Schlacht um Budapest
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Emerick
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BeitragBeitrags-Nr.: 151611 | Verfasst am: 28.06.2008 - 20:59    Titel: Antworten mit Zitat

zB.: Kommandeur der 13. PD (Schöning), und der Kommandeur der KGR Feldherrnhalle (Wolf). Die KGR "Wolf" war der größte Gruppe, der ausbechen konnte. Die meisten Offiziere (vor allem vom IX. SS Korps-Stab) fielen ins Gefangenschaft (Pfeffer-Wildenbuch, Dörner, Lindenau), oder haben sie sich selbst ermordet (zB. Zehender). Der Kommandeur der SD in Ungarn war auch in Budapest eingekesselt, und etwa 17-18. Februar fiel im Kampf in der Nähe der freundlichen Truppen nahc dem Ausbruch.
Auf den genauen Zahl erinnre ich mich nicht genau. 758-832, oder sowas. Das ist sicher, daß mindestens 10000 deutschen und freiwillige Soldaten fehlne noch; die sind noch in den Bergen und in der Stadt beerdet.

Wenn Du etwas Näheres möchtest, kann ich genauer nachschauen. ;)

Imre.
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BeitragBeitrags-Nr.: 151630 | Verfasst am: 29.06.2008 - 08:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Imre., Winken

danke sehr für deinen Beitrag. Der Ausbruch aus Budapest interessiert mich sehr, weil wir, Jan-Hendrik und ich, mit Herrn Wachter jemanden haben, der den Ausbruch mitgemacht hat und dabei in russische Gefangenschaft kam.

Horrido! Winken

Nicole
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richard.hargreaves
Interessiertes Mitglied


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BeitragBeitrags-Nr.: 151652 | Verfasst am: 29.06.2008 - 11:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hier ist ein Tagebuch über Schlacht um Budapest, aus Breloer, Heinrich, Mein Tagebuch: Geschichten vom Überleben 1939-1947, Verlagsgesellschaft Schulfernsehen, Köln, 1984

Winken

[p.350]

Kurt S., geb. 11.5.1918, in Grünburg/Schlesien. Angestellter einer Firma für Registrierkassen. Im Krieg Chef einer Fernmeldekompanie in Rumänien. Russische Gefangenschaft: 1.9.1944 Sprung aus dem nach Rußland rollenden Güterwagen; 21.9.1944 Aufenthalt bei einem Schäfer in den Karpaten. Waldverstecke bis 30.10.1944. Trotz Androhung der Todesstrafe versteckt Herr B., ein Ungar, den flüchtenden Kurt S. in seinem Haus: zunächst in einem Erdloch im Stall, im Keller des Hauses, auf dem Dachboden. Am 28.4.45 Flucht nach Codlea (Zeiden, Siebenbürgen). Dort, im Keller einer Gärtnerei, bis zum November 1947 im Versteck gelebt. Im November 1947 gelingt die Flucht nach Wien. Weitertransport nach Hannover. Im Januar 1948 Zusammentreffen mit seiner Familie in der sowjetisch besetzten Zone. Lebt heute als Firmenchef einer Verkaufs-Verleihge-sellschaft für Registrierkassen in Hannover.
Das Tagebuch schildert den mühsamen Alltag in der Einsamkeit der Kellerverstecke. Die Begegnung mit der militärischen und politischen Wirklichkeit, die durchs Radio zu ihm dringt (Niederlage, Nürnberger Prozeß, die Zustände im besetzten Deutschland). Stärkster Antrieb zum Überleben ist die Sehnsucht, seine Frau wiederzusehen. Erst im Juni 1946 kann Kurt S. über die Post ein erstes Lebenszeichen nach Deutschland schicken. Bis zu diesem Moment glaubte Frau S., daß ihr Mann in Rumänien gefallen sei.

Ich beginne dieses Buch, nachdem ich bereits ein Tagebuch abgeschlossen habe, in der Hoffnung, doch am Ende dieses Krieges glücklich meine Lieben in der Heimat wiederzusehen. Wenn mich aber doch noch das Schicksal der Gefangenschaft oder ein früher Tod ereilt, so soll das Buch Kunde geben von meinem Leben, meinen Gedanken und von den Menschen, mit denen ich zusammenkam. Damit aber im Falle des Verlorengehens des ersten Tagebuches doch meine Erlebnisse nach Hause gelangen, wiederhole ich sie noch stichwortartig in diesem Buch. Im übrigen soll das Buch ein Andenken für meine Kinder an mich sein. Mein größter Wunsch und meine größte Freude wäre, nochmals für meine Familie sorgen zu können. Mein zweiter Wunsch ist der, dass all meine Lieben diesen schrecklichen Krieg gesund überstehen.

Covaszna, mein derzeitiger Zufluchtsort, im Dezember 1944, Kurt S., Obltn

23.8.44: Von einer Dienstfahrt von Klausenburg/Ungarn nach Bukarest zurückgekehrt. Abends, nachdem Verrat Rumäniens bekannt wurde, mit meiner Frau telefoniert. Nachts erstes Gefecht mit Rumänen. Sind in Baneas und Otopeni eingeschlossen

[p.351]

24.8.-26.S Laufend Kämpfe.

26.8.: Mittags 400 amerikanische 4 mot. Bomber greifen an. Viel Verluste.

27.8: Ich mit dem Rest meiner Soldaten am Ragplatz Otopeni, mittags Angriff rumänischer Panzer. Alle werden gefangengenommen. Ich stoße mit 5 Soldaten durch die rumänischen Linien.
27. 8 bis Nacht zum 1.9. habe ich laufend Feuergefechte mit Rumänen. Verliere ar.en Soldaten nach dem ändern. Zuletzt nur noch Uffz. Seh. aus Breslau und Äergefr. K. aus Graz, Stahlgasse 5, bei mir. Entwaffnen noch rumänische Soldaten. Hören aber, daß Russen bereits da sind. Da sehr erschöpft und
Weiterkommen unmöglich, begeben wir uns am 1.9.44 bei Moräni (Vorbergen,
Karpaten) in Gefangenschaft.

1.9.: Marsch 30 km ins Lager Zirgowistu [gemeint: Tirgoviste].

2-3.9.: Transport ins Lagerul de Prizonieri No. 6, Calafat (an der Donau, bulgarische Grenze).
Dort inzwischen 7700 Deutsche. Ich habe viel Hunger. Trotzdem geht sonst die Verpflegung. Russen rauben uns aus.

13.-16.9.44: 95 km Marsch unter rum./russ. Bewachung nach Craiova. Wer erschöpft war und schlappmachte, wurde von den Russen erschossen, ohne Rücksicht auf Krankheit oder Verwundung. Bei Todesstrafe durch Erschießen mußten alle Wertsachen (Uhren, Ringe, Geld) an Russen abgeliefert werden.

16.9.44: Abends Ankunft im Lager Craiova. Unter freiem Himmel leben.

13.-19.9.44: Keine Verpflegung. Ich habe Durchfall mit Blut. Seh. zeigt sich als guter Kamerad.

18.9. Ich melde mich in Offizierslager (Bisher war ich im Mannschaftslager). Dort vollends ausgeraubt (2 Uhren, 7000 Lei, meine Bergschuhe).

18.9. Abends: Marsch zum Bahnhof (ca. 400 Offz. u. Beamte). Je 50 Offz. in einem Waggon. Sollen ins Dongebiet Rußland zum Arbeiten transportiert werden. Ich studiere unentwegt Fluchtmöglichkeiten. 8 Waggons durch 50 Russen bewacht. Alle haben Maschinenpistolen.

Nacht zum 21.9.44 springe ich kurz vor Tocusani aus der Luke aus dem fahrenden Zug. Marschiere nachts und richte mich die nächsten Tage nach Nordstern und Sonne. Werde noch 2x beschossen und ausgeraubt von zwei rumänischen Soldaten. Mein Trauring, den ich in einem Stück Seife hatte, geht auch verloren. Bin vollkommen zerlumpt. Nur Hose und Weste, die ich gegen meine Uniform von einem rum. Waldarbeiter bekommen habe. Um durch die gefährlichste Gegend durchzukommen, treibe ich mit einem alten Schäfer durch die belebtesten Dörfer Schafe. Komme noch in manch heikle Situation, aber wohlbehalten in die Karpaten.

24. u. 25.9.: Casile Bisoce

26.9.: Muscha. Dort liegt verwundet seit 3 Wochen Stabsgefreiter Th. aus Wiesau bei Glogau/Schles. Veranlasse seinen Abtransport ins Spital und gebe ihm Geld.

27.9.: Kommandau / bereits Ostungarn. Hier halte ich mich mit dem inzwischen getroffenen Herrmann F., Magdeburg-Fermersleben, 3% Wochen teils im Wald, teils in einer kleinen leerstehenden Hütte auf. Habe sehr unter Flöhen und Läusen zu leiden.

22.10.44: Nachts Marsch 20 km nach Covaszna (liegt in Ostungarn 65 km nordöstlich Brasov, auch Kronstadt).
Hier zuerst bei verschiedenen Leuten. Alle haben Angst. Russen haben Todesstrafe für die verkündet, die deutsche Soldaten aufnehmen.

[p.352]

Ab 30.10.44 nimmt mich Herr B. auf. Werde gleich krank und habe hohes Fieber. Werde aber sehr gut gepflegt. Zuerst war noch Jakob N., Großmannsrode über Hersfeld, mit untergebracht. Mußte aber am 20.11. weg. Weil 2 Mann hier zu gefährlich.
Russen und Kommunisten machen lfd. Razzien nach deutschen Soldaten. Ich zum Teil auf einem kleinen Boden und dann noch 8 Tage und Nächte in einem ganz kl. überdeckten Loch untergebracht. Die alte Magd (Frau E.) versorgte mich mit Essen. Einmal standen 2 russische Soldaten an meinem Loch, haben mich aber nicht entdeckt. Als ich kam, waren ca. 50 deutsche Soldaten in Covaszna versteckt. Jetzt hat man inzwischen alle, auch Jakob N., gefangengenommen und abtransportiert. Nur noch 2 Soldaten sind versteckt. Das ist Herrmann D. (mein Kamerad aus Kommandau) und ich. Ich stehe noch mit einem Obltn. H., Heim.-Adr.: Duisburg-W., Gärtnerstr., brieflich in Verbindung. Er war zuerst in Covaszna, ist aber jetzt 28 km weiter nördlich in einem Dorf untergebracht.
Heute, am 16. Dezember abends, blicke ich auf eine aufregende Zeit zurück. Ich muß immer in dem Gedanken leben, daß ich doch noch in Gefangenschaft komme oder daß ich erschossen werde, wie man dies mit verschiedenen Soldaten machte, die man hier entdeckte. Die bisher geschilderten Erlebnisse sind nur aufs kürzeste beschränkt. Ich habe jedenfalls meine Flucht nicht zu bereuen, denn in der Gefangenschaft wäre ich womöglich schon gestorben. Schon allein wegen meiner Ruhr oder sonstigen Magenkrankheit. Jetzt bin ich wieder aufgefuttert und körperlich wieder etwas widerstandsfähiger. Selbst wenn ich doch nicht nach Hause kommen sollte, hätte ich keinen Tag meiner jetzigen Freiheit zu bereuen. Der liebe Gott hat mir bisher in wunderbarer Weise geholfen, und ich bete jeden Tag, daß er mir seine Hilfe weiter angedeihen läßt.
17.12.44: Sonntagvormittag. Draußen ist es sehr kalt. Ich erfreue mich noch bis jetzt eines warmen Zimmers und hoffe, daß ich diesen Winter nicht zu frieren brauche. Die armen Kameraden im Gefangenenlager haben wenig zu essen und frieren außerdem. Ich kann Herrn B. nicht genug danken, daß er mich, trotz aller Gefahren für sich, noch behält. Er ist in diesen 2 Monaten meinetwegen richtig alt geworden. Vor allem bereitet ihm die Angst viel schlaflose Nächte.

[p.353]

Nachts höre ich ihn immer stöhnen. Was mag in Deutschland los sein? Keine Nachricht, nichts über die Heimat. Wie einmal meine Reise nach Hause vonstatten gehen soll, ist mir ein Rätsel. Überall Russen, die Jagd auf Deutsche machen. Der Haß auf uns ist zu groß. Na, kommt Zeit, kommt Rat. Hoffentlich trifft das auch auf mich zu. In einer Woche ist Heiligabend. Wie wird er zu Hause verlebt werden? Ich darf nicht daran denken.
Nun ist es wieder einmal Abend geworden. Mein Herz war heute besonders schwer. Wie mag meine liebe Irmgard alles überstehen? Ihr Los ist viel schwerer als meins, da sie in einer größeren Ungewißheit lebt als ich. Auch meine Mutter, die durch diesen Krieg ihren Mann verloren hat, glaubt nun auch, ihr Sohn ist tot. Meine Schwester, die auch durch diesen Krieg Vater und Bräutigam verloren hat, vermißt auch noch den Bruder. Es ist wohl zuviel Leid, was einer Familie aufgebürdet worden ist. Nicht um mich habe ich Angst. Es ist die Angst um meine Lieben, die nun wohl vor Kummer über mein Schicksal verzagen werden. Auch meine armen Schwiegereltern, die immer so stolz auf mich waren, werden von dem Leid, was ihre Tochter getroffen hat, noch gebeugter werden. Ich weiß genau, daß wenn ich nach Hause kommen sollte, jemand gestorben ist. Heute nacht habe ich von Irmgard geträumt. Sie hatte gar kein zweites Kind bekommen, und Karin war schon der Größe nach 7-8 Jahre, wie ich sie sah. Ach ja, die Träume. Sie versetzen mich so oft in die Vergangenheit, die auch bei Wachsein wie ein schöner Traum zurückliegt. Die jetzige Zeit ist die schlimmste meines Lebens und wird sich hoffentlich nicht zu lange ausdehnen. Aber auch sie hat mich vieles gelehrt und meine Gedanken in andere Bahnen gelenkt. Die späteren »Stürme des Lebens« werden mir nicht mehr soviel anhaben, als wie es vor August 44 der Fall gewesen ist. Die jetzige Unglückszeit zeigt, wie erstrebenswert bescheidene Zufriedenheit und ein glückliches Familienleben ist und wie verblendet die Menschen sind, die dem Glück, Geld und Genuß nachjagen. In der Selbstbeurteilung meiner Person mache ich mir auch nichts mehr vor. Ich entdecke bei Erinnerungen an die Vergangenheit immer mehr Fehler an mir. Ich war zu sehr vom Glück begünstigt. Obwohl die Beförderung zum Offizier mich nicht stolz gemacht hat, fühlte ich mich bald über andere erhaben und glaubte mich gegen ein Unglück gefeit, obwohl mir oft eine innere Stimme sagte, daß es noch nicht Zeit ist, sich zu freuen, denn der Krieg ist noch nicht zu Ende. Jetzt wird sich meine liebe Frau oft daran erinnern, wie sie mir den Mund verschloß, wenn ich ihr die Verhältnisse im Falle meines Todes darlegen wollte. Wenn ich dann ihre Tränen sah, glaubte ich selbst nicht an so etwas. Nicht um meinetwillen, sondern um ihretwillen fürchte ich den Tod.
Meine Gedanken sind wieder auf das unpassendste Gebiet gewechselt, welches es nur abends vor dem Schlafengehen geben kann. Wieder ein Tag vorbei und wieder ein Tag der Entscheidung näher, die ja einmal kommen muß. Auch wieder ein Tag dem Tode näher, könnte man sagen. Es ist ein ewiges Rätselraten um die Zukunft. Das ganze Leben ist ein immerwährendes Warten und Hoffen!

18.12.44, Montag: Ich habe Mittag gegessen. Hier zu essen ist ein Genuß. Das Essen ist wahrhaftig gut. Wenn ich jetzt noch draußen die Kälte hinzurechne, so kann ich es zur Zeit aushaken in der warmen Stube.

[p.354]

Zur Zeit sind viel Russen im Dorf. Es ist nur gut, daß Covaszna nicht an einer Verbindungsstraße liegt. Sonst wäre wohl überall russische Einquartierung. Im hiesigen Gefangenenlager sind inzwischen 30 Soldaten untergebracht. Zur Zeit geht es ihnen ganz gut. Wenn nur kein Abtransport nach Rußland bevorstände. Ich habe hier eine ungarische Karte großen Maßstabs. Die sehe ich mir immer an. Ich bin doch über 1000 km von Deutschland entfernt. Wenn ich ungehindert marschieren könnte, so wäre mir vor der Entfernung nicht angst. Zum Geburtstag meiner Irmgard wäre ich zu Haus. Aber so sind die Russen überall. Vielleicht kommt doch noch mal ein überraschendes Ereignis, das die Möglichkeit gibt, ungehindert nach Hause zu kommen. Wenn ich nicht diese Hoffnung hätte, wäre ich schon verzweifelt. Meinen Lieben wird es genauso gehen. Herr B. hält gerade jetzt im Zimmer seinen Mittagsschlaf. Ich verhalte mich ganz ruhig im Zimmer. Jetzt warte ich schon wieder auf den Abend, und dann ist wieder ein Tag vorbei. Ein Tag reiht sich an den ändern, und bald wird ein halbes Jahr um sein, wo ich das letzte Mal mit meiner Frau in Verbindung stand. Sonst keine lange Zeit. In dieser Situation aber eine halbe Ewigkeit. Aber ich denke mir auch, jeder Tag hier verlebt, ist ein Tag weniger einer eventuellen Gefangenschaft. Ich suche auch jetzt, wie ich das immer mache, die guten Seiten meiner jetzigen Lage. Wenn nur diese vielen Gedanken nicht wären. Es gelingt mir nicht einen Augenblick, meinen Kopf in einem Ruhezustand zu halten. Er ist immer schwer, und ich komme mir vor, als wenn ich geistig angestrengt arbeite, dabei habe ich noch nie so gefaulenzt wie jetzt. Nun ist es 22°° Uhr geworden. Ich habe mit Herrn B. 2 Partien Schach gespielt, l x habe ich gewonnen und l x unentschieden. Der Abend ist schnell vergangen. Die Nacht wird hoffentlich nicht zu lang werden. Aber im warmen Zimmer ist es ja gemütlich. Wie ich heute hörte, liegen allein in Brasov Tausende von russischen Soldaten. Auch überall in anderen Städten und Dörfern sind die Spitale überfüllt. Die Russen müssen tatsächlich große Verluste an der ungarischen Front haben. Wenn man hier, fern von der Front, untätig sitzen muß, so wird man versöhnlich mit allem, sogar mit dem Gegner gestimmt. Mir kann nur ein Friede helfen, denn es ist unwahrscheinlich, daß die 700 km entfernte Front evtl. zurückkommt. Ein Bild von der Lage kann ich mir gar nicht mehr machen, und die Leute erzählen hier den größten Unsinn. Na, für heute Abend ist's genug. Jetzt kommen wieder besonders die Gedanken an zu Haus und dann der leichte Halbschlummer.
24. Dezember 44 (Sonntag, Heiliger Abend): Nun ist er da, der Tag, vor dem ich mich schon ab September gefürchtet habe. Im September aber glaubte ich, ich erlebe diesen Tag tief in Rußland als Gefangener. Nun aber ist es immer noch besser, als ich je gedacht habe. Geschlafen habe ich ausnahmsweise gut und auch wieder von meiner Irmgard geträumt. Erst spät um 10 Uhr bin ich aufgestanden und habe mir sogar meine guten Hosen angezogen zur Feier des Tages. Heute sehe ich besonders den ganzen Tag auf die Uhr und versuche, mir vorzustellen, wie zu Haus der Tag begangen wird. Heute in der Dämmerung aber werden dort wie hier viele Tränen fließen. Ich werde hoffentlich allein gelassen, denn auch die Menschen, und wenn sie es noch so gut meinen, können einem nicht helfen. [...]
Nun ist es draußen dunkel geworden. Gerade schlug die Uhr ½ 7 Uhr. Also, zu Haus ist es ½ 6. Die Zeit, wo sonst bei uns die Einbescherung stattfand. Ich habe bis jetzt gelesen, damit ich die Umwelt etwas vergesse. Aber jetzt kommt mir doch so die ganze Misere zu Bewußtsein. Was würde ich geben, wenn meine Lieben wüßten, daß ich noch lebe. Ich beklage nicht so mein eigenes Geschick als das, daß zu Haus so eine große Trübsal herrscht. Meine liebe Frau wird heute abend aus dem Weinen nicht herauskommen. Dieser Gedanke, daß sie leidet, ohne daß ich helfen kann, macht mich fast wahnsinnig. Außerdem weiß ich nicht, ob nicht auch zu Haus ein Unglück passiert ist

[p.355]

Wahrhaftig, dieser Heilige Abend ist der traurigste meines Lebens. Im Radio läuten jetzt um diese Zeit die Weihnachtsglocken, und deutsche Weihnachtslieder erklingen. Nicht einmal das kann ich hören. Weihnachtslieder habe ich zwar die letzten Tage genug gesungen, aber heute bring' ich keins über die Lippen. Die Kehle ist mir wie zugedörrt. Es bedarf nur eines kleinen Anstoßes, und die Tränen rollen. Den Weihnachtsbaum habe ich hier geputzt und mich an die 2 Heiligen Abende erinnert, die ich während meiner Ehe im eigenen Heim verbringen durfte. Auch das Putzen des Weihnachtsbaumes in meiner Kindheit ist mir eingefallen. »Oh schöne Zeit, selige Zeit, wie lang' bist du entschwunden.« Wer dieses Buch später liest, wird meine Wort theatralisch finden, denn hineinfühlen in meine jetzige Welt kann sich kaum jemand. [. . .]

26. Dezember 44 (2. Feiertag): Heut' bin ich später als gestern aufgestanden. Das Frühstück wurde mir sogar ans Bett gebracht. D.h., ich richte mich immer nach B., da wir ja in einem Zimmer schlafen. Draußen ist es am bisher kältesten. Sogar die Doppelfenster sind innen z. Zt. gefroren. Wie froh bin ich, daß ich nicht zu frieren brauche. Die armen Kameraden in den Lagern und in der wenigen Kleidung. Ich bin doch noch trotz allem vom Glück begünstigt. Der heutige Tag wird auch wie jeder andere vergehen. Noch 6 Tage bis Neujahr. Heute morgen sind mir wieder törichte Gedanken gekommen, daß evtl. meine Frau tot sein könnte, wenn ich nach Hause komme. Ja, wenn man nichts zu tun hat, da fällt einem so ein Unsinn ein. Ich wagte mir die Wirklichkeit gar nicht auszudenken. Sonst geht es mir gut. Da ich ja an Sachen Weihnachten nichts geschenkt bekommen habe, werde ich ja auch nicht mehr daran erinnert. Gestern war hier großer Weihnachtsball, veranstaltet von den hiesigen Kommunisten. Viel russische Soldaten waren dazu eingeladen. Russische Soldaten mit ihren Flintenweibern laufen jetzt viel am Hause vorbei. Überhaupt habe ich sehr viel russische Frauen mit Karabiner oder MP gesehen. Genauso 10-14jährige Jungs, die mit einer Maschinenpistole herumliefen. Alle machten einen vollkommen verrohten Eindruck. Mich hat z. B. ein russischer Soldat in Craiova in den Hintern getreten, obwohl er wußte, daß ich ein Offizier bin, daß mir Hören und Sehen verging. Gerade auf die Offiziere hatten sie es abgesehen. Als der Zug, in dem wir Offiziere transportiert wurden, immer auf den Stationen halten mußte, weil andere Züge entgegenkamen, mußten wir uns einfach still verhalten, damit die anderen russ. Soldaten nicht merkten, daß da Offiziere transportiert wurden. Zum Beispiel verlangte eine russische Panzerabteilung, daß wir ihnen ausgeliefert würden. Sie wollten uns gleich an Ort und Stelle erschießen. Ein andermal wurde einfach blindlings in die Waggons durch die Wand geschossen. Ja, die Russen haben kein Mitleid.
Es ist inzwischen Nachmittag geworden. Ich habe etwas gelesen und ein bißchen Ungarisch gelernt. Nun dämmert es draußen wieder einmal. Ich bin natürlich in Gedanken zu Haus. Hin und wieder sehe ich mir die Fotografien an, die ich in dies Buch gelegt habe. Sonst aber habe ich auch heute bald den Tag gut überstanden. Besuch ist keiner gekommen. Es ist mir auch lieb, da brauche ich nicht das Zimmer räumen. Wenn ich nur genügend zu lesen hätte, jedes Buch lese ich 3mal, und Ungarisch aus alten Zeitungen kann ich auch nur z. Teil entziffern, weil die Grammatik so furchtbar schwer ist und ich leider keine geeigneten Bücher zum Lernen habe.
Nun ist auch mein Abendbrot vorbei. Jetzt im Finstern werde ich noch etwas im Keller Wasser pumpen, und dann gehe ich schlafen. Ich schildere halt jeden Tag so, wie er abläuft. Das Buch ist ja auch nicht für profane Augen bestimmt, die sich darüber lustig machen. Mir ist bitter ernst zumute und recht weh ums Herz. [. . .]

Sonnabend, 30.12.44: Der Tag beginnt für mich mit einem gründlichen Großreinemachen des Zimmers und des Badezimmers

[p.356]

Ich verrichte diese Arbeit sehr gern, denn dabei vergeht die Zeit. Heut' wurde hier ausgetrommelt, daß für die russischen Soldaten Liebesgaben gesammelt werden. Jeder Haushalt muß geben. Die Russen feiern wohl erst morgen Weihnachten. Wenn ich mir so vorstelle, daß ich als deutscher Offizier so unter russischer Herrschaft einfach bereits schon 3 Monate versteckt lebe, da komme ich mir direkt interessant vor.
[...]
Mittag ist vorbei. Herr B. brachte schlechte Nachricht mit nach Haus. Die Russen sind in Budapest und in Esztergom. Das ist freilich böse. Also waren die anderen Nachrichten, nach denen die Deutschen in Ungarn vorgehen, falsch. Ich hab' es mir gleich gedacht. In Nagyvarad (Großwardein) ist eine neue ungarische Regierung, die Deutschland den Krieg erklärt hat. Obwohl ich gern Neues höre, ist doch das gerade nicht geeignet, meinen Mut zu heben. Ich hoffe doch, daß auch diese Nachricht z.T. übertrieben ist. Wir werden wohl immer noch etwas in Reserve haben, was den Krieg entscheidet. Wenn wir den Krieg verlieren, wären die Leiden, die uns noch bevorstehen, nicht zu beschreiben. Da kann man nur immer sagen »armes Deutschland«!
Gerade habe ich mich mit Emmuschka unterhalten. So langsam fängt die Angst wieder an. Ich habe da schon so ein Fingerspitzengefühl. Wenn man mir nicht mehr richtig in die Augen sehen kann, dann geht es so langsam wieder los. Die Russen brauchen für ihre vielen improvisierten Lazarette Möbel und Betten, Geschirr usw. Was sie brauchen, holen sie sich aus den Häusern. Wenn ich hier entdeckt würde, dann würde Herr B. gleich mitgenommen werden. [.. .]

5.1.45: Gestern, an einem ziemlich ereignisreichen Tag, kam ich nicht dazu zum Schreiben. Der Morgen fing besonders freudig an. Ich bekam Radioteile und freute mich sehr, gleich den Detektor anfangen zu können. Ich habe den ganzen Tag daran gebastelt. Abends sah mir noch Herr B. zu. Um 6 Uhr auf einmal ertönt die Glocke im Zimmer. Ich kann Herrn B. nur noch schnell zurufen »Radio weg« und sprang sofort über den Geldschrank in die kleine Ecke. Unglückseligerweise stand auch noch ein Schachspiel da, was angefangen war. Das mußte Herr B. auch noch wegräumen. In diese Tätigkeit herein platzte schon ein bewaffneter Bol-schewist. »Suchen den föhodnagy« (Oberleutnant). Er riß alle Schränke usw. auf.
Draußen durchsuchten noch 2 weitere das Haus und die Nebengelasse vom Boden bis zum Keller. Ich muß sagen, daß ich - vor allem nachher - anständig gezittert habe. So vom Traum in die rauhe Wirklichkeit gerissen, war doch etwas zu plötzlich. Nach und nach erfuhren wir erst den Sachverhalt. Meinetwegen war extra aus Brasov (Kronstadt) ein Auto mit Russen gekommen, um mich bei B. festzunehmen. Im Gefangenenlager in Kronstadt hat mich ein deutscher Soldat, der sich früher hier aufgehalten hat und nach seiner Festnahme sofort abtransportiert wurde, verraten. Er gab an, daß ich bei B. versteckt bin. Nun gibt es aber in Covaszna ca. 20 B.-Familien, was er aber nicht wußte. Sofort ordneten hier die Russen an, daß sämtliche B.-Häuser sofort durchsucht werden. Es wurde gleich eine große Anzahl Kommunisten mobilisiert.

[p.357]

Man kann sich den Schreck hier im Haus vorstellen. Alle haben noch den ganzen Abend gezittert. Herr B. wurde gleich wieder schlagartig krank. Es war zu erwarten, daß sie nachts noch einmal wiederkamen. Draußen war eine furchtbare Kälte. Da kam Frau E. auf folgenden Gedanken. Ich kroch im Kinderzimmer unter die Bettcouch und liege, von allen Seiten unsichtbar, auf der bloßen Erde. Emmuschka liegt wie immer auf der Kautsch. Mit Hangen und Bangen haben wir 4 Erwachsenen die Nacht verbracht. Nun ist zu erwarten, daß von dem (wahrscheinlich) Feldwebel in Brasov nähere Informationen eingeholt werden. Es ist deshalb leider nicht mehr möglich, daß ich im Hause des lieben Herrn B. bleibe. Nun soll versucht werden, daß ich bei einer alten Frau bleiben kann. Herr B. will monatlich 500 Pöngö (ca. 400 M) zahlen. Ich gehe nun einem neuen Schicksal entgegen. Sollte mir doch die Gefangenschaft bestimmt sein, dann will ich mich nicht mehr auflehnen. Andere müssen es erdulden, und da muß ich mich halt drein schicken.
Heute abend werde ich, als Frau verkleidet, in mein neues Quartier gebracht. Es hört sich fast an wie in einem spannenden Kriminalroman, aber die Gefühle, die mich beherrschen, lassen sich nicht beschreiben. Mir ist furchtbar elend zumute. Heute nacht im Halbschlummer träumte ich, daß man mich bereits gefangen hätte. Hoffentlich keine böse Vorahnung. Dieses Buch lasse ich hier und nehme es nicht mit. Hoffentlich gelangt es nach dem Krieg in die Hände meiner lieben Frau. Ich baue aber doch auf Gottes Hilfe, der auch gestern den Bolschewisten, der im Zimmer, nur l Meter von mir, nach mir suchte, mit Blindheit schlug. Gegen den Willen Gottes kommt man nicht an und soll man nicht anfechten. Ich wünsche mir eins, daß ich nach allen Schrecken, Mühen und Drangsalen, meine liebe Frau, meine Kinder und meine anderen Lieben in der Heimat wiedersehe!
8.1.45: Wieder sind 2 Tage vergangen. Die alte Frau hat mich vor Angst leider nicht genommen, da die Russen mich sogar dem Namen nach suchen. Vielleicht denken sie, ich will hier Sabotage ausüben. Dann allerdings ist mein Kopf verloren, wenn sie mich kriegen. Ich war nun 2 Tage beim Nachbarn K. Aber überall, wohin ich komme, werden die Leute schreckhaft. Ich schlief im gemeinsamen Schlafzimmer auf der Couch der 19jährigen Adele. Diese wieder mußte in den Ehebetten der Eltern mitschlafen. Sonst aber war der Aufenthalt dort sehr angenehm. Eine Schwägerin wurde auch noch geholt, in der Hoffnung, daß ich, nachdem sie mich gesehen hat, dort unterkommen kann. Ja aber diese, eine feine Dame, sagte aber auch nur, »szeb fiu, szegeny fiu« (ein schöner Junge, ein armer Junge). Entschlossen aber hat sie sich nicht. So bin ich heute morgen um 5 Uhr wieder in das liebe B.-Haus zurückgelaufen. Ich bin aber wirklich besorgt, denn jeden Augenblick kann die Hausdurchsuchung von neuem beginnen. Die Kommunisten haben hier die Polizeigewalt. Die Russen aber haben ausdrücklich festgelegt, und zwar schriftlich, daß für jeden Deutschen, den die Russen fangen müssen, ein Kommunist erschossen wird. Deshalb sind auch hinter mir alle so sehr her. Es fehlte nur noch, daß auf meinen Kopf eine Prämie gesetzt wird. Ja, das Leben ist tatsächlich sehr schwer. Zu den Sorgen über Zuhaus kommt die dauernde Angst. Im hiesigen Gefangenenlager halten sich inzwischen schon wieder 12 Deutsche auf. Man hat sie zum Teil in den großen Karpatenwäldern gestellt, und z. T. sind sie halbverhungert und fast erfroren selbst gekommen. Sie werden wohl aber bald den Marsch nach Rußland antreten. Manchmal habe ich eine dumpfe Ahnung, als wenn ich dabei bin.
Draußen regnet es heute morgen sogar. Der Schnee taut. Aber bald wird es wieder kalt kommen. Hier im Haus B. haben alle wieder meinetwegen nicht geschlafen. Sie wußten, daß ich früh um 5 Uhr komme. Gestern abend habe ich übrigens Gelegenheit gehabt, Radio zu hören. Die Nachrichten haben mich zwar nicht ganz befriedigt, aber es schien ganz gut zu sein. Dann aber habe ich die Filmillustrierte gehört. Viele Melodien aus Filmen, die ich mit meiner lieben Frau gesehen habe, zogen vorüber. Zugleich die wehmütigen Erinnerungen.

[p.358]

Ich höre immer den Sender Breslau, denn der erinnert mich am meisten an meine Heimat. So, nun wären die letzten 2 Tage auch nachgetragen. Jetzt werde ich schnell meine Strümpfe stopfen und mich dann in mein Versteck unter der Kautsch oder hinter den Geldschrank [begeben]. Körperlich fühle ich mich sonst wohl. Bloß meine Haare sind unverschämt lang. Aber das macht ja nichts. Jetzt im Winter halten sie warm.

9.1.45: Ich sitze auf dem Geldschrank, um gleich in die Ecke zu springen, wenn jemand kommt. Herr B. ist schwer krank. Er hat 40° Fieber und stöhnt vor Schmerzen im Magen. Der Arzt war schon da. Ich glaube fast im stillen, daß das die Reaktion von den Schrecken der letzten Tage durch mich ist. Ja, jetzt werden durch mich noch andere Leute krank. Zumal er nur 1A Magen hat, ist er nicht widerstandsfähig.
Jetzt habe ich meinen Platz gewechselt. Ich liege auf dem Bauch auf der Erde unter der Couch. Eine sehr unbequeme Lage. Ich kann mich kaum drehen, aber es hilft halt nichts. Die kleine Eva ist noch im Zimmer, aber sie weiß von meiner Anwesenheit nichts. Ich muß mich noch besonders ruhig verhalten. Heute ist noch ausgerechnet hier Schweineschlachten und deshalb viel Arbeit im Haus. Ich kann leider nicht helfen, denn nach den Ereignissen darf mich niemand sehen.

11.1.45: [. . .] Iduka ist nun bei allen ihren zuverlässigen Bekannten herumgelaufen. Alle haben Angst. Auch nicht für viel Geld nehmen sie mich auf. Nun wird noch bei einer deutschen Frau in der Nachbarschaft versucht. Dort kann ich wahrscheinlich unterkommen. Allerdings kenne ich das Zimmer schon. Dort wohnte früher der Oblt. H. Es ist auf dem Boden, nett — aber eine Mausefalle. Wenn dort Haussuchung ist, dann bin ich auf jeden Fall geliefert. Herr B. zahlt für das Zimmerchen - nur für das Wohnen - im Monat ca. 140,- RM. Für die Verpflegung sorgt die Mutter der Iduka. Auch sie bekommt für den Monat 200 Pöngö, ca. 140,- RM. Der gute Herr B. hat tatsächlich ein gutes Herz. Nun bin ich halt heute noch im alten Quartier, wo es mir ja sehr gut, trotz aller ausgestandenen Gefahren, gefällt. Wenn es sein müßte, ginge ich auch wieder in das dunkle Loch. Hauptsache die Freiheit erhalten. [. . .]

[p.359]

Ein anderer Oberleutnant, den ich auch kenne, und ein Unteroffzier hausen hier auf dem Friedhof in einer Gruft bei 5 Toten. Was tut man nicht alles, um nicht in Gefangenschaft zu kommen. [. . .]
16.1.45, Dienstagabend: 3 Tage und 3 Nächte im Dunkeln. Es war eine verdammt lange Zeit. Meine Gedanken waren wieder so intensiv, daß ich von gestern zu heute wegen Kopfschmerzen nicht schlafen konnte. Die Nachrichten sind auch nicht besser geworden. Herr B. hat tatsächlich allen Grund, Angst zu haben. Der Russenterror beginnt hier jetzt auch. Gestern sind in diesem Ort 16 ungarische Familien, die aber einen deutschen Namen haben, deportiert worden. Alles, was nur etwas nach Deutsch klingt, wird ausgerottet. [. . .]
So, nun habe ich mich gewaschen und fühle mich gleich wohler. Ich warte nur noch auf Herrn B., dann ist der Tag abgeschlossen. Es ist wieder mal ein Genuß, sich richtig auszustrecken. Dieses Loch gleicht einer mittelalterlichen Folterkammer. Wenn man lange drin sitzen muß, schlägt sich's aufs Gemüt, glaube ich. Wie lang wird ein Tag und wie lang erst eine Nacht. Das einzige Gute ist das Essen. Frau E. sorgt wie eine Mutter für mich. Sie ist unermüdlich. Sogar den Nachttopf vergißt sie nicht, denn ich muß ja meine Notdurft im Loch verrichten. Darüber kommt die Klappe und darauf Sägespäne und ein Hackklotz. Niemand kann vemuten, daß darunter jemand steckt. Bloß die Mäuse setzen mir nachts zu. Sie laufen mir sogar übers Gesicht. Aber lieber dort runter, als gefangen. [. . .]
22.1.45: Gestern abend brachte Herr B. die Nachricht mit, daß sogar im deutschen Rundfunk gesagt wurde, daß Posen umkämpft wird. Als ich das vernahm, da bekam ich einen richtigen Schreck. Wenn es schon soweit ist, dann armes Deutschland. Grünberg ist nicht mehr weit von Posen, und meine Mutter und meine Schwester werden in größter Angst schweben. Frau T. in Posen wird auch wohl fliehen müssen. Ich habe wieder die ganze Nacht an diesen jetzigen Zustand denken müssen. Die Hoffnung, daß Deutschland siegt, schwindet immer mehr. Meine Hoffnung, meine Lieben wiederzusehen, verliert immer mehr den Untergrund. Hier macht sich so langsam auch der Haß gegen die Deutschen unter den Ungarn breit. Sie lieben alle ihre Hauptstadt Budapest, die jetzt vollkommen zerstört ist. Die Schuld geben sie den Deutschen. Hitler ist hier allgemein sehr verhaßt. Auch Herr B. hat ihn gefressen. Er sagt, er müßte nach Afrika und dort in einen großen Ameisenhaufen gesetzt werden. Auch Stalin, Roosevelt und Churchill. Ich selbst versuche, ihn wohl umzustimmen, muß aber sehr vorsichtig sein, denn in einen direkten Gegensatz zu ihm darf ich mich nicht bringen. Zumal ich schon selbst zu der Erkenntnis gekommen bin, daß furchtbar viele Fehler gemacht wurden. Der größte Fehler aber war der Krieg mit Rußland. Man kann trotz aller Tapferkeit und Opfermutes nicht gegen eine ganze Welt anrennen. Auch unsere Diplomatie hat versagt. Ich bin zwar nicht maßgeblich in meinem Urteil, allein ich habe diese Meinung von so vielen Offizieren bestätigt bekommen, daß ich nun bald auch daran glauben muß, zumal die niederschmetternden Ereignisse an den Fronten diese Ansicht bestätigen. Wir haben eben den Mund zu voll genommen. Vor allem unsere Führung. Na, ich kann nichts dazu tun, als abzuwarten und mich versteckt zu halten. [. . .]

Sonntag, 28.1.45: So ratlos wie jetzt war ich schon lange nicht mehr. Die Russen sind in Gleiwitz, Hindenburg. Da Herr B. diese Namen am Radio aufgeschrieben hat, kann kein Zweifel herrschen. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht und habe mir die schrecklichsten Vorstellungen vor Augen geführt. Jetzt habe ich auch endgültig die Hoffnung fallen lassen, daß der Krieg gewonnen wird. Was hat da Hitler für eine Riesenschuld auf sich geladen

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Wenn ich meine Familie nicht wiedersehen kann, dann will ich auch nicht mehr leben. Vor allem soll sie lieber bald einen schnellen Tod erleiden, als deportiert oder sonst gequält zu werden. Ich habe so in diesem Krieg eine Hoffnung nach der anderen begraben. Aber das ist doch jetzt die schlimmste Zeit. Was wird werden? Wo ist meine Frau? Ich hätte heute in der Nacht oft laut aufschreien können, so packt es mich manchmal, wenn ich an all die schrecklichen Möglichkeiten denke, die uns noch bevorstehen. Vor allem aber meiner Frau in ihrem jetzigen Zustand. Lieber ginge ich sofort freiwillig nach Rußland, als daß die Russen nach Breslau kommen. Wohin ich sehe, ist eine Tragik, wie sie nicht größer sein kann. Was hat der ganze Krieg für einen Zweck gehabt? Millionen Menschen sind dafür gestorben. Die Verantwortlichen dafür werden wohl in diesem Leben keine Ruhe mehr finden. Ich weit? genau, daß ich, wenn ich meine Familie nicht mehr zu Haus antreffe, ich mir das Leben nehme. Zu was hätte ein weiteres Leben noch für Zweck. Bis ins hohe Alter in Fronarbeit für Rußland zu leben. Nein, lieber bald tot. [.. .]

Freitag, 2.2.45: Die Russen kämpfen an der Oder. Mir ist wieder jämmerlich zumute. Und ich habe die ganzen Jahre eine stille Ahnung gehabt, daß es so kommt. Ich habe auch oft mit meiner Frau darüber gesprochen. Ja, wenn ich doch in Deutschland wäre. Ich wollte schon für meine Lieben sorgen. Aber all mein Klagen und Jammern hilft nichts.
Hier hat man gestern eine alte Frau und ein junges Mädchen deportiert, weil sie einem deutschen Soldaten Essen und Unterkunft gegeben haben. Die kommen aber nicht zurück. Und dieser Soldat, dieser Idiot, hat die Frau bei seiner Festnahme verraten, statt zu sagen, daß er aus Rumänien kommt. Ja, so dumm sind die Menschen in ihrer Angst. Herr B. ist seit einer Woche verstimmt. Ich weiß, er hat es schon oft bereut, daß er mich aufgenommen hat. Aber er muß halt jetzt noch in den sauren Apfel beißen. Mir graut schon davor, wenn ich hier weg muß. Hoffentlich habe ich dann wieder Glück. Oder ich komme doch noch in Gefangenschaft. Ich weiß gar nicht, was gut ist. Man ist gehetzt und verfolgt wie ein großer Verbrecher. Wenn der Krieg in dieser Weise verlorengeht und wenn' meine Familie dabei leidet, dann hasse ich Hitler von ganzer Seele, denn er hat das große Unglück in dieser Weise heraufbeschworen. Ich sitze ohnmächtig hier und weiß nicht, was kommt. Vor allem, was die Zukunft bringt. [. . .]

Sonnabend, 3.2.45: [. . .] Es ist 17.00 Uhr. Den ganzen Tag habe ich keine Ruhe gehabt. Wohl bin ich den ganzen Tag allein, leider, denn nur allein und sich mit niemanden unterhalten ist auch nichts. Abends um 11.00 Uhr kommt Herr B. ins Zimmer. Dann seufzt und stöhnt noch jeder für sich 1A Std., und dann ist der Tag endgültig vorbei. »Gute Nacht, und schlafen Sie gut«, beendet regelmäßig den Tag. Heute habe ich mir besonders oft die Karte angesehen. Der Weg nach Deutschland macht mir auch Tag und Nacht Kopfzerbrechen. »Ein Mann will nach Deutschland« hieß ein früherer Film. So genau geht es mir jetzt. Ich weit nicht, was ich machen soll. Genau am anderen (östlichen) Ende von Ungarn bin ich zur Zeit

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Ich glaube, ich muß nochmals nach Rumänien wandern und von Kronstadt aus versuchen, mit dem Zug über Arad zu kommen. Der Gedanke an die kommenden heiklen Situationen läßt schon jetzt mein Blut schneller fließen. Es ist bald Mitternacht. Ich habe keine Ruhe. Es ist zum Verzweifeln.

Freitag, 9.2.45: Heute, am Abend, nach 6 Tagen, komme ich wieder dazu zu schreiben. Von Sonntag früh bis heute abend habe ich wieder in dem kleinen, finsteren Loch gesteckt. Ich will nicht alles haarklein beschreiben, aber 6 Tage und fünf Nächte in Dunkelhaft und in gekrümmter Stellung nur liegend hinter sich bringen, ist schon eine Strapaze. Als ich heute das Loch verließ, mußte ich fast wieder laufen lernen. Jeden Tag einmal abends bekam ich zu essen, und zugleich wurde der Nachttopf geleert. In was für Stellungen ich meine Notdurft verrichten mußte, kann ich nicht beschreiben. Und die vielen Gedanken, die über einen kommen. Es ist furchtbar! Diese Zeit, jetzt unter diesen Umständen, wie ich sie verlebe, ist wohl die schrecklichste meines Lebens. Ich bin mit meinen Gedanken nur zu Haus, und dort kann ich mir keinen Trost holen. In der Heimat kämpft der Russe gegen uns, und meine Lieben können sogar auch schon tot sein. Ich kann machen, was ich will. Ich komme nicht von dem Gedanken los, daß meine liebe Frau tot ist, wenn ich nach Hause komme. Ich kann mich dagegen wehren, wie ich will. Immer komme ich automatisch darauf zurück. Hoffentlich ist es nur ein übertriebenes Angstgefühl. Geb's der liebe Gott, daß es nicht so ist. Was würde ich geben, wenn ich meine Lieben wiedersehen könnte. Ich beklage nicht meine jetzigen Leiden, vielmehr meine Ohnmacht gegenüber allem, was zu Haus vorgeht.
Inzwischen hat am 4. Februar meine liebe Großmutter Geburtstag gehabt. Sie hat schon viel verschlafen. Jetzt wäre sie 80 Jahre alt geworden. Ob ich ihr Grab noch mal besuchen kann? Ich war, als ich das letzte Mal zu Haus war, nicht da. Die Russen haben schon vorgestern über die Oder einen Brückenkopf gebildet. Ich glaube jetzt nicht mehr an den Sieg. Wir sind am Ende. Es hilft auch keine V3, 4 und 5 nicht mehr. Wir haben zu viele Verluste gehabt. Ich will dieses Thema lieber jetzt gleich fallen lassen, denn sonst muß ich zu vielen bitteren Wahrheiten kommen. Es ist schlimm, wieviel von uns gesündigt wurde. Es ist fast 22.00 Uhr. Mir ist ganz schwach. Alles dreht sich, und zittern muß ich auch. Jetzt kommt erst die Reaktion. Ich weiß nicht, was ich dagegen machen soll. Hoffentlich werde ich nicht noch ernstlich krank.
Hier bei Brasov ist ein deutsches Gefangenenlager. Dort herrscht Typhus. Die armen Kameraden sterben wie die Fliegen. Nur nicht im Winter in so ein Lager. Bei allem Unglück muß ich für mein persönliches Leben nicht klagen, im Gegensatz zu den anderen Kameraden.

Sonntag, 11.2.45: Draußen scheint die Wintersonne. Geträumt habe ich heute nacht wieder yon meinem Vater und meiner Frau. Jetzt am Vormittag kommt das Aufräumen der Stube dran, und dann kommt die Langeweile. Aber im Gegensatz zum kleinen Loch noch angenehm. Ich warte mit Sehnsucht auf den Frühling. Ich sehe es direkt, wie B. von Tag zu Tag grauer wird. Er muß aber noch andere Sachen haben, die ihn kränken. Sonst aber fühle ich mich einigermaßen gestärkt. Ich mache jeden Abend Liegestütze, damit meine Muskeln wieder auf Schwung kommen. Nirgends habe ich Hornhaut. Wenn ich wieder laufen muß, da wird es mir sehr schwerfallen. Den ganzen Tag sitze ich vor der Karte und überlege die Route und die andere. Aber in Wirklichkeit wird doch alles anders kommen. Es ist wieder abends. Ich bin allein im Haus. Alle sind weggegangen. Heute nachmittag und jetzt den ganzen Abend hab' ich im Geiste wieder Registrierkassen verkauft. Ich bin der festen Überzeugung, daß ich, wenn ich nach Hause komme, keine Not leide. Wenn ich keine Kassen verkauf, dann repariere ich halt welche, denn es gehen halt immer welche kaputt. Ja, nur nach Deutschland zurückkommen. Was werden heute meine Lieben machen? Meine ersten und meine letzten Gedanken am Tag sind bei ihnen.

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19.2.45: Im Keller hatte ich mich gut eingelebt. Da bin ich aber, als ich Essen bekam, durch die Holzstall-Latten von einem Nachbarmädchen gesehen worden. Ich bin zwar der Meinung, sie hat mich nicht gesehen. Frau E. glaubt aber ja. Jedenfalls habe ich inzwischen einen Tag auf dem Heuboden bei einer alten Frau verbracht. Dort habe ich vor Kälte gezittert, denn es ist wieder sehr kalt geworden, und der Boden ist nach allen Seiten offen. Der Wind pfeift nur so durch das Heu. Heute um Mitternacht bin ich wieder zurück. Aber wenn ich hier die Angst sehe, dann bin ich niedergeschlagen. Es ist nicht zu beschreiben. Hier hat ein Fräulein 5 Jahre Zuchthaus bekommen, weil sie einem deutschen Soldaten Essen gegeben hat. Ich kann schon die Angst begreifen, die hier herrscht. Ich sehe es auch an ihren Augen, wie sie mich ansehen. [. . .]

Dienstag, 27.2.45: Es hat seit gestern morgen geschneit. Gar keine Aussicht zum Laufen, bei meinen defekten Halbschuhen. Außerdem ist in Rumänien Revolution. Da werden die Straßen auch besonders bewacht sein. Sonst hat sich nichts weiter ereignet.
Jetzt am Abend sitze ich wie immer auf dem Chaiselongue und döse vor mich hin. Ich muß nun doch mich für den Wald entscheiden. Fast alle Deutschen sind nach Rußland deportiert. Alle, die überhaupt noch arbeiten können. Das passiert mit den Deutschen im Reich genauso. Wenn die Irmgard also, nicht aus Breslau ist, dann sehe ich sie und überhaupt alle meine Lieben nicht wieder, wenn ich nach Hause käme. Man schreibt das so einfach hin, weil man bzw. ich alles gar nicht fassen kann, wenn es wirklich der Fall wäre. Immer noch hofft man. Wenn es nicht so wäre, könnte man sich am nächsten Baum aufhängen. Nun also warten, was da kommt.

28.2.45: Der Februar ist überstanden. Jetzt im März kommt der Frühling. Ich mache mich so langsam fertig für meinen Ausflug in den Wald. Das ist wieder eine ganz schöne Umstellung. Wie die Steinzeitmenschen werde ich leben. Wenn ich ein Gewehr hätte, da könnte ich etwas jagen, denn das Essen wird knapp werden. Ich weiß überhaupt nicht, von wem wir Naturalien bekommen werden. Und das Hinbringen ist auch ein Problem.
Breslau ist also vollkommen eingeschlossen. Ich hab' doch manchmal schon vor langer Zeit im stillen gedacht, ob nicht Breslau auch noch Kriegsschauplatz wird. Ach Gort, und meine Frau in dem Zustand. Diese schreckliche Angst. Jetzt am Abend waren zwei Damen hier, um mich zu besuchen. Sie kamen ganz vermummt an, damit sie nicht erkannt wurden. Sie wollen Verbindung mit den zwei Soldaten im Wald aufnehmen. Vielleicht ist es möglich, daß ich zu denen gehe. Sie sind gut eingerichtet. Zwei Mädels bringen ihnen Essen immer für 3 Wochen. Ich bin doch gespannt, was wird. Zugleich hörte ich, daß in Breslau große Straßenkämpfe sind. Nun hege ich nur die Hoffnung, daß meine Frau evakuiert ist. Anderenfalls ist es dann ein Wunder, wenn wir uns doch noch gesund wiedersehen. Ich wage gar nicht mehr, an alles zu denken, und wenn ich pfeife oder singe, denke ich schon, das ist unter diesen Umständen eine Sünde. Ich bin ohne Ruhe.
10.3.45, Sonnabend: Gerade erzählt mir Herr B., daß man von den beiden im Wald einen gefangen hat, den man am Kopf ganz blutig geschlagen hat. Er ist schon abtransportiert. Der andere Soldat konnte fliehen. Ja, was mache ich nun? B. versucht, mich bald zu überreden ins Gefangenenlager zu gehen. Aber ich sagte ihm, lieber hungern und frieren im Wald, als das. Solange man mich nicht mit Gewalt fängt, gehe ich in keine Gefangenschaft. Aber ab nun werde ich wohl tatsächlich daran denken müssen, in den Wald zu gehen, auch wenn die Kälte anhält. Es ist so kalt, daß noch die Fenster gefrieren. Aber es muß ja wärmer werden. Ich hoffe von Tag zu Tag. Ich vertröste halt B. von Tag zu Tag. Bald bin ich 5 Monate hier

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Die Zeit kommt mir fast gar nicht so lang vor, weil ich immer in Aufregung war. Es ist eine Zeit, die mich ziemlich verändert hat. Ganz andere Begriffe sind mir gekommen, und Glück und Unglück erscheint relativer.

Sonntag, 11.3.45: Ca. ¼m Neuschnee. Es ist ganz unmöglich, daß ich jetzt in den Wald gehe. Gegen Berlin ist eine allgemeine Offensive eingeleitet. Ich glaube, daß im Mai der Krieg zu Ende ist. Länger kann es nicht mehr gehen. Es hat doch keinen Zweck mehr, daß das ganze deutsche Volk geopfert wird. Ich habe an den Sieg wie an ein Evangelium geglaubt, aber es ist alles verloren. Vielleicht kommt wieder eine Revolution.
Man kann doch in einer aussichtslosen Lage nicht mehr weiterkämpfen. Ich kann die Lage ja nicht beurteilen, aber was ich höre ist schrecklich. Was wird inBreslau sein ? Ich glaube, auch diese Stadt wird dem Erdboden gleich. Na, ich darf nicht an zu Hause denken, sonst bin ich für den heutigen Sonntag gleich wieder erledigt. [-..]

Mittwoch, 21.3.45: Frühlingsanfang. Hier stürmt es, und manchmal scheint die Sonne. Heut' nacht vor einem halben Jahr habe ich den Sprung in die Freiheit gewagt. Wenn ich nach Hause kommen sollte, so will ich diesen Tag immer in die Kirche gehen, denn die Flucht war mehr als ein Spiel mit dem Tode. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich so gut über den Winter komme. Nun bin ich heute umquartiert. Man merkt es schon an der Schrift, daß ich in Kauerstellung schreiben muß. Hier im Haus ist ein ganz verbauter Dachboden. Nun habe ich gestern eine sehr geräumige Ecke entdeckt, zu der noch niemand gelangt ist, weil man direckt unter dem Dach durch eine ganz enge Öffnung nur hingelangen kann. Mir ist es nur mit der größten Anstrengung, nachdem ich alles ausgezogen hatte, mich durchzuzwängen gelungen. Allerdings kann ich nicht mehr zurück. Da muß ich mich erst noch gelenkiger machen. Jedenfalls habe ich nur hier einen Strohsack, Decken und bleibe hier

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Sicher ist es hier, denn die Kommunisten können mich nicht sehen und auch nicht durch die Lücke, die man nicht erweitern kann. Das Essen wird mir durchgereicht. Desgleichen der Nachttopf. Nur zugig ist es hier. Die Nacht habe ich vor Kälte nicht schlafen können. Aber es kommen ja auch wärmere Tage. Ich habe das Gefühl, daß die Entbindung bei der Irmgard erfolgt ist und daß ich nun Vater von 2 Kindern bin.

Donnerstag, 22.3.45: Ja, gestern abend war mir so, als ob die schwere Stunde für die Irmgard gekommen ist, obwohl es meiner Berechnung nach erst um den ersten April sein müßte. Wenn es war, geht - oder ist hoffentlich - alles gutgegangen. Ich kann leider nicht helfen. Ich kann mich noch so quälen und martern, es hilft alles nichts. Ich muß durchhalten.

Freitag, 23.3.45: Heut' nacht träumte ich, daß die Russen aus Breslau zurückgeschlagen sind. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Geschlafen habe ich nur wenig. Ich höre jedes Geräusch, als wenn ich direkt auf der Straße schlafen würde. Die Hähne krähen schon ab Mitternacht, und die Hunde bellen die ganze Nacht. Ich muß mich erst gewöhnen. Zu essen bekomme ich genug. Bloß langweilig. Ich wünschte mir was zum Lesen, oder noch besser - einenJDetektor.

Sonntag, 25.3.45: Wieder ein Sonntag. Draußen ist es kalt, aber die Sonne scheint. Ich werde den Tag wie die anderen verbringen. Heut' nacht war die Irmgard wieder im Traum bei mir. Ganz natürlich, wie ich sie in Erinnerung habe. Es ist nachts noch am ehesten auszuhalten. Man verliert das Bewußtsein der gegenwärtigen Lage. Durchfall habe ich immer noch, aber das ist ja gleichgültig. Sprechen kann ich nun überhaupt nicht mehr. Weder mit mir noch mit anderen. Man könnte jedes Wort .auf der Straße verstehen. So viel Vorteile, so viel Nachteile. Nichts zum Lesen. Nur Dösen und Essen. Wie ein Tier, nur daß ich mir über meine Lage klar bin.

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Montag, 26.3.45: Gerade habe ich erfahren, daß mein Kamerad aus Komman-dau, Herrmann D., am Sonnabend früh 4 Uhr weggegangen ist, um wohl weiterzulaufen. Kurze Zeit später hatten ihn die Kommunisten festgenommen. Es ist furchtbar. Der arme Kerl hat sich auch nur mit vieler Mühe über den Winter halten können. Er war auch bereits in Gefangenschaft und ist von Constanta am Schw. Meer hierher gelaufen. Nun, nach diesem Vorfall, glaube ich auch nicht mehr daran, daß ich so durchkommen würde. Sobald ich hier weggehe, werdeich mich nicht lange in Freiheit halten können. D. wohnt Magdeburg-Fermersleben. Hier ist es, trotzdem draußen schönster Sonnenschein ist, so dunkel, daß ich nur mit größter Mühe schreiben kann.

Mittwoch, 28.3.45: Der neue Tag ist angebrochen. Ich kann nur früh schreiben, weil da durch einen Spalt die Sonne durchscheint. Ich habe mich wieder beruhigt. Man muß halt mit allem zufrieden sein, wenn es nur noch die Gefangenschaft verhindert oder aufschiebt. Ich werde mich aber wohl doch dazu entschließen, ins deutsche Gebiet zu wandern und mich langsam gegen Arad — Budapest vorzutasten. Denn entweder kommt dieses Jahr die Front zurück, oder die Russen marschieren nach Österreich. Allerdings wird mir das wohl nicht gelingen, denn das ganze Gebiet wird Tag und Nacht von einem dichten Postennetz belaufen. Es müßten schon 100 Wunder geschehen. Heut' vor 4 Jahren war mein Polterabend. Und morgen ist unser Hochzeitstag. Ein freudiges Gedenken unter den traurigsten Umständen.
Donnerstag, 28.3.45: Vor Dunkelheit kann ich nur mit der größten Mühe schreiben. Heute vor vier Jahren war der schönste Tag meines Lebens. Ich erlebe ihn noch einmal in Gedanken. Dabei glaube ich oft, daß ich jetzt wie im Traum lebe und alles gar nicht Wirklichkeit ist.

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Man kann sich gar nicht vorstellen, daß in einer zivilisierten Welt so ein furchtbarer Krieg herrschen kann, der die Familien auseinanderreißt und in den Tod treibt. Heut' nacht träumte ich von meiner Mutter, sie hatte am rechten Arm furchtbare Geschwüre. Und dauernd muß ich an den Grünen Kreuzfriedhof in Grünberg denken. Das sind hoffentlich nur die überreizten Nerven. Meine liebe Frau wird auch mit Wehmut an unseren Hochzeitstag denken. Bestimmt hat sie außer den seelischen auch noch körperliche Schmerzen zu erdulden. Ich sehe jetzt mal wieder so hoffnungslos wie nie zuvor in die Zukunft. Aber das wird sich ja wieder ändern. Nachmittag ist es geworden. Dauernd erlebe ich den Tag vor 4 Jahren. Es war ein Sonnabend. Wie rosig sah die Zukunft aus. Und was ist heute? Wahrscheinlich ist das 2. Kind, wenn alles gut gegangen ist, geboren, nur ich weiß es nicht. Es ist durchaus möglich, daß ich es nie erfahren werde. Diese Zweifel zermürben mich so langsam.

Ostersonnabend, 31.3.45: Hier rüsten sich auch alle zum Osterfest. Die Leute, die vorübergehen, singen und lachen. Ich muß mir selbst das Husten verkneifen, damit man nichts hören kann. Zu Hause freute man sich früher auf die kommenden Feiertage. Aber jetzt haben sie zu Haus auch keine Freude an Ostern. Der Krieg geht weiter, und ich habe schon die Hoffnung aufgegeben, daß er dieses Jahr zu Ende geht. In diesem Sommer kommt es darauf an, ob wir noch zu einer erfolgreichen Offensive die Kraft haben. Was aber ich nun mache, ist mir auch so ziemlich unklar wie anfangs. Wenn ich noch bleiben darf, gehe ich jetzt noch nicht weg. Erst dann, wenn das Wasser wärmer geworden ist, denn ich muß ja verschiedene Flüsse durchschwimmen. Und meine liebe Frau, wie wird es ihr ergehen? Ich bete nur jeden Tag, daß alle zu Hause am Leben bleiben. Geld und Gut können ruhig verloren gehen. Ich weiß schon, wie ich wieder zu Wohlstand käme. Mit den Registrierkassen würde ich wohl Geld verdienen. Hoffentlich trifft doch noch alles ein.

1.4.45,1. Osterfeiertag: [. . .] Ich sitze halt den ganzen Tag in Hemd und Hose in einer etwas helleren Ecke, habe eine weiße Baskenmütze auf dem Kopf und spintisiere in Vergangenheit und Zukunft. Nachts liege ich auf dem Strohsack, habe Kopf und Hals mit Tüchern fest verbunden und die Lederjacke und zwei Pullover an. [. . .] Ich bin nun über 5 Monate hier. Es ist ja eine lange Zeit, aber ich werde ja nicht weit kommen, wenn ich laufe

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Ich könnte sowieso nur nachts gehen, da jetzt überall die Bauern auf den Feldern schon arbeiten. Aber ohne Kompaß nachts zu laufen, ist doch schwierig. Außerdem kann es passieren, daß man den Posten direkt in die Arme läuft. Es ist, wie man's wendet, schlecht. Ich weiß natürlich, daß B. erwartet, daß ich von mir aus sage, daß ich weggehe. Aber sobald ich das Haus verlasse, muß ich mit Gefangenschaft oder sogar mit Erschießen rechnen. Andrerseits hat B. mehr als genug für mich getan. Was ich jetzt mache, ist natürlich ein Ausnutzen, aber was soll ich machen? Ich bin ja gezwungen, ein dickes Fell zu haben, schon aus reiner Selbsterhaltung. Jeder Tag ist ein gewonnener, denn der Krieg muß auch einmal zu Ende gehen.

2.4.45: 2. Osterfeiertag. Die Sonne scheint, da ist es bei mir etwas heller. Der Tag wird so vergehen, wie alle anderen. Ich habe zu nichts Lust. Apathisch liege ich auf meinem Strohsack. Draußen singen die Vögel und spielen die Kinder. Was mag die Karin machen? An sie denke ich auch jeden Tag. Ihre Kindheit habe ich nicht miterleben können. Hoffentlich erlebe ich es bei meinem 2. Kind. Wird es ein Junge sein? [. . .]

6.4.45: [. . .] Ob nun die Russen schon in Breslau sind? Von der Front weiß ich gar nichts. Scheinbar rüsten beide Seiten zur neuen Offensive, die die letzte Entscheidung bringen soll. Na, so oder so, meine Lage kann, so glaube ich, nur besser werden. Hoffentlich! Nun werde ich noch etwas spintisieren, und dann ist es Mittag.

Sonntag, 8.4.45: Nun hat es sich entschieden: Ich muß weg. Gestern abend war B. hier und sagte es mir. Die Lage hat sich hier so zugespitzt, daß er mich nicht mehr beherbergen kann. Ich habe einen richtigen Schreck bekommen, denn ich werde wohl nicht durchkommen. Hier werden jetzt Razzien größten Stils veranstaltet. Heute nacht haben sie in einem kleinen Dorf in der Nähe 45 Männer, angeblich Faschisten, abgeführt. Eine mir sehr gut bekannte Familie, die Hunderten Deutschen und auch mir geholfen hat, ist abgeführt. Diese Angst ist furchtbar. Nun hat es wieder sehr geregnet und geschneit. Ich kann noch so lange warten, bis es trocken ist, und dann muß es sein. Nachts höre ich immer die Doppelstreifen gehen, und am Tage sehe durch einen kleinen Spalt auf dieser Nebenstraße immer 5-6 Gendarmen. Es sind Kommunisten mit Armbinde, die eben hier die Polizei repräsentieren. Es sind, wie alle Kommunisten, ganz rohe Kerle. Gerade jetzt höre ich in der Nähe viele Schüsse und ein Maschinengewehr. Was das zu bedeuten hat, weiß ich nicht. Ich glaube nicht, daß ich, wenn ich ins deutsche Gebiet kommen sollte, dort Unterschlupf finde. Entweder muß ich nun in den Tod oder wieder in Gefangenschaft. Das schreibt sich so leicht hin und ist das Schwerste, was es gibt auf Erden. An meine Lieben denke ich, an denen ich so hänge. An meine liebe Frau, die ich über alles liebe und die auch in mir den liebsten Menschen auf Erden sieht. Wie hätten wir glücklich zusammengelebt und unsere Kinder zu anständigen Menschen erzogen. Alles macht dieser Krieg zunichte. Wenn ich mir jetzt meine früheren, zu Haus verlebten Urlaube vorstelle, so erscheint mir diese kurze Zeit wie ein Leben wie im Paradies. Es war ein Leben voller Harmonie, und ich wähnte mich als der glücklichste Mensch auf Erden. Und wie habe ich mir vorgestellt, wie meine Tochter von mir alles Wissenswerte erklärt bekommt und wie ich sie vorbeiführen wollte an allen Klippen des Lebens. Nun wären es zwei Kinder, und die Freude wäre doppelt. [...]

Dienstag, 10.4.45: Ich habe die Nacht kaum geschlafen vor Kälte. Außerdem rumort es immer in meinen Kopf, die Gedanken lassen sich nicht verscheuchen. Die Russen sollen in Wien sein. Ich habe nicht mehr die Hoffnung, daß wir den Krieg auch nur einigermaßen zu Ende bringen. Wir bekommen einen Frieden diktiert, daß noch unsere Kinder unfreie Menschen sind. Ich kann mir ja kein Urteil bilden über die jetzige Lage. Aber sie ist für uns katastrophal

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Ich denke dauernd an den Marsch. Wie wird es werden? Ich habe nicht die geringste Hornhaut an den Füßen, und meine Muskeln sind auch erschlafft. Früher bedeuteten Hunderte Kilometer für mich nichts, und jetzt machen mir 10 km Sorgen. Heute nacht hörte ich wieder die Streifen laufen. Im Kampf haben diese Kerle nie gestanden. Aber jetzt erschießen sie mit deutschen Karabinern wehrlose deutsche Soldaten. B. hat wahrscheinlich Einsehen, daß ich noch warten muß. Frau E. ist ja sehr besorgt um mich. Außerdem muß es ja auch ja bald warm kommen. Nur, was macht meine Familie? Wer mag schon tot sein? Hoffentlich sehe ich noch alle einmal. Das ist mein größter Wunsch auf Erden.

Donnerstag, 12.4.45: [. . .] Ich studiere gerade meine Karte, die mir B. besorgt hat und [die] von hier aus 30 km weit reicht. Einmal muß es gewagt werden. Allerdings habe ich wieder die ganze Nacht Schießen gehört. Diese Kommunisten machen mir mehr Sorgen wie die Rumänen - gestern habe ich 5 beobachtet. Man muß fast lachen, wenn man sie sieht. Die Hände in den Hosentaschen, das Seitengewehr baumelt auf dem Hintern. Der eine drehte sich bei jedem Geräusch um, als wenn er Sherlock Holmes wäre. Sie wissen vor Aufgeblasenheit kaum zu gehen. Das sind nun die Männer, die jetzt Geschichte machen wollen. Hoffentlich falle ich ihnen nicht in die Hände. Ich habe ja nur solche Angst, weil ich Familie habe. Da muß ich trotz aller Waghalsigkeit vorsichtig sein. Nur, was wird sein, wenn ich hier weg bin? Werden mich die Deutschen unterstützen können? Dort ist die Angst noch größer.
Angst, überall Angst vor den Russen. Ich denke wie immer an meine Lieben. Sie sind mir das Höchste auf der Welt. Einen größeren Wunsch, als sie wiederzusehen, werde ich in diesem Leben nie haben können. [. . .]

Sonntag, 15.4.45: Gestern wurde hier bekannt, daß Roosevelt gestorben ist. Zuerst glaubte ich, daß dies vielleicht eine Änderung im Kriege geben könnte. Aber bei eingehender Überlegung komme ich doch zu der Überzeugung, daß der Krieg deshalb weitergeht. [. . .]

Montag, 16.4.45: Ungewöhnlich kalt ist es. Ich werde den Tag wieder unter meinen Decken verbringen. Ich summe schon seit gestern dauernd eine Ballade von Löwe »Die Uhr«. Die Melodie geht mir nicht aus dem Kopf. Wie lange mag nun alles noch gehen? Was gäbe ich, wenn ich nur einmal Radio hören könnte. Wenn ich aber wüßte, was meine Lieben machen, wäre ich noch froher. Ja was nützt alles Wünschen. Der Ungar sagt: »Überall sind wir in Gottes Hand.«

Dienstag, 17.4.45: [. . .] Wie mag es um Schlesien stehen? Diese Greueltaten, die die Russen verüben werden. Wenn ich an das alles denke, könnte ich schon wieder am frühen Morgen verzagen. Jetzt werde ich wieder meine täglichen Kniebeugen und Liegestütze absolvieren, damit meine Muskeln wieder auf Draht kommen. Es ist Nachmittag. Mittags sagte mir Frau E., daß es zwischen Rußland und England zu Streitigkeiten gekommen ist und daß die Engländer nicht mehr Deutschland bombardieren. Es ist zu schön, um wahr zu sein. Wenn es aber stimmen würde, wäre es vielleicht Rettung in letzter Stunde! Nun habe ich wieder Stoff, um Überlegungen anzustellen, wie es werden könnte usw. Ach, wenn es doch wahr wäre. Allerdings habe ich hier schon soviel Enten gehört, daß ich es nicht glauben kann.

20.4.45: Hitler hat Geburtstag. Es wird sein letzter sein, denn wahrscheinlich soll um Berlin gekämpft werden. Die Russen und Engländer haben wohl deshalb Differenzen, weil die Engländer schneller an Berlin herangekommen sind wie die Russen. Das konnte ich nun aus dem Reden der Frau E. entnehmen. Wenn es so steht, da hilft nichts mehr. Da ist der Krieg bald zu Ende und auch verloren. Ich glaube nun nicht mehr daran, daß er auch nur für uns einigermaßen günstig ausläuft. Wir haben es wohl doch nicht verdient. Wer kann es sagen?

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Hitler hat den Bogen überspannt. Gegen die ganze Welt zu kämpfen ist nicht möglich. Hier ist es wieder Winter geworden. Seit gestern mittag hat es geregnet und geschneit. Alles ist weiß, und frieren tut mich auch.
Ich habe mich nun auch innerlich entschlossen, weiterzugehen. Vielleicht kann ich bei Codlea in den Wald, wenn ich bis dahin komme. In 10 Tagen bin ich ein halbes Jahr hier. Das ist mehr als genug. Ich muß es wagen, ob ich will oder nicht. Ich denke, daß ich heute in 8 Tagen losmarschiere, denn die Sonne muß ja kommen. Die ganze Nacht habe ich wieder Pläne gewälzt, aber alles ist dem Zufall überlassen. Ich muß nun hoffen, daß alles zum Besten wird. Allerdings bekomme ich manchmal richtige Angstzustände um meine Lieben. Da könnte ich richtig aufschreien. Diese Zeit, wenn ich sie überstehe, wird mir immer unauslöschlich im Gedächtnis bleiben.

Sonnabend, 21.4.45: Es hat weiter die ganze Nacht geregnet. Geschlafen habe ich auch nicht. Jetzt sitze ich wieder in der Ecke und werde gleich Strümpfe stopfen. Gestern abend war mir wieder elend zumute. Meine Mentalität ist auf das Niveau eines Kindes herabgesunken. Ich muß schnell weinen, aber auch schnell lachen. Das macht die Einsamkeit in diesem halben Jahr und die Angst. Ich habe mir gestern abend überlegt, daß ich persönlich eigentlich nicht einen Feind hatte. Alle, die mich kannten, waren mir zugetan und konnten mich gut leiden. Von allen zu Haus werde ich geliebt, und bestimmt beten alle für mich. Eigentlich ein schöner Trost, wenn es evtl. ans Sterben gehen muß. Das Sterben liegt ja jetzt näher als wie das Leben. Es ist ja aber jetzt überall so. Ich mache ja keine Ausnahme. Nur eben, was machen sie zu Hause ohne mich. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, was ich habe, wo ich früher immer helfen konnte, brauche ich jetzt selbst Hilfe und bin jedem Zufall ausgeliefert. Jeder blöde Bauer und Kuhhirt kann mich verraten, oder ich laufe irgendeinem Posten in die Arme. Wenn jetzt hinter mir hergeschossen wird, trifft mich's bestimmt, denn zu oft ist es schon in letzter Zeit gutgegangen. Na, noch habe ich ca. eine Woche Zeit.

Sonntag, 22.4.45: [. . .] Wenn man in so einer Lage, wie ich bin, ist, dann kann man fast nicht verstehen, daß Krieg ist. Hier wird auch dauernd ausgetrommelt, daß das und das zu machen ist. Wer die erlassenen Anordnungen nicht befolgt, wird deportiert. Das Wort »deportiert«, auf ungarisch »deportat«, höre ich am besten heraus, wenn der Trommler den Befehl vorliest. »Erschießen« heißt »agyonlöni«, das ist mir auch geläufig. Nur eben wenn ich die Kommunisten durch meinen Spalt beobachte, packt mich die Wut. Diese Proleten ohne Bildung und Gefühl repräsentieren die Staatsgewalt. Na, wenn das in Deutschland so wird, dann herrscht noch lange Zeit Bürgerkrieg. Allerdings würden die Russen sofort mit den grausamsten Mitteln jede Opposition niederknüppeln. Na, ich werde nicht mehr den Gedanken weiterspinnen. Es ist auch zwecklos. Es kommt, was kommen muß.

Montag, 23.4.45: [. . .] So langsam habe ich mich an die Einsamkeit gewöhnt. Ihre Vorteile hat sie auch. Man beschäftigt sich mit seinem Innenleben und hält Gericht mit sich selbst über gute und schlechte Taten und faßt gute Vorsätze für die Zukunft. Es sind Exerzitien im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe in diesem halben Jahr für das Leben und auch für die Ewigkeit mehr gelernt als in 5 Jahren normalen Lebens. Ja, ich habe sogar Zeit genug, wenn es sein muß, mich auch für den Tod vorzubereiten, obwohl ich, wie kaum ein zweiter am Leben hänge. Nun, ich muß es nehmen, wie es kommt, und will alles tun, um am Leben zu bleiben; vor allem für meine Lieben.

28.4.45: Die Zeit ist um, da ich mich wieder dem Zufall anvertrauen muß. Vom 21.3. - Heute abend war ich in einer Ecke auf dem Boden. Nun muß ich leider weg. Sie können mich hier nicht mehr halten. Jeder, dereinem Deutschen hilft, wird sofort erschossen.
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BeitragBeitrags-Nr.: 151660 | Verfasst am: 29.06.2008 - 12:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Richard, Winken

vielen Dank für den sehr interessanten Ausschnitt! Gut gemacht! Eine sehr beeindruckende Geschichte!
Ich werds mir abspeichern und ausdrucken.

Horrido!

Nicole
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BeitragBeitrags-Nr.: 151671 | Verfasst am: 29.06.2008 - 15:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Gehe ich richtig in der Annahme, dass dir die Genehmigung des verlages vorliegt? Zwinkern

mfg

alex
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BeitragBeitrags-Nr.: 164158 | Verfasst am: 06.12.2008 - 22:45    Titel: Antworten mit Zitat

http://i33.tinypic.com/3463r53.jpg

http://i35.tinypic.com/be8tqb.jpg
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BeitragBeitrags-Nr.: 164162 | Verfasst am: 07.12.2008 - 08:24    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für diese interessanten Dokumente, Uwe.

Horrido!

Nicole

Nachtrag: Eine kleine Zwischenfrage hätte ich noch...

Laut "Wir funkten" von Herrn Wachter ( S. 107) war Brigadeführer Rumohr mit einem Kfz 17 auf der Budapester Burg um die Lage zu erkunden und die Ungarn zum Weiterkämpfen zu ermuntern.
Ist damit Operation Margarethe im Frühjahr ´44 gemeint, oder Operation Panzerfaust im Oktober ´44 ?

Laut Herrn Wachter kam Rumohr von der Burg und sagte nur: "es ist alles geregelt." Worauf hin der Funktrupp im Kfz 17 weiter gab: "Verhandlung von Brigadeführer Rumohr erfolgreich verlaufen!"

Horrido!

Nicole
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Jan-Hendrik
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BeitragBeitrags-Nr.: 164448 | Verfasst am: 10.12.2008 - 13:44    Titel: Antworten mit Zitat

Also das müßte eigentlich im Oktober, bei "Panzerfaust" gewesen sein Zwinkern

Winken

Jan-Hendrik
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BeitragBeitrags-Nr.: 164455 | Verfasst am: 10.12.2008 - 14:10    Titel: Antworten mit Zitat

Habt Ihr das Buch "Die Schlacht um Budapest" von Krisztian Ungvary gelesen ? Da wird der Ausbruch recht anschaulich beschrieben.
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Jan-Hendrik
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BeitragBeitrags-Nr.: 164456 | Verfasst am: 10.12.2008 - 14:13    Titel: Antworten mit Zitat

Das sollte doch eh jeder kennen Zwinkern

Winken

Jan-Hendrik
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BeitragBeitrags-Nr.: 164459 | Verfasst am: 10.12.2008 - 15:34    Titel: Antworten mit Zitat

Ich glaube, ein anderes Buch (Festung an der Donau von Hr. Számvéber) sollte ebenfalls bekannt sein. Sollte auch irgendwo elektronisch zu erreichen sein...

mfg

alex
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Frank1467
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BeitragBeitrags-Nr.: 167500 | Verfasst am: 17.02.2009 - 14:12    Titel: Antworten mit Zitat

Mein Großvater war in Budapest als Angehöriger dabei (13.PD/FHH).Er war mit der besagten Gruppe Wolff aus dem Kessel unversehrt ausgebrochen.
Opa+Oma hatten mir das öfters geschildert:
Am 23Dez 1944 war mein Großvater auf Urlaub in Leegebruch,wegen Heirat meiner
Oma.DieserUrlaub war genehmigt bis zum 24Dez 1944.Am Heiligabend,besser gesagt schon vormittags,kam ein Kurier mit der Botschaft,sich sofort Marschfertig zu machen,
und zur Sammelstelle der Division zu fahren,mit dem Zug.Soviel ich weiß,kam er noch am selbigen Tag dort an.Und dann,so erzählte er mir,war es mit Abstand die schlimmste Schlacht,an der er teilnahm.Zustände wie Stalingrad,Häuserkämpfe,Etage um Etage.der Ausbruch aus Budapest muß auch die Hölle gewesen sein,er sagte mir
immer wieder,sei froh das Du niemals erlebt hast,was Krieg ist!!!
Wie gesagt,er kam raus aus Budapest mit der gruppe Wolff.Durch den teufelsgraben,
falls ich mich irre,berichtigt mich bitte.Da,so sagte er,war er das erste mal auf einem Panje-Pferd geritten.Von oberhalb der Schlucht schossen die Russen mit Granaten und sonstigem auf die Ausbrechenden.Sie kamen dann zur Donau,wo sie rüberschwammen.Dort war dann die Demarkationslinie,wo er dann in amerikanische
Gefangenschaft ging.Über die Tschescheslowakai,Bayern ins Internierungslager nach
Bretzenheim/Bad Kreuznach,somit war der Krieg schon vor dem offiziellen Ende für
ihn vorbei......Gott sei Dank

MfG
Frank
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Jan-Hendrik
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BeitragBeitrags-Nr.: 178872 | Verfasst am: 15.12.2009 - 17:32    Titel: Antworten mit Zitat

Was zur Luftversorgung:

http://i49.tinypic.com/30m5rx1.jpg

Winken

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BeitragBeitrags-Nr.: 184280 | Verfasst am: 15.04.2010 - 16:18    Titel: Antworten mit Zitat

Ist das nicht das Denkmal am Fuß der Burg??

http://i42.tinypic.com/260syzn.jpg

Winken

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BeitragBeitrags-Nr.: 184287 | Verfasst am: 15.04.2010 - 17:07    Titel: Antworten mit Zitat

Doch, doch!

Ein Paar Monate früher parkte da etwas Heavy Metal Winken

mfg

alex
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