sich Ismael, der die Unruhe unter seinen Leuten bemerkte,
nochmals Kundschafter nach Osten, die nach Grenzmarken Umschau halten sollten, auszusenden. El Amin gesellte sich zu ihnen, und sie kamen erst nachts mit
dem Bericht zurück, daß wir dem Flusse
(Nil) näher seien, als den El Agiäquellen. So waren wir am vierten Tage, an dem wir schon in El Agia hätten seien sollen,
noch so weit entfernt.
[ . . .] Es war nun nicht mehr daran zu zweifeln, daß wir, wie ich gleich anfangs behauptete, auf dem Wege nach Wadi el Kab waren, und
damit in Feindesland.
[ . . .] Ich glaube, es war am sechsten Tag, als wir die Karawanenstraße, die ost- und westwärts führte, durchquerten, nach meiner Karte
vermutete ich, daß es die Route von El Kab und El Agye sei, konnte aber nicht genau herausfinden, wo wir eigentlich waren. Ich wollte nun diesen Weg ein-
schlagen, aber Hassan erklärte, er führe direkt nach El Kiyeh. Wir wußten alle, daß wir ganz in der Nähe von Wadi el Kab sein müßten. Ein neuer Kriegsrat
wurde gehalten und beschlossen, den Weitermarsch in derselben Richtung zu riskieren; da wir zweifellos auf dem Wege nach den Quellen am äußersten Ende
des Wadi (zeitweise ausgetrocknetes Flußtal) uns befanden.
“ (s.u.)


1887 halten sich auch noch weitere Österreicher in Ägypten auf. Der aus Böhmen-Mähren stammende Abenteurer Vilém Němec richtet mit seinen beiden
Landsleuten, Bedřich Machulka und Eduard Štorch Großwildjagden für reiche Europäer im Sudan, Äthiopien und Somalia aus. In den, 2011, von seiner
Enkelin veröffentlichten Aufzeichnungen, gibt Vilém Němec an, auch nähere Details von Neufelds wahren Hintergründen und Absichten gekannt zu haben:

During the period of unrest caused by the dervishes in Sudan, there were reports that Sudan was already lost to Egypt. In response to these reports, three men
came forward, each of them claiming that with his exceptional knowledge, he could make a difference in the situation to profit Egypt. They were Karel Neufeld,
Sergeant Major Zubovits, and Soliman Inger. Neufeld was a German merchant in Assuan. He offered to lead an ostensibly commercial, armed caravan among the
dervishes in Sudan to buy gum and elephant tusks. This was a ploy to disguise the main goal of spying to learn the war plans and conditions of Sudan´s terrorist
leader, Abdulahi-el-Tajis
(Khalifa), and his undefeated army. Neufeld demanded an unlimited power of attorney from General Stephenson, who was commanding
officer of the British troops, to act in Egypt as a representative of the British government. The negotiations took about a week. The Brits took their time, and
Neufeld became impatient, thus raising suspicions of the general. Finally Neufeld announced that he would take it to Sudan with or without the blessing of British
and Egyptian government. Neufeld met a German adventurer Karl Moller from Hamburg, who claimed that he had good business contacts in Sudan as a result of
his travels there. Neufeld already imagined himself becoming a millionaire. He knew that they could get into a situation where they would have to choose between
the Sudanese or British-Egyptian, and he did not want to commit himself to either one right now. The main issue was to get to Sudan and then see what he should
do. The dervishes were winning their battles in Sudan, but the civil war there was not finished by any means. Many tribes did not trust Abdulahi-el-Tajis and kept
fighting, hoping that help would come from Egypt soon. The largest of these tribes was Tababish, whose ruler was Sheikh Salech.
General Stephenson, who was keeping in touch with these tribes with the help of his spies, was looking for a way to send them fire arms, which the Sheikh
requested. He was hesitant to accept Neufeld´s offer – he did not trust him, and he was afraid that his expedition would fail. A compromise was worked out with
Neufeld; his caravan would travel independently, on his own responsibility, and there would be no official paper. Another government caravan would travel along-
side Neufeld´s, carrying the arms for Sheikh Salech. Both caravans would travel together and support each other on pre-determined route until they met with the
Sheik. Once they reached the Kabish territory, they would separate, and Neufeld could then travel for his own interests or return to Cairo. This agreement between
General Stephenson and Neufeld was just an oral agreement, which later caused lots of diplomatic problems after Sudan was taken back from the dervishes
when Neufeld filed suit against the Anglo-Egyptian government, which he eventually lost.
Because of my job at the time at the Jewish hospital´s pharmacy, I turned down Moller´s offer to travel with him to Assuam to meet with Neufeld and manage his
store there. If Neufeldhad plans to exploit either the dervishes or the Brits, depending on the Situation, Moller certainly had his own plans how to seize Neufeld´s
new booming business, and it would be in his interest if Neufeld did not return to Cairo at all. I turned out that Moller´s plan were successful. I realized how lucky I
was that I did not fall for his treacherous promises.
Toward the end of March 1887, both caravans started together from Vadi HalfaNeufeld´s and the government´s, on the way to Sudan. Neufeld´s thirty-two
camels, and the government had seventy. The government caravan was loaded with lots of firearms and ammunition for Sheik Salech and was accompanied by
a heavily armed escort. The first ten days, spent travelling in the hot sandy desert, passed by quietly, except for a shortage of water. Both caravans had their own
guides who claimed that they knew the dessert very well, but when it comes to finding some springs, all the guides were in disagreement; one wanted to get left,
the other right. The third one claimed that they were moving too fast and they always passes the springs; the fourth one said no, the springs were at least two
days ahead to the west. Neufeld was relying on a compass and maps. Soon the caravan turned east, and after a couple of days west again, nobody knew where
they were. The distrust and suspicion of the guides towards each other grew, and soon the arguments were getting violent and the fights began.
In the middle of April 1887, the caravans finally found some water at an altogether different location than they expected. It turned out that the suspicions of some
of the guides were right, and the treachery was planned before they even started the trip. They found the springs at Ajun Selima oasis with a large company of
dervishes waiting for them, hiding behind a dune. The dervishes´ attack at the oasis was fateful to both caravans. Several people were killed, and all the rest were
taken prisoners by the dervishes, including Neufeld, as slaves into the dervishes´ territory of Abdulahi-el-Tajis, who was reigning in his palace in Omdurman, near
Khartoum. Since Gordon´s murder, the place was crowded with all the European slaves, among them Viennese Slatin, together with a number of missionaries and
nuns and Father Ohrwalder and Rossgnolim, and other Europeans, including a completely mad Czech musician about whom nothing was known except his name
Josef. Josef died during his captivity there.

(Der ebenfalls aus Böhmen-Mähren stammende Bäcker und wandernder Musikant Joseph; genannt Joseppi starb 1889 auf der Flucht, Neufeld, Seite 142-144)
Who was responsible for his treachery at the oasis remains a mystery. The guides accused one another; the British suspected Neufeld, saying that he wanted to
do business with the dervishes; and Neufeld accused the native guides. The people in Cairo suspected Moller, who eventually gained most taking over Neufeld´s
business and getting wealthier by the hour while Neufeld was roaming the dessert in the slave camp of the dervishes. Whoever was responsible, the treachery
happened, and nobody claimed responsibility. . .

Textquelle:
Chapter 10, Seite 87-90, In:
Twenty-Five Years in Africa; The beginning , Vilem Nemec, Jana R. Nemec-Jirac, Tate publishing & Enterprises, USA 2011.


Die Karawane die Neufeld begleitet, war zur Zeit des Überfalls durch die Mahdisten nicht sehr weit gekommen. Seiner eigenen Karte zufolge sollte das Endziel
der Karawane südwestlich von Omdurman, bei El-Obeid sein. In Wahrheit befinden sie sich fast 150 weiter östlich als angenommen, da der Führer Hassan sie
bewußt in eine falsche Richtung gelenkt hatte. Um den 16. April 1887, sechs Tage nach Verlassen der Oase Selima erreicht die Karawane das nördliche Ende
des Wadi el Kab, einem Trockental auf der Höhe von Dongola, welches sich sichelförmig, zwischen 15 und 45 km parallel zum westlichen Ufer des Nils hinzieht.
Die Waffenladung wurde zuvor unter Bewachung versteckt um schneller zu den nächsten Wasserquellen zu gelangen. Andere Männer sind mit der Erkundung
der Umgebung beauftragt worden, sodaß die Kabábísh-Bedeckung der Karawane nur noch aus der Hälfte, der ursprünglichen 64 Männer besteht. Die Angreifer;
150 bis 200 Mann stark haben sich in dem hügligen Terrain verschanzt und erwarten die Karawane bereits. In dem sich darauf entwickelndem kurzen Infanterie-
Gefecht unterliegen die fast verdursteten Verteidiger schon nach kurzer Zeit in dem deckungslosen Talgrund und werden von den Angreifern überwältigt. Neufeld
konnte nicht wissen, daß Sáleh Bey aufgehalten wurde, weil er ebenfalls in Kämpfe mit den Mahdisten verwickelt ist und die Oase Ain el Agia ebenfalls nicht zum
vereinbarten Zeitpunkt hätte erreichen können. Sáleh Bey wird, nachdem Neufeld Omdurman erreicht, am 17. Mai 1887 in einem Gefecht getötet. (Hier eine Über-
sicht mit dem beabsichtigten und tatsächlichen Weg der Karawane sowie ein Vergleich von Neufelds Detailkarte mit einer topographischen Detailkarte des Nils.)
Am 21. März erreichen die Überlebenden und Neufeld als Gefangene des Sheikh Wad en Negumi Dongola. Eine Woche später geht es weiter nach Omdurman.
Dadurch das sich die Kabábísh der Maydiah-Bewegung nicht unterwarfen, waren sie in den Jahren bis 1898 ständiger Verfolgung ausgesetzt, welche historisch
Verbürgt, auch fast bis zu deren vollständigen Vernichtung führte. Nur langsam erholte sich der Stamm bis zum Beginn des 1. Weltkrieges von diesem Blutzoll.
Sämtliche aufkommende Opposition und erst recht jeder Wiederstand wurde durch den Khalifa sofort durch die Ausrottung ganzer Volksgruppen beantwortet.
Dies erklärt auch warum ein großer Teil von Neufelds Begleitung in Omdurman hingerichtet wurde und der Deutsche der einzig nachweisbar, Überlebende blieb.
Neufeld wird von den britischen Behörden später der Vorwurf gemacht er hätte die Waffen und Munition in die Hände der Mahdisten gespielt. Dieser Verdacht
wurde auch seiner Frau Charlotte brieflich mitgeteilt. Auch wenn Frau Neufeld mit einem Deutschen verheiratet war, besaß sie nach wie vor die englische Staats-
bürgerschaft. Weitere britische Pressemitteilungen wünschen Neufeld den Tod, damit seine Frau endlich in der Lage ist sich von diesem Deutschen loszusagen.


Wir erreichten die Stadt (Omdurman) um Mittag, Donnerstag den 5. Mai, und hielten unseren Einzug fast unbeachtet. Auf dem Marktplatz aber, nachdem sich
die Kunde von unserer Ankunft wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, umringten uns Tausende und wir konnten uns nur mit größter Mühe bis zu dem Bettplatz vor
der Grabstädte des Mahdi Bahn brechen. [ . . .] Bald nachher kamen dann auch Nur Angara, Slatin, Mohammed Taber und der oberste Kadi mit einigen anderen,
um mich zu verhören. Slatin richtete einige Worte auf Englisch an mich, da ich ihn nicht verstand, bat ich ihn, deutsch zu sprechen, da sagte er mir halblaut:
„Seien Sie sehr höflich, sagen Sie ihnen, daß Sie zum Mahdi gekommen seien, um sich zur Religion zu bekennen, sprechen Sie nicht mit mir.“ Nur Angara, der
die meisten Fragen stellte, sagte nun: „ Warum bist du hergekommen?“ Ich zögerte einen Augenblick mit der Antwort, aber doch nicht lange genug, um mein
europäisches Blut beim Anblick des so gebieterischen auftretenden Schwarzen wirklich beherrschen zu können und ihm „höfflich“ zu antworten. Ich erwiderte
also: „Weil ich nicht anders konnte; ich verließ Wadi Halfa, um Handel zu treiben, nicht um zu kämpfen, aber deine Leute haben mich gefangen genommen und
mich hierher gesandt, warum fragst du mich also?“ Bei diesen Worten trat Slatin hinter die anderen Emire und versuchte, glaube ich mir verständlich zu machen,
daß ich anders mit ihnen sprechen sollte. Meine Hilflosigkeit machte mich erbittert, und trotzdem ich so heruntergekommen war, hätte ich jeden meiner Gegner
vor Wut erdrosseln können.
[ . . .] Man zeigte mir später (1899 in Kairo) ein Schriftstück, in welchem angegeben wurde, daß ich, wohl wegen Bereitwilligkeit,
Aussagen zu machen, einen „schlechten Eindruck“ gemacht hätte. Der Grund des schlechten Eindrucks war nicht genau angegeben, mag aber vielleicht der
erwähnte sein. Andere Gefangene haben sich ihren Besiegern zu Füßen geworfen und um Gnade gefleht, ich that das nicht, und es ist auch möglich, daß der
„schlechte Eindruck“ daher stammt. Die Welt kann mir den Vorwurf machen, daß ich unklug gehandelt, meinen mächtigen Feinden mit so seltsamer „Höflichkeit“
begegnet zu sein, aber es kann mir doch niemand zumuten, daß ich, selbst wenn ich nicht sechs Jahre in Verbindung mit dem englischen Heer auf dem Schlacht-
feld und im Frieden im Sudan gelebt, auch nur einen Augenblick vergessen konnte, was ich meiner Mannesehre schuldig bin, so daß ich imstande gewesen wäre,
mit demütigen Küssen die Hand eines wilden Schwarzen zu bedecken, der zudem noch beim Morde Gordons beteiligt gewesen. Jetzt, wo ich dem Leben wieder
gegeben bin, danke ich Gott, daß mein erstes Erscheinen vor dem Kalifen einen „schlechten Eindruck“ machte, das wird auch der beste Beweis dafür sein, daß
die Verdächtigungen, die man gegen mich aussprach, unbegründet sind.
[ . . .] Ich sah Slatin während meiner langen Gefangenschaft nur noch einmal wieder,
und dann nur von ferne, als er dem obersten Gefangenenwärter einige Befehle erteilte.
“ (s.u.)
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Holger Kotthaus
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BeitragBeitrags-Nr.: 203822 | Verfasst am: 16.05.2014 - 04:37    Titel: Antworten mit Zitat

Es gab wohl keine gegensätzlicheren `Sudanexperten´ als diese beiden deutschsprachigen Abenteurer Karl Neufeld und Rudolf Slatin. Beide erlitten zwar das
gleiche Schicksal als Gefangene des Khalifa; beide sind auch fast gleich alt als sie sich am 5. Mai 1887 erstmalig begegnen; und beide unterliegen später auch
der Faszination dieses Landes, da sie bis zum 1. Weltkrieg im Sudan ihre Zukunft sehen und dort bleiben. Trotzdem begegnen sie sich in diesen 27 Jahren nur
einmal; - in jenem Frühjahr 1887 in Omdurman. Selbst in einem so riesigen Land wie dem Sudan mußte man sich hierzu schon bewußt aus dem Wege gehen.
Rudolf Slatin hatte sich immer Freunde gesucht, die seinem Wesen mehr entsprachen und die ihm weiterhelfen konnten; Karl Neufeld konnte es jedenfalls nicht.
Neufelds, geradezu störrische Todesverachtung ließ es ratsam erscheinen sich deutlich von diesem Deutschen zu distanzieren um nicht mit ihm unterzugehen.


Ich will zunächst die ersten vier Jahre meines Gefängnislebens schildern. Zu Zeiten, oft mehrere Wochen nacheinander, wurden 250 - 280 Gefangene in jenem
kleinen Raum gepfercht, man konnte kaum die Arme bewegen, die „Jibbehs“ wimmelte von Insekten und Schmarotzern, sodaß an Schlaf nicht zu denken war und
schon aus diesem Grund das Leben eine Qual gewesen wäre. Da die Hitze immer drückender und die an sich schon verpestete Luft durch die Transpiration der
aufeinandergedrängten Körper immer dicker wurde, hörte man überhaupt auf Mensch zu sein. Jeder, der die Hand überhaupt bewegen konnte, warf den Kot von
einer Seite des Raumes zur anderen, die anderen suchten, um nicht getroffen zu werden, nach allen Seiten auszuweichen, kämpften, bissen, rangen, soweit es
ihnen mit ihren Fesseln möglich war, miteinander und schlugen mit ihren Ketten gegen die Schienbein des Nachbars, und so entstand ein grauenhaftes Durchein-
ander, das nur ein Dante beschreiben könnte. Jeder, der in einer solchen Nacht niedergehauen wurde, stand nicht wieder lebendig auf, denn sein Hilferuf wurde in
dem Geklirr der Ketten und bei dem Höllenlärm der Flüche und Verwünschungen nicht gehört, und hätte wirklich einer versucht dem Gestürzten aufzuhelfen, so
wäre er gleichfalls unrettbar verloren gewesen. Wenn uns am Morgen erlaubt wurde herauszugehen, fanden wir drei bis vier zur Unkenntlichkeit entstellte Leichen
auf dem Boden, die buchstäblich zertreten waren. War der Tumult stärker als gewöhnlich, so öffneten wohl die Wärter die Thüre und schlugen mit ihren Peitschen
auf die Köpfe der Gefangenen, in solcher Nacht konnte man mit Sicherheit auf sechs bis sieben Opfer rechnen. Ich wollte gerne eingestehen, daß da, was ich hier
erzähle, Phantasiegebilde seien, ich kann aber nur wiederholen und versichern, daß meine Worte nur ein ganz schwaches Bild von dem geben, was ich wirklich
erlebt habe
.“ Neufeld hat in den zwölf Jahren seiner Gefangenschaft Dinge erlebt für die der heutige Begriff; Traumata wohl schon nicht mehr ausreichen würde.


Der britische Historiker Brook-Shepherd führt in seiner ausführlichen Slatin-Biographie ein kurzes, vergleichendes Charakterprofil beider Abenteurer auf:
. . Ende 1891 gab es zwar noch einige Griechen, Italiener und Syrer in Omdurman, aber der einzige deutsch sprechende Gefangene außer Slatin war der aus
Preußen stammende 45 Jahre alte Kaufmann Karl Neufeld. Aber für Slatin bedeutete die Bekanntschaft mit Neufeld kaum etwas. Er
(Neufeld) hatte 1887 eine
leichtsinnige Geschäftsreise zum Einkauf von Gummi arabicum unternommen und war dabei in Gefangenschaft geraten. Seine unbeugsame Haltung zwang den
Khalifa geradezu, ihn in Ketten zu legen. Der Stolz Neufelds und die fürchterlichen Strafen, die dieser ihm eintrug, müssen dem empfindlichen Slatin immer wieder
Gewissenbisse verursacht haben. Sollte er sich dazu beglückwünschen oder sollte er sich Vorwürfe machen, daß er sein relativ sorgloses und bequemes Leben
durch seine Geschicklichkeit gesichert hatte? Stimmte Slatin dieser Kontrast manchmal nachdenklich, so konnte er sich wenigstens damit trösten, daß er durch
seine privilegierte Stellung am Hof des Khalifa wahrscheinlich dazu beigetragen hatte, Neufeld das Leben zu retten.
Eines Tages im Mai 1887 sah Slatin, wie der Deutsche in das Lager geführt wurde. Es wurde von ihm behauptet, er sei der „Pascha von Wadi Halfa“ und ein
englischer Spion. Aus den Papieren, die man ihm abgenommen hatte und die Slatin dem Khalifa übersetzen mußte, ergaben sich die wahren Umstände. Alle
Briefe bestätigten, daß Neufeld ein deutscher Kaufmann war, der sich auf einer Geschäftsreise befand. Was Slatin aber nicht übersetzte, war ein Auftrag des
britischen Generals Stephenson, der Neufeld gebeten hatte, einen ausführlichen Bericht über die Lage im Sudan mitzubringen.
Anschließend mußte Slatin zusehen, wie der Khalifa auf dem freien Platz vor seinem Hause mit dem Leben des Gefangenen Katz und Maus spielte. Neufeld
war aber alles andere als eine Maus. Auf die Knie gezwungen, von den gellenden Trompetenstößen der an seinen Ohren gehaltenen Ombeiya-Hörner halb
betäubt, mit Speeren und Säbeln gestochen, hatte er immer noch den Mut, auf die Androhung, der Khalifa werde ihn köpfen lassen, zu antworten: „Gehe zu
deinem Khalifa und sage ihm, daß weder er noch fünfzig Männer wie er mir ohne die Erlaubnis Gottes ein Haar krümmen können.“ Als sein Peiniger von dieser
erstaunlichen Mitteilung Kenntnis genommen hatte, befahl er
(der Khalifa), Neufeld solle in Ketten auf einen Esel gesetzt und zum Galgen gebracht. Als die
Schlinge schon über seinem Kopf hing, fragte man ihn: „Du wirst in wenigen Minuten tot sein. Wie willst du nun sterben, als Mohammedaner oder als Christ?“
Der Deutsche, der, wie er selbst sagte, erzwingen wollte, daß „diese Horde mich auch noch im Tode achten soll“, entgegnete mit lauter Stimme auf Arabisch:
„Die Religion ist kein Kleid, das man sich heute anzieht und morgen fortwirft.“ Mehr als die Bitten Slatins haben wahrscheinlich sein Mut und seine weiße Haut-
farbe ihm das Leben gerettet. Er wurde jedoch für vier Jahre in den berüchtigten „Saier“ geworfen. Hier in Staatsgefängnis von Omdurman muß er Qualen
erlitten haben, die so fürchterlich waren, daß er ihnen wahrscheinlich den Tod am Galgen vorgezogen hätte.
Diese beiden Männer, Slatin und Neufeld, die einander in der Hauptstadt des Khalifa begegneten, waren die Repräsentanten entgegengesetzter Pole. Neufeld
entsprach der Vorstellung vom unbeugsamen Preußen, der stolz und hart „wie die deutschen Eichen“ den Elementen Wiederstand leistet. Seine Kraft floß aus
festen Grundsätzen und religiösem Glauben. Slatin dagegen entsprach dem Cliché-Bild des Wieners, der – um bei botanischen Vergleichen zu bleiben – sich
wie die Weide vor jedem Windhauch beugte, weil es ihm vor allem um das Überleben ging. In fast jedem Wald ist Platz für beide Bäume, und im Sudan fand
jeder der beiden den für ihn geeigneten Ort. . .

Textquelle:
6. Kapitel, Gefangener des Khalifa, Seite 100, In: Rudolf Slatin – Ein abenteuerliches Leben, Gordon Brook-Shepherd, Dt. Ausgabe, Fritz Molden, Wien 1982.



Neufeld wurde etliche Male darauf vorbereitet und bis zuletzt in dem Glauben gelassen, daß seine endgültige Hinrichtung nun unmittelbar bevorstehen wird.
Einer meiner Wächter bestätigte Hassinas Worte und ich war neugierig genug, mir von ihr solch eine Hinrichtung beschreiben zu lassen. Nachdem ich die
Schilderung gehört, weigerte ich mich, irgend welche Nahrung zu mir zu nehmen. Ich wollte den fanatischen Derwischen das eine Schauspiel nicht gönnen, auf
das sie hofften – doch ich will hier keine weiteren Einzelheiten angeben.
“ Nur Neufelds Status als `lebende Trophäe´; sein ausgeprägter Stolz und unbändiger
Überlebenswille ließen ihn diese 12-jährige Tortur überstehen. Durch seine Außenseiterrolle als exotischster Gefangener des Khalifa, hauptsächlich aber durch
sein geringes Maß an Empathie und sozialer Kompetenz; besonders in Konfliktsituationen, befindet sich Neufeld dadurch natürlich ständig in einer `Opferrolle´.
Während seiner langen Gefangenschaft in Omdurman lernt Neufeld den Mitgefangenen ägyptischen Offizier Ibrāhīm Fawzī kennen und freundet sich mit ihm an.
Ibrāhīm Fawzī Pasha war 1882 Polizeipräfekt in Kairo und 1885 als General der Ägyptischen Armee bei der Eroberung von Khartoum in Gefangenschaft geraten.
1901 hatte er einen zweiteiligen Band seiner Memoiren in Arabisch verfaßt: “ Kitāb al-Sūdān bayna yaday Ġurdūn wa-Kitšinir“, der 1997 auch in Englisch über-
setzt wurde: “The History of the Sudan between the Times of Gordon and Kitchener“, in dem er auch die letzten Tage vor dem Fall der Stadt Khartum beschreibt.
Es verwundert, wie oberflächlich die US Wissenschaftlerin und Autorin E.T.Powell Passagen in ihrem Werk über Fawzī recherchiert und auch interpretiert. (s.u.)
Slatin schrieb sein Buch nicht einige Jahre nach (“Several years later“), sondern unmittelbar nach seiner Flucht aus der Gefangenschaft. Slatin flieht auch nicht
kurze Zeit (“ Neufeld found himself in prison not long after Slatin had fled “) nachdem Neufeld in Gefangenschaft gerät, sondern erst acht lange Jahre (1887-1895)
später. Neufelds Arabisch- und Englisch Kenntnisse waren bereits 1884 schon so ausgeprägt, daß er nachweislich für die britischen Streitkräfte als Dolmetscher
fungierte. (“ nor did he speak much Arabic “) Zwar beschreibt Neufeld, daß er 1887 noch einen Schreiber für arabische Briefe beschäftigt; dies ist aber durch die
Unterschiede zwischen dem gesprochenen Ägyptisch und geschriebenen Sudanesisch erklärbar. Weiterhin war Neufeld vor seiner Gefangenschaft nicht Kauf-
mann in Suakin, sondern in Assuan, und sein Militärdienst bei der Deutschen Armee (“ he was a German soldier “) ist ebenfalls in keiner bekannten Quelle nach-
gewiesen. Als sich Neufeld und Slatin 1887 in Omdurman erstmalig begegnen, war der Deutsche acht Jahre und der Österreicher, nach Abzug seiner 2-jährigen
Unterbrechung, elf Jahre im Sudan. (“ A German merchant (Neufeld) with little of Slatins experience “) Die Differenz an Erfahrung bestand also in drei Jahren.


The most striking aspect of Fawzī Pasha´s story, however, is the photograph that introduced him to the reader. Over the headline “A prisoner of the Khalifa”, a
phrase borrowed from the recently published memoires of Fawzī Pasha´s German friend, the merchant Charles Neufeld, several figures sit in a thatched room. To
the extreme right is Ibrāhīm Fawzī, across from Neufeld. Opposite him is Fawzī´s son, born during the Mahdíya, staring sadly if not purposefully into the distance.
All three wear chains around their feet and the Mahdist jubba (uniform). Yet this portrait of imprisonment bristles with contradictions. The three are positioned
sitting before a meal, which is being served to them by two black men. The caption identifies these two men as jailers, yet they are frozen in the moment of servile
gesture, looking much more like slaves. Neufeld looks poignantly at one of them, but the intent of his gaze is unclear: perhaps it expressed fear, or perhaps he is
conveying an order. Fawzī Pasha and Neufeld are sitting on the same level, equal both the weight of their chains and their social status. Their pose reinforces
their superiority over the two jailers-slaves who hover near them, even though they recline in shackles and the black men move unhindered. The Gazette reporter
first attributed the taking of the photo to General Kitchener, at the moment in which he liberated the Omdurman jail, but corrected this statement that the original
was so faded ``it was decided to have it retaken in Cairo´´ Neither Ibrāhīm Fawzī nor Neufeld could remember who took the photo. Several letters had also
claimed that the costumes had been rented, later, in Atbara, but the reporter asserted that the costumes and the arms were ``exactly what the two prisoners wore
on the day of the entry of the troops into the city and are a present still in their possession here´´
All those foreigners who suffered the prison of the Mahdi and lived to write about it, whether career military men like the Austrian Rudolph Slatin Pasha, European
merchants taking advantage of those chaos in trade like Charles Neufeld, or the German priest Father Ohrwalder, were therefore enlisted by Fawzī as co-eye-
witnesses in this book, thus conferring legitimacy on his account of the Sudanese. Obviously, Fawzī relationship with the people of the Sudan was extremely
complicated (he did marry a Sudanese woman and father a son by her). Those closest to him in Omdurman, and then in prison, were Europeans. But although
he turned to the memoirs of other European prisoners of the Mahdi to provide, as he wrote, a more complete spectrum of historical truth to his own narrative, his
accounts of the Sudan during the Mahdiya differed from theirs in significant ways. Two narratives, those of Rudolph Slatin Pasha and Charles Neufeld, best
exemplify these differences. Slatin Pasha spoke fluently Arabic, converted to Islam, and was eventually able to escape to Egypt three years before the battle of
Omdurman. Several years later, he wrote an account of his experience titled `Fire and Sword in the Sudan´, which became very popular in Great Britain. Neufeld,
another chronicler of the Mahdiya, was a German merchant with little of Slatin´s experience in the Sudan who found himself in prison in Omdurman not long after
Slatin had fled. He had freed with Ibrāhīm Fawzī, and quickly wrote a book,” A prisoner of the Khaleefa”, that offered his perspective on the Mahdiya. As both
narratives show, neither Slatin Pasha nor Neufeld was troubled by the contradiction of identifying with both the colonizers and the colonized. Even when in chains
in Omdurman, they viewed themselves much more assertively, and wrote their accounts with much greater cultural assurance, than Fawzī did.
Charles Neufeld, Fawzī Pasha´s friend and biographer, was unable to achieve that some sense of distance and hauteur during his imprisonment in Omdurman
refusing to follow the script, even when urged to do so by his coprisoner Slatin Pasha himself. Neufeld did not have Slatin´s or Fawzī´s experience in the Sudan,
nor did he speak much Arabic; he was a German soldier turned merchant trader in Suakin who ventured too close to the Mahdiya and was captured, suspected
of spying for the Egyptian government. Unlike Fawzī and Slatin, Neufeld had no interest in civilizing or colonizing the Sudanese – he was there for profit alone.
The stunning strangeness of blacks having the upper hand over him almost cost Neufeld his sanity, as he repeats throughout his account. Neufeld asserted his
European-ness as loudly as possible, in front of Sudanese guards who either ignores his assertions or punished them. Ibrāhīm Fawzī, however much he borrowed
from the narratives of Slatin Pasha and Neufeld, never adopted so aloof, or so combative, a stance with respect to the Sudanese.
The Khalifa then had Fawzī beaten and thrown into the dungeon cell where he encountered Charles Neufeld. Neufeld came over to help the wounded Fawzī, until
the prison guards reentered the cell an began whipping and cursing both of them, yelling, “Why are you awlād al-rīf (Sudanese epithet for Egyptians), you infidels,
all sitting together?” (It is interesting that, when introducing the other to their respective readers, both Fawzī and Neufeld present themselves as rescuer of the
other. Fawzī recounts being chained to Neufeld, who had dysentery at the time, making everyone, particularly Fawzī, suffer also, whereas Neufeld describes
telling Fawzī to act like a man and stop whining when the Mahdist guards were clamping on his chains.)They then separated Neufeld and Fawzī, but not before
Fawzī made his point. Describing it this way, he allowed the Sudanese to combine the element of unbelief, culture and important, race, to elevate him to his
desired status. It is a masterly manipulation of insult. By having the Sudanese themselves color him white and group him with Europeans, though significantly they
label Neufeld and Fawzī as awlād al-rīf, Fawzī turns the indignities and insults heaped on him into legitimization on his social superiority. Race, for Fawzī, was the
ultimate, irrefutable badge of cultural identity and social status. Nothing erases this, no matter how the traditional roles are reserved. Fawzī describes the various
services that Egyptians, many of them former ranking officers, performed for the Mahdīya, including clerical work and help in the manufacture of gunpowder and
weapons; some even opened small restaurants and bakeries in Omdurman. Despite their industriousness, these Egyptians lived under oppressive conditions and
were hated of their white skin, which revealed jinsīyathum, (their nationality).He makes clear that blackness belonged ti slaves, most starkly when he relates how
he was moved from the cell he shared with Neufeld into another.

Textquelle:
Chapter 3, The lived experience of contradiction: Ibrāhīm Fawzī´s narrative of the Sudan,
The political and the personal: Writing memoirs of the Sudan & The history of the Sudan between the times of Gordon and Kitchener,
Seite 116-134, In:
A different shade of colonialism. Egypt, Great Britain, and the mastery of the Sudan, Eve Troutt Powell, University of California 2003.


Im Gegensatz zu den exotisch anmutenden; bewußt theatralisch, und mit Waffen in der Hand gehaltenen Fotos der beiden Österreicher, Slatin und Ohrwalder,
hatte Neufeld später wohl bewußt darauf verzichtet sich derart in Pose zu setzen, um nicht noch weitere von der Presse geschürte Vorurteile gegen ihn zu unter-
stützen. Es kann kein Zweifel bestehen, daß sämtliche, später erschienenen Fotos nachträglich gemacht wurden. Allein schon aus religiösen Gründen waren
während der Herrschaft des Mahdi und des Khalifa Aufnahmen im Sudan verboten, und ebenfalls waren die notwendigen technischen Mittel nicht vorhanden.


Der britische Historiker Richard Leslie Hill gibt hingegen ein objektives und plausibles Erklärungsmodell für Neufelds Wesen und Verhaltensmuster ab:
. . . . . Among the prisoners was Karl Neufeld. Unkind voices were afterwards heard in the market saying that Neufeld was in his house, a free man,
when he saw the defeated Sudanese host streaming through the town
(Omdurman). So guessed what had happened, dashed back to prison, clapped
irons upon himself and was only just in time to assume the pose of martyrdom before the troops arrived. Kitchener had Neufeld packed off rather curtly
to Cairo. There the Intelligence Department not gave him no help in the writing of his memoirs but wish unwisely tried to intimidate him into silence.
Extremely thin-skinned at the best of times Neufeld was utterly dejected at the way British officialdom cold-shouldered him. He chanced to meet Sir
Georg Newnes
, the publisher, who was wintering in Egypt. Newnes had caught the Intelligence Department in act of bullying Neufeld. He introduced
Neufeld to Chapman and Hall who brought out `A Prisoner of the Khaleefa´ in 1899 while he himself published Neufeld´s story serially in his own weekly,
`The Wide World´ in 1899 and 1900. In the course of his book Neufeld poured out the pent-up hatred that he felt for Slatin. He threw doubt on the truth-
fullness of Slatin´s statements in `Fire and Sudan´, pointing to the suspicious unanimity of certain of Wingate´s, Ohrwalder´s and Slatin´s statements.
Neufeld had reason for bitterness. Slatin had all the luck, he had none. Slatin had renounced Christianity, he had not. Yet Slatin was received by British
society, he was not. Slatin´s version of his captivity had been accepted, his had not. Slatin got every possible official helping compiling his book, he did not.

Textquelle:
Chapter V, Egyptian Army Intelligence Officer, 1895-1898, Seite 59+60, In: Slatin Pasha, Richard Leslie Hill, Oxford University, Great Britain, London 1965.



Eine Fluchtmöglichkeit aus Omdurman blieb für fast alle Gefangenen ausgeschlossen. Das überall vorherrschende Misstrauen und das Bespitzelungssystem
machten ein unbemerktes Vorwärtskommen, ganz besonders von Fremden geradezu unmöglich. Hier konnte das hohe Risiko; `Feinden des Khalifa´ weiterzu-
helfen, nur durch hohe finanzielle Anreize einigermaßen abgedeckt werden. Die £ 1.000 die für Slatins Befreiung 1895 aufgebracht wurden, entsprechen nach
dieser Quelle, heutzutage der beachtlichen Summe von 121.968 Euro! Im Laufe der Jahre ergaben sich für Neufeld durchaus mehrere Möglichkeiten zu Flucht;
scheiterten aber letztendlich immer an den finanziellen Mittel. Das tragische Schicksal des preußischen Unteroffiziers Gustav Klootz aus Berlin hatte bewiesen,
daß eine Flucht ohne Geld und weitere Unterstützung unmöglich war. Klootz geriet als Bursche des Major Goetz Burckhard Freiherr von Seckendorff, im Stab
des unglücklichen britischen Colonel William Hicks, Anfang November 1883 in Gefangenschaft der Mahdisten. Nach drei Jahren im Gefängnis von Omdurman
versuchte er zu Fuß in südöstlicher Richtung, nach Äthiopien zu entkommen und starb Ende 1886 auf der Flucht an Entkräftung. Für ihn gab es keine Kamele,
welche für Ohrwalder, Rossignoli und Slatin den ganzen Weg bereitgestellt worden waren. Für Österreicher und Italiener hatte Wingate alle nur erdenklichen
Mittel aufgewendet, nur nicht für die Deutschen Neufeld und Klotz. Ihnen wurde nicht nur die Unterstützung von britischen Behörden verwehrt; beide wurden
von der englischen Presse nachträglich auch auf das stärkste denunziert. Sicherlich existierten auf britischer Seite keine offiziellen Anweisungen, Personen
deutscher Nationalität zu diskreditieren oder bewußt, nicht zu unterstützen. Es liegt aber nahe anzunehmen, daß eine unterschwellige Antipathie gegenüber
Deutschen bei einem Großteil der britischen Verwaltungsbeamten und Kolonialoffizieren vorherrscht. Es war im Laufe der Jahre immer deutlicher geworden,
daß sich das Deutsche Reich in den letzten Jahrzehnten zu einer aufsteigenden Wirtschaftsmacht entwickelt hatte. Durch diese wirtschaftlichen Erfolge war
abzusehen, wann der lästige Konkurrent vom ökonomisch zweiten; auf den ersten Platz aufsteigen würde. Zwar bedroht diese Entwicklung vorerst die globale
Vormachtstellung des Empire noch nicht, aber die Briten sind durch die weltweiten deutschen Aktivitäten zunehmend mißtrauischer und vorsichtiger geworden.
Es gab also für die britische Administration in Ägypten und dem Sudan durchaus plausible Gründe eine weitere, eventuell aufkommende Einflußnahme durch
Aktivitäten deutscher Einzelpersonen zu unterbinden, wenn der Eindruck entstand, daß dies den britischen Interessen mehr entsprach. Leo Frobenius erfährt
15 Jahre später ebenfalls die Auswirkungen dieser präventiven Sicherheitspolitik in West-Afrika. Das wohl bekannteste Beispiel britischer Kampagnen als Vor-
sichtsmaßnahme gegen Deutsche in Ägypten ist die Affäre um den Diplomaten und Archäologen im deutschen Generalkonsulat in Kairo Max von Oppenheim.


In absehbarer Regelmäßigkeit wurde Oppenheim seitens der britischen Kolonialverwaltung der Spionage und Konspiration gegen die englische Politik in Ägypten
bezichtigt. Einen literarischen Ursprung für diese noch heute weit verbreitete und besonders von D. M. McKale verfochtene These lieferte Roland Storrs, der lang-
jährige Orientsekretär des britischen Generalkonsulats in Kairo, in seinen Memoiren. Hier wird Max von Oppenheim als „known to us all as »the Kaiser´s Spy«” be-
zeichnet.
[ . . .] Die These McKales, der nach Oppenheim eine Schlüsselrolle in der deutschen Destabilisierungspolitik gegen die britische Herrschaft zukommt, ist
nach den hier präsentierten Erkenntnissen nicht aufrechtzuerhalten. Weder war Oppenheim ein „powerful official“, oder „leading diplomat“ im auswärtigen Dienst,
noch hat es eine solche Destabilisierungsstrategie vor Herbst 1914 gegeben.
[ . . .] Für Donald M. McKale hingegen markiert der Abschluß der Entente Cordiale
das Überschwenken der Wilhelmstraße zu einer langfristig angelegten „pre-war intrigue in Egypt“ , der aktiven kaiserlichen Weltpolitik im Nilland, die ihren Aus-
druck in einer fortwährenden Destabilisierungsstrategie gegen die englische Herrschaft findet.
[ . . .] Oppenheim hatte faktisch keinen Einfluss auf die politische
Willensbildung im Auswärtigen Amt und stellte daher keine Bedrohung für das British Empire dar. In der Wahrnehmung des Auslands galt das Gegenteil als Axiom.
Allein die Tatsache, dass Oppenheim mit den benannten Qualifikationen und Beziehungen ausgestattet im Nahen Osten weilte, ließ ihn in den Augen der britischen
Kolonialverwaltung zu einem Risikopotential erheblichen Ausmaßes heranwachsen, was den realen Verhältnissen diametral widersprach.
[ . . .] „Especially among
Britain´s leaders in the Middle East, both before and during the war, Oppenheim´s name and reputation became a symbol for their feeling that the Imperium Britannica
was threatened by the ambitious global policy of Imperial Germany.” Die Verdächtigungen gegen Oppenheim weiteten sich im Zuge einer breit angelegten Presse-
kampagne aus.
[ . . .] Oppenheim erwarb sich so im Apparat des britischen Generalkonsulats in Kairo den Ruf, ein politischer „Intrigant und Aufrührer“ im Dienste des
Kaisers zu sein, der bis nach Washington reichte. Die Legende, die um Oppenheims angeblichen Insurrektionsauftrag gesponnen wurde, erreichte in dieser Zeit ihren
Höhepunkt und wurde weiter genährt. Major Ramsay, ein subalterner britischer Offizieller in Bagdad, hatte den Auftrag erhalten, Max von Oppenheim während einer
Mesopotamien Reise überwachen zu lassen. Die Auskünfte, die er über Oppenheim geben konnte, sind von eher geringem Erkenntniswert und werden doch heran-
gezogen, wenn es darum geht, Max von Oppenheim Spionagetätigkeit nachzuweisen.
[ . . .] Der Bericht Ramsays zeigt, wie wenig fundiert die Kenntnisse über
Oppenheim in der britischen Verwaltung, aber auch in den deutschen Auslandsvertretungen waren. Alleine aus der Tatsache, dass der Berichterstatter nicht weiß,
wofür Oppenheim bezahlt wird, schließen zu wollen, dass es sich bei Oppenheim um einen Spion handeln muss, was auch Ramsay nahe legt, kann nicht überzeugen.
[ . . .] Mit Verweis auf die vermeintliche Bedrohung und antibritische Propaganda, die von ihm ausging, verlangten Lord Cromer und andere hohe britische Beamte im
Mai 1906 die Abberufung Oppenheims aus Kairo
[ . . .] Die Engländer waren nicht in der Lage, überzeugende Beweise für ihre Verdächtigungen gegen Oppenheim
vorzulegen. Dieses wäre angesichts der Schwere der Vorwürfe eigentlich zu erwarten gewesen.“

Textquelle:
Die deutsche Ägyptenpolitik 1914 bis 1918, Ein Beitrag zur Propagandageschichte des Ersten Weltkrieges, S. Oberhaus 2006.
Vergleiche hierzu weiterhin:
» Dschihad für den deutschen Kaiser«, Max von Oppenheim und die Neuordnung des Orients (1914-1918), S. Kreuzer 2012.
» Kein Griff nach der Weltmacht«, Geheime Dienste und Propaganda im deutsch-österreichisch-türkischen Bündnis 1914-1918, A. Will 2012.



Ob die britische Hysterie und Verschwörungstheorien gegen Deutsche nur aus völliger Unsicherheit und Gründen naiver Fehleinschätzung in Unkenntnis der
Möglichkeiten eines unliebsamen Konkurrenten, oder aufgrund gezielter Kampagnen der britischen Außenpolitik gegen einen zukünftigen Gegners geschah,
bleibt offen, und kann hier auch nicht weiter untersucht werden. Die aufgeführten Beispiele sollen lediglich aufzeigen das Neufeld kein Einzelfall gewesen ist.


Es werden aber durchaus Ausnahmen von den britischen Behörden bei deutschen Personen gemacht und keine Behinderungen auferlegt, wenn diese anglo-
ägyptische Interessen vertreten. Der Österreicher Rudolf Slatin und der Deutsche Dr. Eduard Schnitzer / Mehmet Emin Pascha sind Gouverneure im Anglo-
Ägyptischen Sudan
, als sie durch die Mahdiya in ihren Provinzen abgeschnitten werden. Die Kolonialbehörde in Kairo gewähren beiden alle nur erdenklichen
Hilfsmaßnahmen um sie aus dieser Lage zu befreien. Auf die Befreiung und Flucht Slatins wurde bereits hingewiesen, für Emin Pascha wird sogar ein noch
größerer Aufwand als für Slatin betrieben. Die `Emin-Pasha-Relief-Expedition´ besteht aus mehreren Hundert Mann und benötigt zwei Jahre um die Aufgabe
abzuschließen. Die Abschlußbilanz soll die anfänglich geschätzten Kosten von £32,000 um das acht-fache überstiegen haben, was nach heutigen Maßstäben
der gigantischen Summe von über € 31 Millionen entspräche. Interessanterweise wurde der Betrag, dieser dritten Expedition des Anglo-Amerikaners Henry
Morton Stanley
größtenteils von einem Zeitungsverleger in New York aufgebracht, der sich davon eine weitere Auflagensteigerung seine Boulevardzeitschrift
versprach. Es wurde hierbei ja auch nicht der deutsche Dr. Eduard Schnitzer, sondern der Anglo-Ägyptische Gouverneur von Äquatoria, Emin Pascha befreit.
Der Name der südlichsten Äquatorial-Provinz im Ägyptischen Sudan, Hatt el-Estiva war, und blieb immer ein Programm. Das Ziel der geplanten Erweiterung
bis zum Äquator, wurde auch nie erreicht. Dr. Emin Pascha war es als einzigem Gouverneur der damalig, rein ägyptischen Regierung gelungen während der
Mahdiya sein Gebiet zu verteidigen, auch wenn er hierbei immer weiter nach Süden ausweichen mußte. Der Verwaltungssitz wurde dabei im Lauf der Jahre
Nilaufwärts von Lado, über Dufile nach Wadelei verlegt. Dieser Umstand kam den britischen Interessen sehr entgegen. Emins letztes Ausweichquartier, in
Kawalli am Südwestufer des Albert-Sees, befindet sich nur noch 120 km vom erstrebten Endziel am Äquator entfernt. Als der Deutsche im April 1889 diesen
Aufenthaltsort, aufgrund innerer Umstände und des Vordringens der Mahdiya endgültig aufgibt, sichern die Briten anschließend dieses Gebiet. Da dies mit
der, britisch initiierten Genehmigung des Khediven in Kairo geschieht, ist damit der imperiale Traum der britischen Kap-Kairo Verbindung ein entscheidendes
Stück nähergerückt. Emin Paschas Äquatorial-Provinz ist das strategische Bindeglied einer britischen Nord-Südverbindung in Afrika. Als im Zuge der späteren
Grenzverschiebungen Captain Frederick Luggard das Gebiet dann auch noch verwaltungstechnisch dem Britisch Empire direkt als Protektorat unterstellte, ist
man in der Lage sich im Anglo-Ägyptischen Süd Sudan und dem neuen Protektorat Uganda die Hände zu reichen. Nach weiteren zwei Dekaden war mit dem
Ende des 1. W.K. dann auch das endgültige Ziel einer direkten Kap-Kairo Verbindung erreicht worden, als Deutsch-Ostafrika zum British-Tanganjika wurde.
Aus Großbritannien wurde das British Empire und aus `Britannia, rule the waves´ wurde `Britannia, rule the world´.“ (s.u.) Es zeigte sich also, daß es für das
British Empire nur nützlich war, den Gouverneur von Äquatoria zu unterstützen um die eigene Expansionspolitik zu legitimieren; – auch wenn er Deutscher war.


(Ende Teil 1 Neufeld)
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Holger Kotthaus
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BeitragBeitrags-Nr.: 203932 | Verfasst am: 26.06.2014 - 14:01    Titel: Antworten mit Zitat

LTDAN schrieb am 26.03.2014:
Zitat:
Das Buch könnte über die Quellenverweise weiter bringen. Aden und Ähnliches kommt auch drin vor......
http://books.google.de/books?id=1fay3hvF ... ;q=ambra%20moravia%20massaua&f=false

Das Buch liegt mitlerweile als harcopy vor. Aber außer den bereits erwähnten beiden Schiffsnamen taucht der Name des dritten Frachter nicht auf.


Es wird übrigens an `mehreren Fronten´ gleichzeitig nach weiteren Hintergrundinfos für diesen Thread gesucht:

Forum K.u.K. KRIEGSMARINE: http://www.kuk-kriegsmarine.at/
(zuerst den linken blauen Pfeil und dann den ersten Link anklicken: http://www.cyberlord.at/forum/?id=6808/)
Thema: "Dampfer Gisela"

Axis History Forum: http://forum.axishistory.com/viewtopic.php?f=31&t=208453
Thema: "Which French Colonial troops have been autumn 1914 in France"

Forum Deutsche Kolonialgeschichte: http://www.traditionsverband.de/forum/viewtopic.php?f=3&t=434
Thema: "Schellendorf und die Zentralafrikanische Offensive"


Mit sonnigen Grüßen vom Arabischen Golf (- Cool -)
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Holger Kotthaus
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BeitragBeitrags-Nr.: 204077 | Verfasst am: 12.09.2014 - 12:04    Titel: Antworten mit Zitat

(LETZTE AKTUALISIERUNG)
Die Frachtschiffe der Mittelmächte während des 1.Weltkrieges in Massawa



Durch weitere Hinweise konnte die Liste der Frachter welche in Massawa im Frühjahr 1915 aufgelegt worden waren, auf elf Schiffe erhöht werden.

Österreich-Ungarn hatte als Verbündeter des Deutschen Reiches ebenfalls eine beachtliche Handelsflotte vor dem Kriege aufbauen können. Die1906,
in Triest gegründete Schifffahrtslinie "Navigazione Libera Triestina" (NLT) deckte 1914 mit seinen sechzehn Trampdampfern anfallende Transportauf-
gaben von der Adria über das östliche Mittelmeer und das Rote Meer bis in den westlichen Teil des Indischen Ozeans ab. Drei Frachtschiffen der NTL
gelang es noch Anfang August 1914 in Italienisch-Eritrea Schutz vor den überlegenden englischen und französischen Flotten im Roten Meer zu finden.

Am 4. April 1919 führt der Präsident der italienischen Prisenkommission in der `Gazzetta Ufficiale´ 37 deutsche und 22 österreichisch-ungarische
Handelsschiffe namentlich auf, die während der Jahre 1914 bis 1918 in italienischen Häfen aufgelegt und später beschlagnahmt worden waren. Auch
wenn die beiden Mittelmächte fast ihre gesamte Handelsflotte von mehreren hundert Schiffen an die Sieger verloren und diese 59 Frachter davon nur
einen geringen Prozentsatz ausmachten, so ist es recht bemerkenswert, das sich fast ein Fünftel davon (18,64%) allein in Italienisch-Eritrea befanden.
Quelle:
»
Die Deutschen Embargoschiffe in Italien«, Ein Beitrag zur Geschichte des italienischen Seekriegsrechtes im Weltkriege, Dr. H. Stähle, Stuttgart 1925.



Die drei österreichischen Handelsschiffe:

"AMBRA" (1913-1942)
http://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?147903 (ninetto g. cargo ship 1913-1942 - Wrecksite.eu)
http://www.archeologiaindustriale.it/sez ... ar&content_type=nave&goto_id=123

"MORAVIA" (1897-1916)
http://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?147908 (moravia cargo ship 1915-1916 - Wrecksite.eu)
http://oceania.pbworks.com/w/page/8465217/It_Libera%20Triestina

"SPUMA" (1913-1938)
http://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?217596 (chryssi cargo ship 1913-1938 - Wrecksite.eu)
http://www.archeologiaindustriale.it/sez ... ar&content_type=nave&goto_id=140



Die acht deutschen Handelsschiffe:

"AXENFELS" (1904-1933)
"BORKUM" (1896-1917)
"CHOISING" (1901-1917)
"CHRISTIAN X" (1912-1939)
"OSTMARK" (1911-1916)
"PERSEPOLIS" (1905-1932)
"SEGOVIA" (1900-1929)
"STURMFELS" (1912-1958)



Damit dehnt sich das Thema über das Schicksal der Besatzungen natürlich auch auf den Verbündeten des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarn aus.
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