Das militärische Luftbildwesen/Ein Abriss seiner Geschichte
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UHF51
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BeitragBeitrags-Nr.: 168588 | Verfasst am: 12.03.2009 - 11:02    Titel: Das militärische Luftbildwesen/Ein Abriss seiner Geschichte Antworten mit Zitat

Teil I
Quelle: Deutsches Soldatenjahrbuch 1976 - Deutscher Soldatenkalender (Hrsg. Helmut Damerau), Beitrag von Werner Stein (S. 258-263).

[...]
Die Entwicklung des Luftbildes zeigt im ihrem Verlauf deutlich verschiedene Phasen, bedingt durch den jeweiligen technischen Stand der Geräte und besonders ihrer "Träger". So können wir unterscheiden: das 19. Jahrhundert, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, 1914-1918, die Zwischenzeit nach Versailles (Reichswehr), die Zeit der Wehrmacht, der Zweite Weltkrieg ...
Die Idee des Luftbildes taucht schon bald nach 1839 nach Erfindung der Photographie auf. So hat jener französische Photograph Felix-Gaspard Tournachon, der sich Paul Nadar nannte (1820-1910), schon 1859 aus dem Lufballon von Godard aus 500 m Höhe unter unvorstellbar schwierigen Bedingungen die wohl ersten Luftaufnahmen, und zwar von Paris, hergestellt. Man muss sich klarmachen, dass hierzu noch die Collodium-Nassplatten in der als Dunkelkammer eingerichteten Ballongondel begossen und nach Belichtung gleich entwickelt werden mussten. Die Kamera war aussenbords oder in der Gondel mit Sicht durch den Boden senkrecht angebracht. Ab 1863 inzwischen selbst Ballonfahrer geworden, benutzte er dann seinen eigenen Ballon "Le Géant", und als 1868 die Trockenplatten aufkamen, wurde die Handhabung wesentlich einfacher. Weiter ist überliefert, dass durch ihn ebenfalls im Jahre 1859 die erste militärische Anwendung des Luftbildes für Aufklärungszwecke erfolgte, als Napoléon III. in der Schlacht von Solferino/Gardasee vom Fesselballon aus Luftaufnahmen der österreichischen Stellungen anfertigen ließ, die ihm zum siegreichen Vorgehen verhalfen. Auch 1862 im nordamerikanischen Bürgerkrieg fanden schon Fotos von Fesselballonen aus Anwendung. Später, im Kriege 1870/71, wandten die Franzosen dieses neue Aufklärungsmittel an und hatten Erfolg damit. Ab 1894 haben dann viele Ballonfahrer zivile Luftaufnahmen hergestellt, so Eduard Schweizer gen. Kapitän Spelterini auf über 600 Aufstiegen. 1906 machte Prof. Dr. Adolph Miethe sogar schon die ersten Dreifarben-Fotos. Noch vieles Interessante gäbe es zu berichten, so z.B., dass schon 1903 zum ersten Mal eine Rakete als Träger eines Photoapparates durch den Dresdener Ingenieur Alfred Maul verwendet wurde, und dass 1908 Dr. Julius Neubronner, Cronberg/Ts., einen Mini-Photoapparat konstruierte, der einer Brieftaube umgeschnallt werden konnte, womit bei der Militär-Brieftaubenstation Spandau in der Erprobung Erfolge erzielt werden konnten. Da man die Reisegeschwindigkeit der Brieftauben genau kannte, konnte mit Hilfe eines Vorlaufwerks die Zeit bis zum Ziel genau eingestellt werden.
Aus dieser Zeit sollen die richtungsweisenden Arbeiten des österreichischen Hauptmannes Theodor Scheimpflug nicht unerwähnt bleiben. Er erfand im Jahre 1906 die Entzerrung von Geneigtaufnahmen und ebnete damit den Weg für die Bildplanherstellung, die militärisch als Kartenergänzung und Kartenersatz so ungeheuer wichtig wurde. Er arbeitete vom Ballon aus u.a. mit einer Siebenfach-Panorama-Kamera.
An "Trägern" gab es zwar anfangs dieses Jahrhunderts inzwischen auch die Lenkluftschiffe "Zeppelin" und "Parseval". Wie engstirnig und falsch man aber beim Kriegsministerium die Verwendbarkeit der Flugzeuge für militärische Zwecke einschätzte, geht aus einem Gutachten des Kommandeurs der Luftschiffer von 1909 hervor: Der Aeroplan, welcher in niedriger Höhe dahinfährt und auf und ab schwankt, wird niemals militärisch brauchbar werden, da akrobatenhafte Geschicklichkeit, wie die Brüder Wright sie besitzen, nötig ist, einen solchen Apparat zu steuern.
Im gleichen Jahre tauchten dagegen in Frankreich bei einem Wettbewerb des Aero-Clubs schon Luftaufnahmen auf, teilweise als Kontrollmittel. Im gleichen Jahre erntete aber auch bei uns ein 15jähriger Luftbildpionier für seine "Jugend forscht" durch ein Missverständnis Ohrfeigen: Sein aus Pappe selbstgebauter und an einem Drachen befestigter Photoapparat war mit einer Zeitauslösung aus Gummiband und brennender Zigarette ausgestattet. Doch beim Anbrennen dieser "Lunte" erwischte ihn ein Lehrer und klebte ihn dem vermeintlichen Raucher eine. Der Luftphotograph war der spätere Raketenforscher Otto Nebel.

Doch der Fortschritt ließ sich nicht aufhalten, und das Kriegsministerium änderte seine Meinung: Im Jahre 1911 erfolgte die Aufstellung der Fliegertruppe. Alsbald begann auch ein Intelligenter Fliegeroffizier, der damalige Leutnant Carl Fink, auf eigene Faust Luftaufnahmen zu machen und Erfahrungen zu sammeln. Er fasste sie 1912 in einer Denkschrift zusammen, die in den Satz gipfelte: "Die Photographie muss zum Gemeingut der Beobachter und ihr vornehmlichstes Meldemittel werden!" Er war einer jener Idealisten, der spätere Generalmajor, der "Lufbildfink". Seine Bilder nannte er damals noch "Photobilder". Hochbetagt starb er 1969 in Karlsruhe und hat beglückt die grossen Triumphe seiner Idee noch erlebt. Er führte seine Kamera, eine eigene Deckrullo-Nettel, vor, zeigte seine Luftbilderergebnisse, und man sagte höheren Orts: "...alles schön und gut - hat aber wenig Aussicht, eingeführt zu werden. Die Versuche sind fortzusetzen, Kosten dürfen der Staatskasse nicht entstehen." Und das ungeachtet der Tatsache, dass gerade eben im Konflikt mit Italien und der Türkei der italienische Hauptmann Piazza dadurch Geschichte machte, dass er am 25. Februar 1912 türkische Stellungen aus einem wackeligen Eindecker - dem Blériots ähnlich - aufnahm und so die ersten Aufklärungs-Luftbilder im Kriege anfertigte.


Zuletzt bearbeitet von UHF51 am 30.04.2009 - 22:09, insgesamt 2-mal bearbeitet
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UHF51
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BeitragBeitrags-Nr.: 168783 | Verfasst am: 16.03.2009 - 14:10    Titel: Antworten mit Zitat

Wie wurde damals noch gearbeitet? Meistens mit einer Wechselkassette für sechs Glasplatten (ruck-zuck!), und die Glassplitter verursachten an den Händen Narben auf Lebenszeit. Die Kameras mussten um den Balgen oder statt dessen einen festen Tubus aus Holz haben, wurden sie doch aussenbords angebracht oder gehalten, wo bei der "rasenden Geschwindigkeit" von ca. 150 km/h ein steifer Fahrwind blies. Die Bildformate waren verschieden: 10 x 15 mit 21-cm-Objektiv, 13 x 18 mit 25-cm-Objektiv, später auch 10 x 10 mit 30-cm-Objektiv ("Strandhaubitze", diese schon mit Film). Die Rullo-Schlitzverschlüsse gingen bis 1/1000 sek. 1912 baute ZEISS-Jena die sog. Fink'sche Pistolenkamera, die Fink in seiner Versuchsstätte Döberitz entwickelt hatte. Mit all diesen Geräten konnten Senkrecht- und Schrägaufnahmen gemacht werden, und zwar über den Bordrand. Später wurden Senkrechtkameras auch in das Flugzeug mit Sicht durch den Boden eingebaut. Es ist aber kein Fliegerlatein, dass einmal ein Beobachter beim Durchsacken des Flugzeuges oben blieb, hinter seinem Sitz wieder in den - damals stoffbespannten - Flugzeugrumpf und so dennoch glücklich landete! Seitdem kam der Stehgurt auf, mit dem der Beobachter am Flugzeugboden festgehakt wurde und dadurch nicht mehr herausfallen konnte. Doch diese Bildgeräte hatten bei aller erstaunlichen Schärfe ihrer Bilder, beruhend auf der Güte der Goerz- und Zeiss'schen Objektive, noch einige grosse Mängel:
1.) Das Arbeiten mit Glasplatten, die schwer und zerbrechlich waren, war hinderlich und in der Aufnahmezahl beschränkt.
2.) Die Schlitzverschlüsse arbeiteten messtechnisch nicht verzerrungsfrei, daher keine Bildpläne herstellbar.
3.) Die Bildfolgen für Flächenaufnahmen mussten errechnet und von Hand belichtet werden.
4.) Grosser Platzbedarf der sperrigen, besonders der bis zu 80 cm langbrennweitigen Geräte in engen Flugzeugen.
5.) Geringe Empfindlichkeit unsensibilisierter, später nur orthochromatischer Emulsionen.
Aber letztlich als d a s Aufklärungs- und Meldemittel, wie Leutnant Fink es seit 1911 gefordert hatte, konnte sich das Luftbild auch bei uns erst im Ernstfall, hier im Ersten Weltkrieg, bewähren. Das Interessante ist hierbei, dass die ersten Militärflugzeuge ohne jede Bewaffnung nur für Aufklärungszwecke eingesetzt wurden. Wie "Alte Adler", z.B. Müller-Kahle und Haupt-Heidemarck erzählten, begegnete man sich in der Luft anfangs noch sehr ritterlich, begrüßte den Fliegerkameraden von der anderen Seite mit wippen des Flugzeugs und dachte gar nicht daran, ihm ein Leid zuzufügen. Erst später, als die Kriegssitten zunehmend verrohten, begann man sich mit der Pistole Mauser 08 (lang m. Anschlagkolben) oder gar mit der MPi 5 zu beschiessen. Die ersten Jagdflugzeuge wurden dann zur Abwehr der unangenehmen Aufklärung angesetzt (eine Parallele dazu: die heutigen (1976) Aufklärungs-Abwehr-Satelliten).
Ab 1915 gewann das Luftbild durch den Stellungskrieg dann zunehmend an Bedeutung. Verlauf und Ausdehnung der Schützengräben, die Artilleriestellungen und die Nachschubwege waren ja in keiner Karte eingedruckt. Bestand die Forderung der Führung bis dahin im Bewegungskrieg in Aufklärung von Truppenansammlungen, Marschbewegungen oder Zugverkehr durch Einzelaufnahmen, durch Schnappschüsse, so brauchte man nun vermehrt Flächenaufnahmen, Bildskizzen grösserer Ausdehnung. Das ging mit den bisherigen Geräten und ihrer sehr beschränkten Aufnahmezahl nur schlecht. So erfand Oskar M e ß t e r , der schon früher als genialer Konstrukteur von Kinogeräten (Malteserkreuz!) einen Namen gemacht hatte, den ersten Film-Reihenbildner (RB. 1), bei dem mit 35-mm-Kinofilm q u e r zur Flugrichtung gearbeitet wurde. Wie immer in Kriegen, so lief auch damals die Industrie auf vollen Touren. So konnte bald auch ein brauchbarer Fliegerfilm in Breiten von 6 bis 12 cm geliefert werden. Während 12-cm-Filme vorwiegend in Handkameras, und zwar in Längen von 25 m (= 250 Aufnahmen 10 x 10) verwendet wurden, benutzte Meßter in seinen bald verbesserten Reihenbildnern 6 cm breite Streifen in Längen von 24 bis 48 cm. Diese ergaben dann, mit etwas Überdeckung geflogen und aneinander "gepuzzelt", zusammenhängende Flächenaufnahmen. Eines dieser wenigen noch erhaltenen und sehr seltenen Bilder zeigt eine Zusammensetzung aus vier geflogenen Reihen und 112 einzelnen Filmstreifen quer zur Flugrichtung. Die Weisheit Ben Akibas: "Es ist alles schon einmal dagewesen!" erlebt auch beim Luftbild ein Kuriosum insofern, als unsere modernen Satelliten ihre Fotos ebenfalls in Streifen abtasten und zur Erde senden, und dass die Bildformate über 10 x 10 cm (1915), 18 x 18 cm (1934), 30 x 30 cm (1937), 23 x 23 cm (NATO) nun wieder bei 11,4 x 11,4 cm angekommen sind, wenn auch aus völlig anderen Gründen.
Welchen Umfang das Luftbildwesen zur damaligen Zeit schon angenommen hatte, mag daraus hervorgehen, dass mit 241 Meßter'schen Reihenbildern bis 1918 = 7.202.935 qkm Feindgelände gedeckt werden konnte. Von der Gegenseite, den Engländern, wurde bekannt, dass im März 1918 vor der grossen deutschen Somme-Offensive in einer einzigen Woche allein 10.441 Luftbilder aufgenommen wurden, und dass sie eine riesige Luftbildskizze von der gesamten Westfront besaßen, die durch Tausende von Einzelaufnahmen immer wieder auf dem neuesten Stand gehalten wurde.

Fortsetzung (Teil II/1977) folgt.
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Eierhals
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BeitragBeitrags-Nr.: 203550 | Verfasst am: 23.02.2014 - 04:06    Titel: Antworten mit Zitat

Ich grab diese "Leiche" mal aus. Eventuell ist das Thema doch noch von Interesse.

Dazu gabs zu DDR Zeiten ein interessantes Buch. Nannte sich "Die Piratenchronik" von Wolfgang Schreyer und hatte genau diese Luftspionage / Luftbildaufklärung von den Anfängen bis zum Zeitpunkt der Erstauflage Mitte der 1960ér Jahre zum Thema. Auch die Kameraentwicklung und die Möglichkeiten der Luftbildaufklärung war darin gut dokumentiert. Ging von den ersten Versuchen aus den Ballons über die fliegenden Augen des Oberst Nikolai des 1. Weltkrieges, vor allem aber die Flieger unter Rohwehls Kommando bis hin zu Moby Dick, dem Abschuss der U2 über Swerdlowsk und ähnlichen Vorfällen.

1967 folgte eine erweiterte und ständig aktualisierte Ausgabe nunmehr unter dem Namen "Augen am Himmel". aktuell ist die 68ér Version bei Amazon für knapp 10€ für den Kindle erhältlich.

Die Piratenchronik selber habe ich als Original im Schrank. Gibt auch recht interessante Bilder in diesem Buch.
Sicher ein Kind seiner Zeit, aber unheimlich informativ und gut geschrieben.
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niemandsland
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BeitragBeitrags-Nr.: 204158 | Verfasst am: 22.11.2014 - 11:36    Titel: Antworten mit Zitat

Mich würde die Entwicklung der Luftbildaufklärung mal im Vergleich zwischen den Alliierten und den Deutschen zwischen 1940 und 1950 interessieren. Es gibt einige Bücher zum Thema aus den USA und GB (bei Interesse poste ich ein paar Empfehlungen) aber eine wissenschaftliche Arbeit, die einen Vergleich zwischen den Alliierten und der Allianz aufstellt, kenne ich nicht. Auch interessiert mich, ob es während des kalten Krieges evtl. gemeinsame Projekte mit dem ehemaligen Feind gab. Mein Interesse endet jedenfalls an dem Punkt, wo Satelliten ins Spiel kommen.
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