Freikorpsformationen (Abzeichen), Freiw.Tr. im Baltikum uvm.
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UHF51
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BeitragBeitrags-Nr.: 195861 | Verfasst am: 17.07.2011 - 21:00    Titel: Antworten mit Zitat

Der Übertritt der »Eisernen Division« zur Russischen Westarmee
Die für die Männer der »Eisernen Division« irritierenden Ereignisse der nächsten Wochen sollen hier kurz skizziert werden, sie sind für den Fortgang der Dinge wesentlich. Am 26.08.1919 verlangte die OHL/General Goener die „unbedingte Unterwerfung“ der »Eisernen Division« und der »Deutschen Legion« unter die Anordnungen der Reichsregierung. Am 05.09.1919 verfügt die Berliner Regierung eine Sperrung der Grenzen zum Baltikum, und am 11.09.1919 wird auf Befehl des Rw.Ministers Gustav Noske gegen Kapitän z. See Siewert und Major Bischoff ein Kriegsgerichtsverfahren wegen „Beharren im Ungehorsam“ eingeleitet – es wird niemals abgeschlossen.
Am 21.09.1919 schließen Graf v. der Goltz und Fürst Awaloff-Bermondt einen Vertrag, der den militärischen Oberbefehl in Kurland der russischen Westarmee überträgt, es wird vereinbart:

1. Die russischen Truppen übernehmen den Abschnitt Mitau – Riga und schützen den Abtransport der deutschen Verbände.
2. Bei Angriffen auf die russischen Stellungen werden die deutschen Truppen Hilfe leisten.
3. Die deutschen Freiwilligen treten in russische Dienste und schließen entsprechende Dienstverträge mit der russischen Westarmee.
4. Das russische Oberkommando übernimmt das Gouvernement Mitau und das deutsche Heeresgut gegen Quittung.
5. Der russische OB verpflichtet sich, den politischen und militärischen Direktiven des weiß-russischen Rates in Berlin zu gehorchen.

Dieser Vertrag wird am 26.09.1919 vom Reichswehrminister Gustav Noske telefonisch anerkannt (Generalstab: Aktennummer 569). Drei Tage später erklärt derselbe Minister in einer öffentlichen Versammlung, er habe den Befehl gegeben, auf jeden Mann, der ins Baltikum will, zu erschießen. Am 03.10.1919 wird Graf v. der Goltz abberufen und die Führung des VI. Res.Korps übernimmt Generalleutnant v. Eberhardt. Und am 05.10.1919 verfügt die Berliner Regierung eine verstärkte Grenzsperrung für das Baltenland, die Entente verhängt erneut die Blockade der Ostsee.
Da treten am 06.10.1919 die »Eiserne Division«, die »Deutsche Legion« und das Freikorps Plehwe in den Dienst der russischen Westarmee unter folgender Vereinbarung:
1. Die deutschen Freiwilligenverbände bleiben unter Führung und Kommandogewalt deutscher Offiziere, sie tragen deutsche Uniformen und unterstehen deutscher Gerichtsbarkeit.
2. Die Freiwilligen verpflichten sich zum Kampf gegen den Bolschewismus bis zur Einsetzung einer neuen russischen Regierung, die die Anerkennung von mindestens drei Großmächten findet.
Damit ist der endgültige Schritt getan. Die Männer der »Eisernen Division«, die einst freiwillig antraten, um die heimatliche Grenze zu schützen und durch Siedlungsarbeit ein deutsches Kurland zu schaffen, sind nun zu Kämpfern gegen die Idee der bolschewistischen Weltrevolution geworden.

Vormarsch auf Riga
Während all dieser Ereignisse liegen die Männer der »Eisernen Division« in ihren Stellungen an der Eckau, schlagen sich im Vorfeld mit lettischen Patrouillen, im Hinterland mit bolschewistischen Banden herum; sie fahren in den Urlaub und betreiben eine intensive Gefechtsausbildung.
Das 1. Kurländische Infanterie-Regiment, das seit Juli 1919 die Sicherung der Bahnlinie Schaulen – Tilsit übernommen hatte, wird durch das Detachement Schauroth abgelöst und tritt in den Verband der Division zurück. Der von allen geschätzte 2. Gen.St.Offz. Hauptmann Guderian wird am 15.09.1919 abberufen und nach Kolberg befohlen. Aber Ende September trifft aus Deutschland kommend, die
»Eiserne Schar« des Fliegers sowie Träger des Pour le Merité Hauptmann Rudolf Berthold in Stärke von 700 Mann in Mitau ein und wird als III. Bataillon dem 2. Kurl. Inf.Rgt. zugewiesen.
Am 05.10.1919 erklärt Fürst Awaloff-Bermondt, der nun über 15.000 russ. und 40.000 dt. Soldaten verfügt, das gesamte lettische Staatsgebiet zur Operationsbasis der russischen Westarmee und ruft Letten und Litauer zum gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus auf. Während die Litauer bereit sind, gegen Garantie ihrer Selbstständigkeit am Kampf teilzunehmen, lehnt die Regierung Ulmanis jede Beteiligung Lettlands ab.
Im Gegenteil, die lettische Regierung, die bereits am 24.09.1919 Friedensverhandlungen mit Moskau aufgenommen hat, zieht bei Riga Truppen in Stärke von 15.000 Mann zusammen und bedroht damit die linke Flanke der zum Angriff auf Dünaburg bereitstehenden russischen Westarmee. Erste lettische Angriffe erfolgen gegen die Stellungen der »Eisernen Division« am 06. und 07.10.1919
Für Awaloff-Bermondt ergibt sich somit die militärische Notwendigkeit, die Flankenbedrohung auszuschalten und am 08.10.1919 erteilt er den Angriffsbefehl auf Riga. Es werden dafür drei Gruppen für diese Offensive gebildet:
1. Die »Deutsche Legion« unter Kapitän z. See Siewert soll über Kekkau auf Thorensberg vorgehen.
2. Die »Eiserne Division« unter Major Bischoff soll über Janson direkt auf Riga vorstoßen.
3. Das Korps Graf Keller unter Awaloff-Bermondt soll über Schlock auf Riga angreifen.
Den Schutz der rechten Flanke übernimmt die Brigade Wyrgolitsch, verstärkt durch mehrere deutsche Abteilungen.
Die Sicherung der linken Flanke fällt dem russischen Detachement Bilinski und einem Panzerzug zu.
Fortsetzung folgt.
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BeitragBeitrags-Nr.: 195991 | Verfasst am: 26.07.2011 - 12:40    Titel: Antworten mit Zitat

Die »Eiserne Division« tritt mit Kurländisches Infanterie-Regiment 2 auf der Rigaer Chaussee, Kurl. Inf.Rgt. 3 gegen Bonde und Kurl. Inf.Rgt. 1 gegen Schwarzenhof an. Als Div.Reserve bleiben das Kurländische Kavallerie-Regiment [Reiter-Rgt.] und das Jäger-Bataillon. Die Schwierigkeiten des Geländes sind bekannt, das Wetter miserabel – Regen und schneidender Ostwind – und der Gegner sitzt in stark ausgebauten Stellungen.
Die »Deutsche Legion« nimmt nach härtestem Kampf Kekkau ein, das Bataillon Berthold kann Janson nehmen und das Kurl. Inf.Rgt. 3 unter Hauptmann Kiewitz erstürmt das Gut Rudse. In der Nacht wird Berthold bei Thüringshof in Rücken und Flanke von einem lettischen Panzerzug und Tanks angegriffen, er kann die Umklammerung westwärts durchbrechen, muss aber 27 Verwundete und einen Sanitäts-Unteroffizier zurücklassen. Alle 28 Freiwilligen werden von dem fanatisierten Gegner verstümmelt und dann mit einem Schmiedehammer erschlagen.
Am 09.10.1919 gruppiert die »Eiserne Division« um, I./Kurl. Inf.Rgt. 1 sichert bei Schwarzenhof, Kurl. Inf.Rgt. 2 besetzt Janson und am rechten Flügel treten II. und III./Kurl. Inf.Rgt. 3 zusammen mit dem Jäger-Btl. und dem 1. russ. Schützen-Regiment zum Angriff auf Thorensberg an. Am Abend dieses Tages dringt das II./Kurl. Inf.Rgt. 3 und das Badische Sturm-Bataillon unter Rittmeister Krauße d’Avis in die Rigaer Vorstadt ein.
Am 10.10.1919 ist Thorensberg in deutscher Hand und die Verbände der »Eisernen Division« und der »Deutschen Legion« stehen bereit zum entscheidenden Sturm auf die Dünabrücken und nach Riga hinein. Auf dem linken Flügel haben die Russen inzwischen die große Insel zwischen Bolderaa und Dünamünde besetzt, damit ist das gesamte Westufer der Düna im Besitz der russischen Westarmee. Das operative Ziel des Angriffs, Riga, liegt greifbar nahe, und mancher Freiwillige der »Eisernen Division« wird sich an den 22.05.1919 erinnern, als er gemeinsam mit den Balten diese deutsche Stadt erstürmte.

Abwehrkämpfe an der Düna
Während die 11./Kurl. Inf.Rgt. 1 die Lübecker-Brücke überschreitet und ihre Gruppen sich am östlichen Dünaufer festsetzen, jagt Bischoff Melder zu allen im Kampf stehenden Einheiten und befiehlt die Einstellung des Angriffs. Auch die tapfere 11. Kompanie des Leutnants v. Borries wird auf das westliche Ufer der Düna zurückbeordert. Die Freiwilligen, das ersehnte Ziel ihres Kampfes vor Augen, begreifen diesen Befehl nicht, fluchen auf die „höhere Führung“ und gehorchen. Der aus sicherem militärischem Instinkt erteilte Befehl des Kommandeurs der »Eisernen Division« wird sich schon wenige Tage später als richtig erweisen. Die Gründe für diesen Haltebefehl liegen im politischen wie auch im taktischen Bereich, d.h.:

1. Der politische Grund ist darin zu sehen, dass man unter allen Umständen vermeiden muss, mit einer Eroberung Rigas die Souveränität Lettlands in Frage zu stellen, indem das Land praktisch dem weiß-russischen Staatsrat unterstellt wird. Dieses wäre ein Grund für die Entente einzugreifen. Die lettische Regierung soll durch den Vormarsch auf Riga lediglich zum Zusammengehen mit der russischen Westarmee veranlasst werden.
2. Die militärische Überlegenheit geht davon aus, dass der Besitz Rigas nicht entscheidend ist für die geplanten Operationen nach Russland hinein. Das Halten einer Frontlinie ostwärts von Riga ist mit den z. Zt. vorhandenen Kräften nicht möglich. Der gesamte Nachschub muss dann über Rigas Brücken geführt werden, die durch erneutes Eingreifen der englischen Flotte – wie derzeit im Juli 1919 – äußerst gefährdet sind. Dagegen bildet das Westufer der Düna eine günstige Verteidigungslinie, die mit den vorhandenen Kräften leicht zu halten ist und in der man die weitere Entwicklung abwarten kann.

Das 1. russ. Schützen-Regiment unter General v. Bilinski erstürmt im Nordabschnitt am 12.10.1919 Dünamünde. Doch schon am 14.10. kann der Gegner den russischen Freiwilligen die Insel Dalen entreißen, und erst ein Gegenstoß des Jäger-Bataillons unter Oberleutnant Büchner bereinigt diesen Einbruch.
Fortsetzung folgt.


Zuletzt bearbeitet von UHF51 am 26.07.2011 - 22:32, insgesamt einmal bearbeitet
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BeitragBeitrags-Nr.: 196003 | Verfasst am: 26.07.2011 - 22:30    Titel: Antworten mit Zitat

Während dieser Kämpfe macht sich schon ein empfindlicher Mangel an Munition, Gerät sowie Sanitätsmaterial bemerkbar, denn am 10. Oktober 1919 hat die Berliner Regierung die Grenzsperre verschärft, und es kommt praktisch kein Nachschub aus Deutschland mehr ins Baltenland.
Am 19.10.1919 werden Bischoffs Befürchtungen bittere Wahrheit, ein englischer Flottenverband mit 9 Kriegsschiffen unter lettischer Flagge und dem Befehl des britischen Admirals Cowan erscheint in der Dünamündung, eröffnet das Feuer auf Bolderaa und Dünamünde, so dass jetzt die angreifende lettische Infanterie Dünamünde einnehmen kann. Zur gleichen Zeit beschießen englische Kriegsschiffe bei Libau die Stellungen des Freikorps v. Plehwe, dessen Kompanien bereits einen Teil der Stadt eingenommen haben.
Unter dem Schutz der britischen Schiffsartillerie verstärken die Letten an der gesamten Dünafront ihre Angriffe, und auch im Südabschnitt greifen jetzt plötzlich sowjetrussische und litauische Regimenter die Stellungen der »Deutschen Legion« an. So fällt am 20.10.1919 bei Friedrichsstadt Rittmeister v. Jena, und am gleichen Tag zerschlagen die Abteilungen Brandis, Diebitsch bei Raszilwilitschki 3 Bataillone der Litauer, die sich zum Angriff auf die Bahnlinie Schaulen – Memel bereitstellten.

Die Räumung des Baltenlandes
Die im Nordabschnitt der Front eingesetzten weiß-russischen Verbände werden immer weiter nach Westen abgedrängt, so dass der linke Flügel der »Eisernen Division« umfasst wird. Ein vom Jäger-Bataillon am 10.11.1919 vorgetragener Gegenstoß wirft zwar den Gegner zurück, bleibt dann aber im konzentrischen Feuer der englischen Schiffsgeschütze liegen. So entschließt sich Major Bischoff zur Aufgabe von Thorensberg und zur Rücknahme der »Eisernen Division« in den Raum um Mitau. Noch einmal wird die Lage prekär, als in der Nacht zum 12.11.1919 das III./Kurl. Inf.Rgt. 2 unter Hptm. Berthold in Thorensberg abgeschnitten wird, doch ein energischer der MG-Kompanie und der Radf.-Kompanie der Abteilung Roßbach zerschlägt den feindlichen Einschließungsring.
Die »Freiwillige Sturmabteilung Roßbach« unter der Führung des Oberlt. Gerhard Roßbach hatte am 31.10.1919 gegen den Befehl des Rw.Ministers mit 1.200 Mann bei Tauroggen die Grenze überschritten. Da man Roßbach die Gestellung von Eisenbahnwaggons verweigert, muss die Truppe im Fußmarsch an die Front gebracht werden und kommt für einen Gegenangriff bei Dünamünde – wie er von Major Bischoff geplant war – zu spät. Doch können die Roßbach’schen Kompanien die Absetzbewegungen der »Eisernen Division« wirkungsvoll decken.
Bei Mitau sammelte Bischoff die Verbände der »Eisernen Division«, die Männer sind am Ende ihrer physischen Kräfte, und auch die psychische Verfassung ist durch diesen 2ten Rückzug auf einem Tiefpunk angekommen. Nur die gemeinsame Not und die Treue zu ihrem Kommandeur halten die Kompanien und Bataillone noch unter der schwarzen Fahne der »Eisernen Division« zusammen. Und der siegestrunken nachdrängende Gegner bekommt den Trotz der Freiwilligen noch mehrfach zu spüren. Am 18.11.1919 wirft ein Angriff der Roßbacher die Letten bis nach Olai zurück, am folgenden Tag kann das Jäger-Bataillon im Nahkampf die Stadt Alt-Auz zurückerobern. Doch die Fortführung des Kampfes im Rahmen der sich schon auflösenden russischen Westarmee ist aussichtslos geworden. und so unterstellt Bischoff am 20.11.1919 die »Eiserne Division« wieder der Befehlsgewalt des Generalkommandos VI und beschließt die Räumung von Kurland.
Auch die auf dem Südabschnitt stehende »Deutsche Legion« muss sich der Absetzbewegung anschließen; bei Zoden fällt noch am 16.11.1919 ihr Führer, der Käpitän zur See Siewert, das Kommando übernimmt Major Loewenfeld. Während die Verwundeten und zahlreichen baltischen und deutschen Flüchtlinge per Bahn abtransportiert werden, gehen »Eiserne Division« und »Deutsche Legion« in 3 Marschkolonnen auf die ostpreußische Grenze zurück. Zur Sicherung der Bahntransporte treten am 03.12.1919 das Jäger-Bataillon sowie Kurl. Inf.Rgt. 2 und 3 zu einem Entlastungsangriff bei Okmjany an, welcher die lettischen Regimenter weit zurückwirft.
Am 12.12.1919 überschreitet der Stab der »Eisernen Division« bei Memel die Reichsgrenze, die Nachhut der »Eisernen Division« trifft am 25.12. hier ein, und die letzten Einheiten der »Deutschen Legion« betreten in der Neujahrsnacht 1919/20 deutsches Reichsgebiet. So sammeln sich 5.800 Freiwillige der »Eisernen Division« in Ostpreußen, denen Major Bischoff in seinem Tagesbefehl vom 31.12.1919 bekannt gibt, dass ein weiterer geschlossener Einsatz der Division nicht mehr möglich ist und die Truppe somit aufgelöst wird. Die Kavallerie und Artillerie wird nach Munster Lager verlegt, die Infanterie und alle anderen Einheiten kommen zur Demobilisierung in den Raum zwischen Weser und Elbe.
So endet nun das Bestehen eines der schlagkräftigsten und erfolgreichsten Freiwilligenverbandes der deutschen Nachkriegszeit. Die Männer der »Eisernen Division« aber wird man immer in vorderster Front in den Kämpfen der kommenden Jahre sehen. Am 15.03.1920 fällt in Harburg der Pour le Merité-Flieger und Kommandeur des II./Kurl. Inf.Rgt. 2 Hauptmann Rudolf Berthold; am 23.03.1919 zerschlägt der Rest des Kurländischen Infanterie-Regiment 3 unter Hauptmann Kiewitz bei Henningsdorf ein kommunistisches Bataillon in Stärke von 450 Mann.
Das Schlusswort dieser Darstellung bleibt dem Kommandeur der »Eisernen Division«, Major Bischoff, vorbehalten:
„Mag die Geschichte der Eisernen Division, ihre Gründung, ihren Kampf und ihr Ende ein Abenteuer nennen, es war der letzte und heroische Versuch, mit der Waffe in der Hand das deutsche Nachkriegsschicksal zu wenden, ehe es sich vollendete.“

Gruß Uwe2
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BeitragBeitrags-Nr.: 196593 | Verfasst am: 16.09.2011 - 11:41    Titel: Brigade Ehrhardt Antworten mit Zitat

Die Brigade Ehrhardt
Vom Kampf der 2. Marine-Brigade „Wilhemshaven“ 1919-1921

Revolte in Wilhelmshaven

Der 20. Oktober 1918 ist durch zwei Ereignisse bedeutungsvoll für die Geschichte des Ersten Weltkrieges: Kaiser Wilhelm II. vollzieht die vom Reichskanzler Prinz Max von Baden geforderte Verfassungsänderung; damit geht die Oberste Kriegsleitung vom Kaiser auf einen parlamentarischen Kriegsrat über; der Monarch bleibt nur noch nominell Oberster Kriegsherr der deutschen Streitkräfte.
Zur gleichen Stunde erlässt der Chef der Hochseeflotte, Admiral Franz Ritter v. Hipper, an seine 3 Geschwader den Befehl, nach beendeter Kohlenübernahme am 29. Oktober 1918 auf Schilling-Reede vor Wilhelmshaven zum auslaufen zu sammeln. In Übereinstimmung mit der Obersten Heeresleitung ist der Kampfeinsatz der Hochseeflotte in dem flandrischen Seegebiet geplant. Die Aufgabenstellung ist wie folgt: Entlastung der in Flandern kämpfenden deutschen Divisionen durch Beschießung gegnerischer Stellungen und Versammlungsräume; Sperrung der Nachschubwege von England nach Flandern; Bekämpfung der britischen Flotte.
Als sich die Geschwader am 29.10.1918 bei Schilling-Reede versammelt haben und zum auslaufen klarmachen sollen, bricht auf den Schiffen offene Meuterei aus. Besatzungen der Linienschiffe und Kreuzer weigern sich ihre Gefechtsstationen zu besetzten; auf »Helgoland« und »Thüringen« werden von der aufgehetzten Mannschaft die Feuer der Kessel gelöscht, die Ankerspills beschädigt und die Schiffsbeleuchtungen zerschlagen. Die sozialistischen und spartakistischen Aufwiegler haben den Mannschaften vorgelogen, die Offiziere wollen angesichts der drohenden Niederlage die Flotte in einer sinn- und aussichtslosen Seeschlacht opfern, damit die Ehre der Offiziere rein bleibt.
Angesichts dieser Ereignisse beschließt Admiral v. Hipper eine Verschiebung des Termins zum Auslaufen, um erst einmal die Meuterei niederzuschlagen. Am 31.10.1918 werden durch eine Kompanie Seesoldaten auf den Linienschiffen »Helgoland«, »Thüringen« und »Markgraf« ca. 600 Meuterer verhaftet, während Torpedoboote und U-Boote mit schussbereiten Torpedorohren die Aktion sichern. Doch in Anbetracht der bereits erfolgten Zerstörungen und des Ausmaßes der Widersetzlichkeiten gibt die Führung der Hochseeflotte die gesamte Aktion auf und meint, durch Trennung der Geschwader die Ordnung auf den Schiffen schnell wieder herstellen zu können. So wird das III. Geschwader nach Kiel verlegt, wo es am 03. November 1918 den Anstoß zur Revolution gibt, die dann am 06. November auch in Wilhelmshaven ausbricht.

Die Aufstellung der 2. Marine-Brigade

Wilhelmshaven wird von der Revolution erschüttert; Mehrheitssozialisten und Unabhängige Sozialisten (MSPD/USPD), Spartakisten und Anarchisten raufen um Macht und Beute. Im Januar 1919 schwingt sich der Obermatrose Kuhnt zum »Präsidenten der Republik Oldenburg-Ostfriesland« auf und setzt sich mit seinen Genossen in Wilhelmshaven in der Kaserne der II. Werft-Division – der sogen. 1000-Mann-Kaserne – fest. Die von den Fahrten zur Auslieferung der deutschen Kriegsschiffe an Großbritannien zurückkehrenden Offiziere und Mannschaften haben sich das Revolutionstreiben bisher nur angewidert betrachtet, doch jetzt reicht ihnen die zur Schau getragene Würdelosigkeit der roten Genossen. Unter der Führung des Korvettenkapitäns Hermann Ehrhardt – zuletzt 1. Offizier des Kleinen Kreuzers »Graudenz« – bilden sich am 27. Januar 1919 einige Stoßtrupps, die nach kurzem Schusswechsel die 1000-Mann-Kaserne in Besitz nehmen und die Spartakisten zum Teufel jagen.
Auf Befehl der Reichsregierung Ebert/Noske rücken in der zweiten Februarwoche 1919 die Freiwilligen-Division des Oberst Wilhelm Gerstenberg und die 1. Marine-Brigade unter Generalmajor v. Roden in Wilhelmshaven ein und stellen einigermaßen geordnete Verhältnisse her. Da diese Regierungstruppen jedoch bald wieder abrücken müssen, um in anderen Landesteilen des von Aufständen geschüttelten Reiches einzugreifen, beschließt KKpt. Ehrhardt die Aufstellung eines eigenen Freiwilligen-Detachements. So erfolgt am 17.02.1919 die Gründung der 2. Marine-Brigade »Wilhelmshaven«. Eine 3. Marine-Brigade stellt in Kiel der Fregattenkapitän v. Loewenfeld auf.
Dem ersten Aufruf Ehrhardts folgen 367 Seeoffiziere, Deckoffiziere, Kadetten und Mannschaften, die unter Kapitänleutnant Eberhard Kautter den Stamm des 3. Marine-Regiments bilden. Kurz entschlossen besetzen die Freiwilligen die Kaserne des II. Seebataillons, hissen die alte Reichskriegsflagge und verstärken sich laufend durch aktive Werbung. Ehrhardt erklärt allen Freiwilligen: „Bei uns bedeutet Sozialismus Arbeit und Ordnung! Darum haben wir auch keine Soldatenräte!“ Eine Vereidigung der Truppe auf die Republik erfolgt nicht.
Als Ende Februar 1919 ca. 1 000 freiwillige Brigadiere beisammen sind, gibt die Reichsregierung die endgültige Genehmigung zur Aufstellung der Truppe und schickt Anweisungen auf Sold, Verpflegung und Gerät für das 3. Marine-Regiment, das jetzt von Korvettenkapitän Werber geführt wird. Als schlagkräftige Reserve der Brigade hat Kapitänleutnant Witschetzky eine Sturmkompanie errichtet, die ausschließlich aus Offizieren, Fähnrichen und Kadetten besteht. Am 06. März 1919 übernimmt die Führung der Sturm-Kp. der Leutnant Hermann Reinhardt und es zeugt von dem Geist der Freiwilligen, dass sich altgediente Kapitänleutnants dem Befehl dieses aus dem Mannschaftsstand hervorgegangenen Westfrontkämpfers unterstellen.

Fortsetzung folgt.
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BeitragBeitrags-Nr.: 196611 | Verfasst am: 17.09.2011 - 12:48    Titel: Antworten mit Zitat

Der Kapitän

Bevor wir den Weg der 2. Marine-Brigade weiter verfolgen, sehen wir uns deren Führer an. Hermann Ehrhardt stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus in Weil (Baden) und durchlief die harte Ausbildung zum kaiserlichen Seeoffizier. Als Leutnant z.S. kämpft er freiwillig in Deutsch-Südwestafrika unter Oberstleutnant v. Estorff; frühzeitig kommt er zur Torpedobootswaffe und erhält schon als Oberleutnant z.S. ein eigenes Boot. Seine Passionen sind die Seefahrt und die Jagd. Im Kreis der Kameraden hat er den Namen »der rote Ehrhardt«, aber beileibe nicht, weil er etwa von der Gedankenblässe liberaler oder sozialistischer Ideen angekränkelt wäre – nein, der Wikingerführer „Eric der Rote“ stand Pate bei dieser »Namensgebung«. Im Jahr 1912 ist er Kapitänleutnant und Referent an der Torpedoversuchsanstalt in Kiel; bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges führt Ehrhardt in der Ostsee ein T-Boot; 1915 ist er Führer einer Halbflottille bei der Unternehmung gegen Libau und erhält hier das Eiserne Kreuz. Von Flandern aus fährt er seine Einsätze gegen Dover und die Themsemündung; in der Skagerrakschlacht am 31. Mai 1915 führt er die IX. Torpedoboots-Flottille¹. Sein Boot »V27« wird schwer getroffen und muss gesprengt werden; von einem anderen Boot aus führt Ehrhardt noch zwei Angriffe gegen die englische Schlachtflotte.
Als Korvettenkapitän kommt er 1917 als Admiralstabsoffizier zu seinem alten Kampfgefährten, General v. Estorff, nach Libau, wo er das Landeunternehmen auf die Inseln Oesel, Dagö und Moon mit vorbereitet. Das letzte Kriegsjahr sieht ihn wieder als Flottillenchef in Flandern; mit seinem Führerboot rammt er im September 1918 das englische U-Boot 210 und versenkt es. Kurz vor Kriegsende wird er 1. Offizier auf dem Kleinen Kreuzer »Graudenz«, den er in Scapa Flow den Engländern ausliefern muss. General v. Estorff, der Ehrhardt recht gut kannte, gibt folgendes Urteil über ihn ab: „Ein Mann der entschlossenen, rücksichtslosen Tat, spartanisch einfach und anspruchslos!“

¹ Vgl.: Georg v. Haase, »Der Sieg der deutschen Hochseeflotte am 31. Mai 1916«, S. 123
IX. Torpedobootsflottille: Chef: KKpt. Goehle (V 28 KptLt. Lenssen);
17. T-Halbflottille: Chef: Kpt.Lt. Ehrhard (V 27 OLt. z.S. Buddecke);
18. T-Halbflottille: Chef: KKpt. W. Tillessen (V 30 OLt. z.S. Ernst Wolf).


Odyssee durch das Reich

Für die 2. Marine-Brigade beginnt nun eine Heerfahrt kreuz und quer durch das Deutsche Reich, und es ist erstaunlich feststellen zu können, dass trotz des dauernden Ortswechsels noch immer Neuaufstellungen und Eingliederungen erfolgreich vorgenommen werden. Am 13. März 1919 besetzt die Brigade Jever, vom 19. – 29.03.1919 stehen die Männer Ehrhardts in Hude; hier werden das 4. Marine-Regiment unter Major v. Puttkamer und die Feldartillerie-Abteilung unter Major Hederich aufgestellt; ferner ernennt der Kapitän hier den Hauptmann Regenauer zum 1. Generalstabsoffizier der Brigade.
Anfang April 1919 ist die Brigade auf dem Tr.Üb.Pl. Jüterbog/Altes Lager versammelt und wird dem Garde-Kavallerie-Schützenkorps des General v. Hoffmann unterstellt.
Das 3. Marine-Regiment sichert seit dem 13.04.1919 in Berlin den Südwesten, d.h. die Stadtteile Wannsee, Schmargendorf und Neubabelsberg. Doch schon am 15.04. heißt es wieder marschieren; im Rahmen des »Freiwilligen Landesjägerkorps« des Generalmajor Ludwig Maercker werden die Marine-Regimenter nach Mitteldeutschland geworfen, wo am 17.04.1919 Braunschweig und am 24.04.1919 Saalfeld und Rudolstadt ohne größere Kampfhandlungen besetzt werden.
In der Nacht von 29./30.04.1919 wird die Brigade zum Einsatz gegen die Räteherrschaft in München verladen. Die Truppe ist jetzt ca. 3 000 Mann stark und wird der Kampfgruppe des Oberst Detjen zugeteilt. Nach der Ausladung in Oberschleißheim geht das 4. Marine-Regiment unter Major v. Puttkamer auf der Line Oberschleißheim – Milbertshofen – Neu-Freimann vor; KKpt. Werber mit dem 3. Marine-Regiment, der Sturm-Kp. und der 1. Batterie rücken auf der Strasse Oberschleißheim – Lustheim – Feldmoching gegen die bayerische Hauptstadt vor. Die Brigade-Reserve unter Major Hederich, bestehend aus 1./3. Marine-Regiment, Feldartillerie-Abteilung ohne 1. Batterie und Stab folgt dem 3. Marine-Regiment; die Bagage (Tross) führt Kapitänleutnant Schuster; die Parole lautet: »Hubertus«.
Als Kapitän Ehrhardt die Meldung vom Geiselmord im Münchener Luitpold-Gymnasium erhält, gibt er unverzüglich den Befehl zum Vorstoß in die Stadt, um weitere Mordtaten zu verhindern. Die gesamten Einsatzkräfte schließen sich dem Vorgehen der 2. Marine-Brigade an. Die Kompanien haben harte Kämpfe am Hauptbahnhof, Sendlinger Tor und am Stachus zu bestehen. In der Schommerstrasse kann eine Gruppe der Sturm-Kp. unter Oberleutnant z.S. Heinrich Tillessen ein 10,5 cm-Geschütz erbeuten. Mit Artillerieeinsatz gelingt es, die Pionierkaserne einzunehmen.
Die Verluste allein der Sturmkompanie betragen für die Zeit vom 01.05. – 03.05.1919 vier Tote und sechs Verwundete. Die Brigade erbeutet in diesem Zeitraum 2 Geschütze, 43 s.MG und 80 l.MG, 4 000 Gewehre und 12 000 Handgranaten. Am 16. Mai 1919 besichtigt der Befehlshaber der Regierungstruppen, Generalleutnant Burghard v. Oven, die 2. Marine-Brigade auf der Theresienwiese und spricht ihr den Dank der Reichsregierung aus.
Am 23./24.05.1919 wird die »Brigade Ehrhardt«, wie sie sich nach ihrer Feuertaufe nennt, nach Zossen bei Berlin verlegt. Hier erreicht die Männer die Nachricht, von der Selbstversenkung der deutschen Flotte unter Admiral v. Reuter bei Scapa Flow – 5 Schlachtkreuzer, 10 Linienschiffe und 46 Torpedoboote gingen mit wehender Kriegsflagge auf den Grund des Meeres. Dieses Ereignis ist für den Geist innerhalb der Brigade von entscheidender Bedeutung; Stolz und Trauer prägen in diesen Tagen die Gefühle der jungen Freiwilligen in eine das Leben verachtende Daseinsform.
Als am 27. Juni 1919 ein groß angelegter Eisenbahnerstreik ausgerufen wird, entsendet der Reichswehrminister Gustav Noske auch die 2. und 3. Marine-Brigade in die Reichshauptstadt zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Nach gütlicher Beilegung des Streiks am 02. Juli 1919 geht es zurück nach Zossen, doch schon am 17. Juli 1919 rücken die Freiwilligen erneut in Berlin ein, weil die Regierung einen neuen Spartakistenaufstand befürchtet. Die Sturmkompanie besetzt das Schloss und hisst hier die alte Reichskriegsflagge. Die anderen Einheiten der Brigade Ehrhardt sichern das Regierungsviertel und die Reichsbank. Der Reichswehrminister Noske verlangt von Kapitän Ehrhardt das Niederholen der Flagge auf dem Schloss, worauf Ehrhardt den folgenden Tagesbefehl erlässt:

Fortsetzung folgt.


Zuletzt bearbeitet von UHF51 am 18.09.2011 - 15:35, insgesamt 2-mal bearbeitet
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BeitragBeitrags-Nr.: 196614 | Verfasst am: 17.09.2011 - 17:28    Titel: Antworten mit Zitat

Ich lese hier immer sehr interessiert mit.
Eine bewegte Epoche mit gravierenden Umwälzungen, die eigentlich viel zu stiefmütterlich behandelt wird.
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BeitragBeitrags-Nr.: 196615 | Verfasst am: 17.09.2011 - 18:54    Titel: Antworten mit Zitat

2. Marine-Brigade
(Wilhelmshaven)
Ia B. Nr. 155/19
Brig.St.Qu., den 21. Juli 1919
S o n d e r b e f e h l
Die Truppe hat aus freien Stücken auf dem Schloß als dem Brigade-Stabsquartier die Kriegsflagge gesetzt. Darauf kam eine Deputation der sozialistischen Studenten, ein Vertreter des Finanzministeriums, dem das Schloßgebäude untersteht, Vertreter der Kommandantur und verlangten die sofortige Niederholung der Flagge bezw. die Hissung einer schwarz-rot-goldenen. Ich habe die Niederholung vor Flaggenparade abgelehnt und nehme an, daß ich damit im Sinne der Truppe gehandelt habe. Einige Vertreter versuchten, die lang vorbereiteten Umzüge, die die Brigade mit der Waffe zerstreuen mußte, auf das Hissen der Flagge zu schieben. Ich habe diesen Leuten das Lächerliche dieser Ansicht beweiskräftig auseinandergesetzt. Tatsächlich haben die Demonstranten von der Flagge überhaupt keine Notiz genommen.
Der Befehl bei Belagerungszustand lautet, daß Demonstrationszüge und Versammlungen unter freiem Himmel im Weichbild der Stadt verboten sind. Es genügt aber nicht, wenn solche Umzüge lediglich beim Passieren der besetzten Gebäude und Straßen mit Gewalt verhindert werden, so daß die Züge einfach abziehen und anderweitig demonstrieren. Diese Züge sind zu stellen, aufzusuchen und zu zerstreuen, wenn sie einigermaßen im Bereich der Regimenter liegen. Ich erwarte hierin tatkräftiges Handeln der Kommandeure. Die umziehende Masse darf den Kommandeuren das Handeln nicht aufzwingen.

gez. Ehrhardt

Eine neue Aufgabe ruft die Brigade Ehrhardt in die deutsche Provinz Oberschlesien, die von polnischen Freischaren immer wieder ins Chaos gestürzt wird. Am 23. August 1919 werden die 2. und 3. Marine-Brigade dem Kommando der Reichswehrbrigade 32 unterstellt und nach Oberschlesien verlegt. Der Brigadestab nimmt in Schloss Rauden Quartier, das dem Fürsten Victor v. Hohenlohe-Schillingsfürst gehört, während Marine-Regiment 3 in Cosel und Marine-Regiment 4 in Ratibor unterzieht. Doch lange dauert der Kleinkrieg gegen die polnischen Insurgenten nicht; schon am 02. Oktober 1919 wird die Brigade wieder in die Nähe der Reichshauptstadt zurückgerufen, weil Noske mal wieder einen Spartakistenaufstand befürchtet. Die Marine-Regimenter werden in Karlshorst untergebracht, und hier übernimmt am 26. Oktober 1919 der Kapitänleutnant Manfred v. Killinger die Führung der Sturmkompanie, der jetzt eine lei. Begleit-Batterie unter Leutnant Aust beigegeben wird. Am 09. November 1919 tritt die 2. Marine-Brigade vor dem Bismarckdenkmal in Karlshorst an und legt in feierlicher Form Kränze nieder. Die Gedenkrede zum Jahrestag der deutschen Niederlage und Revolution hält OLt. z.S. Tillessen – sie ist eine einzige Anklage gegen die feige Haltung der Regierung hinsichtlich der in Versailles proklamierten Alleinschuld Deutschlands am Kriege und in der Frage der Auslieferung sogen. Kriegsverbrecher.

Im Strudel der Politik

Es ist hier nicht die Aufgabe, Hintergründe und politische Strömungen aufzuzeigen, die den Kapp-Putsch vorbereiteten und letztlich zur Durchführung brachten. Hier interessiert in erster Linie die Frage, wie kam die Brigade Ehrhardt in den Strudel der Ereignisse und wie hat sie die ihr gestellten militärischen Aufgaben gelöst. Es beginnt mit einer Kette von Ereignissen, die den Männern unver- ständlich sind und in ihnen die Befürchtungen wachrufen, die Regierung wolle der Reichswehr und vor allem den Freikorps ihre bewährten Führer nehmen, um die Truppen dann leichter nach Gutdünken der sozialistischen Minister verwenden oder auflösen zu können. Schon am 28. Juni 1919 legte GFM Paul v. Hindenburg sein Amt als Chef der OHL nieder; am 30. Juni 1919 erbittet auch der 1. Generalquartiermeister, Gen.d.Inf. Wilhelm Groener, seinen Abschied. Gleichzeitig wird von der Reichsregierung das Baltikum-Unternehmen aufgegeben. Am 03. Oktober 1919 wird der Befehlshaber der deutschen Truppen in den Ostseeprovinzen, Gen.Maj. Rüdiger Graf v. der Goltz, abgesetzt, und am 14. November 1919 erfolgt die Verabschiedung des hochbewährten Kommandanten von Berlin und Führers der 2. Garde-Infanterie-Brigade, Oberst Wilhelm Reinhard, letztere Maßnahme wird durch einen Antrag des SPD-Abgeordneten Philipp Scheidemann ausgelöst und erbittert die Truppe ganz besonders; so kommt sie ohne es eigentlich zu wollen in eine politische Anti-Regierungs-Haltung.
Seit dem 23. Januar 1920 liegt die 2. Marine-Brigade im Lager Döberitz bei Berlin, ohne dass den Männern besondere Kampfaufgaben zugewiesen wurden.
Am 30.01.1920 überträgt Reichspräsident Friedrich Ebert die vollziehende Gewalt im Reich den beiden Gruppenbefehlshabern der Reichswehr:
Gruppenkommando I Nord – Gen.d.Inf. Walther Frhr. v. Lüttwitz / Berlin,
Gruppenkommando II Süd – Gen.Lt. v. Schoeler / Kassel.
Die Regierung befürchtet für das Frühjahr 1920 Unruhen sowohl von links wie auch von rechts. Außerdem will die Regierung die Verantwortung für die Vorgesehenen Verminderungen von Heer und Flotte den militärischen Befehlshabern zuschieben.
Gemäß dem Friedensdiktat von Versailles muss das Heer bis zum 01.04.1920 auf 200 000 Mann und bis zum 01.07.1920 auf 100 000 Mann Ist-Stärke herabgesetzt werden. So erhält auch Kapitän Ehrhardt Mitte Februar 1920 den Befehl des Reichswehrministers, die Vorbereitungen zur Auflösung der 2. Marine-Brigade anlaufen zu lassen. Ihm selbst biete Noske eine Weiterverwendung in der neuen Reichsmarine an. Dieses Angebot lehnt Ehrhardt ab mit dem Hinweis auf seine persönliche Verantwortung für die Versorgung seiner Männer und mit der Berufung auf seinen dem deutschen Kaiser geleisteten Treueid – der neuen Regierung wurde seitens der Brigade niemals ein Eid geleistet.
Zum einjährigen Bestehen der Brigade findet am 01. März 1920 in Döberitz eine Parade statt. In seiner Ansprache erklärt General v. Lüttwitz: „Ich werde es nicht dulden, daß mir eine solche Kerntruppe in gewitterschwüler Zeit zerschlagen wird!“ Die Männer der 2. Marine-Brigade jubeln und werden in ihrer negativen Einstellung zur Reichsregierung bestärkt. Natürlich bleibt der Regierung die feindselige Einstellung der Brigade Ehrhardt nicht verborgen, und so erlässt der Reichswehrminister am 10. März 1920 eine Anordnung, womit die Brigade dem Befehl des Gruppenkommando 1 entzogen wird; sie soll jetzt als Marinetruppe dem Chef der Marineleitung, Admiral v. Trotha, unterstellt werden. Doch was kümmert dies noch die Brigadiere, denn am gleichen Tag wird bekannt, dass General v. Lüttwitz folgende Forderungen an die Reichsregierung gestellt hat:
1. Einstellung aller Entlassungen beim Heer.
2. Ablösung des Gen.Lt. Walther Reinhardt als Chef der Heeresleitung und Ersetzung durch General v. Wrisberg.
3. Die 2. Marine-Brigade bleibt unter dem Befehl des Gruppenkommandos 1.
4. Auflösung der Nationalversammlung, Ausschreibung von Neuwahlen zum Reichstag und direkte Wahl des Reichspräsidenten durch das Volk.
5. Berufung von Fachministern für alle Ressorts.
Damit hat Lüttwitz praktisch die Visitenkarte der Revolution abgegeben, wie Kapp sagte, der von diesem Schritt nicht unterrichtet war. Als Antwort auf die gestellten Forderungen verfügt der Reichswehrminister am 11. März 1920 die Amtsenthebung des Generals v. Lüttwitz. Zu seinem Nachfolger wird Gen.Lt. Burghard v. Oven ernannt. Am gleichen Tag erlässt die Staatsanwaltschaft Berlin einen Haftbefehl gegen die Führer der »Nationalen Vereinigung«, Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, Oberst i.G. Max Bauer und Hauptmann i.G. Waldemar Pabst, unter Anschuldigung der Vorbereitung zum Hochverrat. Im Döberitzer Lager verbreitet sich plötzlich die Nachricht, dass auch Kapitän Ehrhard verhaftet werden soll. Die Stimmung der Brigadeangehörigen wird explosiv, „Jetzt schlagen wir los gegen Berlin! Und dieses Mal gibt es kein zurück!“ so rufen die jungen Seeoffiziere ihren Gefolgsmännern zu. Um Zwischenfälle zu vermeiden, verhängt der stellvertretende Brigadekommandeur, KKpt. Werber eine sofortige Ausgangssperre. Auf Ehrhardts fernmündlichen Befehl wird ein Aufruf zum Dienstantritt der Zeitfreiwilligen herausgegeben, sodass sich die Brigade innerhalb von 48 Stunden im Mannschaftsbestand verdoppeln kann. Gleichzeitig werden die in der Nähe lagernden Reste des 3. Kurländischen Infanterie-Regiments unter Hauptmann Kiewitz in die Brigade eingegliedert.

Fortsetzung folgt.


Zuletzt bearbeitet von UHF51 am 20.09.2011 - 10:17, insgesamt einmal bearbeitet
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BeitragBeitrags-Nr.: 196618 | Verfasst am: 18.09.2011 - 15:24    Titel: Antworten mit Zitat

Der Kapp-Putsch

Am Vormittag des 12. März 1920 trifft Kapitän Ehrhardt auf der Heerstraße mit General v. Lüttwitz zusammen und erhält von diesem den klaren Befehl, am 13. März 1920 morgens um 06.00 Uhr mit der Brigade am Brandenburger Tor zum Einmarsch nach Berlin bereitzustehen. Jeder Verkehr mit dem Lager in Döberitz ist zu unterbinden, jeder Widerstand beim Einmarsch in Berlin ist rücksichtslos mit der Waffe zu brechen, die Reichsregierung in Schutzhaft zu nehmen. So lauten die näheren Anweisungen, die Ehrhardt von seinem Vorgesetzten erhält. Mit einem Alarmbefehl lässt der Kapitän die Vorbereitungen zum Anmarsch auf Berlin anlaufen. Um 18.00 Uhr erklärt er seinen Offizieren „Die Marine holt sich ihre Ehre wieder!“ Der damalige Freiwillige Hartmut Plass schreibt darüber: „Der gleiche Geist trieb uns alle an.“
Auf Ehrhardts Befehl begibt sich die Brigade um 19.30 Uhr zur Ruhe, der Abmarsch aus Döberitz ist auf 22.00 Uhr festgesetzt. Da trifft im Lager überraschend der Gen.Lt. Bernhard v. Hülsen ein und fragt Ehrhardt, ob er denn nun marschieren werde. Als der Kapitän erklärt, er werde die Befehle seines Vorgesetzten, des General v. Lüttwitz, ausführen, meint v. Hülsen, dann werde auch seine Brigade marschieren. Kaum hat v. Hülsen das Lager verlassen, kommt schon der nächste Besucher, dieses Mal der Chef der Marineleitung Admiral v. Trotha, der von Noske ausgesandt wurde mit dem Auftrag, den Marsch der Brigade aufzuhalten. Auf die Frage des Admirals, was macht die Brigade, kann Ehrhardt mit guten Gewissen antworten, »sie schläft«, und befriedigt fährt Trotha nach Berlin zurück.
Um 22.00 Uhr marschiert die 2. Marine-Brigade befehlsgemäß sowie kriegsmäßig gegliedert aus Döberitz ab. Die Spitze hat KptLt. Killingers Sturmkompanie mit der Batterie des Lt. Aust. Ein aus Berlin kommendes Auto mit 2 Generalen wird durchgelassen, da Ehrhardts Befehl lautete, was aus Berlin was aus Berlin raus will kann raus, nur rein lasst ihr keinen. Und damit beginnt das Drama des KKpt. Hermann Ehrhardt. Als die von Noske entsandten Generale v. Oven und v. Oldershausen im Lager eintreffen. lässt Ehrhardt die Abgesandten nicht etwa festsetzen, nein, er beginnt mit ihnen zu verhandeln!
Eigenmächtig und ohne Rücksprache mit seinem Vorgesetzten diskutiert er mit den beiden Generalen, legt auf deren Wunsch hin seine Bedingungen an die Reichsregierung schriftlich nieder – es sind die bereits bekannten Lüttwitz’schen Forderungen, ergänzt um die Bedingung der Straffreiheit für seine Truppe – und stellt der Regierung eine Annahmefrist bis zum 31. März 1920 morgens 07.00 Uhr. Gleichzeitig hält er den Vormarsch der Brigade an der Pichelsdorfer Brücke an, lässt die beiden Generale nach Berlin zurückfahren und hält dann vor seinen Männern eine Ansprache, in der er seine Bedingungen bekannt gibt. Seine Vorgesetzten werden aber immer noch nicht unterrichtet.
Genauestens informiert ist allerdings jetzt die Regierung in Berlin, und noch nachts um 01.00 Uhr ruft Gustav Noske alle in Berlin erreichbaren Kommandeure der Reichswehr und der Sicherheitspolizei zusammen. Der Bericht der beiden Generale bestätigt den Verdacht der offenen Rebellion, das Ultimatum eines Korvettenkapitäns jedoch bringt den Rw.Minister Noske in Rage. Er will die Brigade mit Waffengewalt entgegentreten und die Meuterei niederschlagen. Die Kommandeure jedoch folgen ihm nicht, nur der Chef der Heeresleitung, Gen.Lt. Walther Reinhardt und der persönliche Adjutant des Ministers, Major v. Gilsa, erklären sich mit seinem Vorhaben einverstanden. Zum Sprecher der versammelten Kommandeure macht sich der Chef des Truppenamtes, Gen.Lt. Hans v. Seeckt. Er lehnt einen Kampf gegen die ehemaligen Kriegskameraden vor den Toren Berlins ab – zumal dessen Ausgang sehr ungewiss ist. Seeckt schlägt vor, dass die Reichsregierung Berlin verlässt und die Reichwehr in ihren Unterkünften verbleibt. Zögernd stimmen Ebert und Noske zu, der General Reinhardt jedoch erklärt sofort seinen Rücktritt.
Die 2. Marine-Brigade rastet inzwischen an der Pichelsdorfer Brücke, und die alten Feldsoldaten werden plötzlich von Zweifeln geplagt; das soll ein Handstreich sein, so mit Ankündigung der Rebellion und Ultimatum? Das ganze festgelegte Aktionsprogramm ist doch hinfällig – Festsetzung des Reichspräsidenten, der Reichsregierung, der preußischen Regierung, Sperrung aller Nachrichtenverbindungen usw. Kapitänleutnant v. Killinger fasst die Überlegungen der jungen Offiziere wie folgt zusammen: „Es ist die größte militärische Eselei, die wir begehen!“ Doch als um 03.00 Uhr morgens der Weitermarsch befohlen wird, verfliegt auch die flaue Stimmung und der unverwüstliche Soldatenoptimismus meint, na ja, die Chose wird schon schiefgehen! Am Tiergarten lässt Ehrhardt die Brigade erneut anhalten, er wartet auf die Antwort aus Berlin.
Pünktlich um 07.00 Uhr erscheint General v. Oldershausen und überbringt die Ablehnung des Ultimatums sowie die Nachricht von der Flucht der Regierung. Jetzt lässt der Kapitän wieder antreten und unter dem Singen des Deutschlandliedes erfolgt ein tadelloser, friedensmäßiger Einmarsch in die Reichshauptstadt. Am Brandenburger Tor meldet Ehrhardt seine Truppe dem General v. Lüttwitz, dann wendet er sich an den neuen Reichskanzler Kapp und meint: „Also jetzt übernehmen Sie die Regierung, aber fangen Sie an zu regieren!“ Genau wie die anderen höheren Offiziere ist auch Ehrhardt ganz froh über die Flucht der Regierung, Gedanken über die bösen Folgen eines Dualismus der Regierungen macht man sich nicht. Die Sturmkompanie besetzt das Reichswehrministerium, die anderen Einheiten besetzen und zernieren das gesamte Regierungsviertel. Ehrhardt selbst schreibt zu dem schönen friedensmäßigen Einmarsch: „Militärisch war alles tadellos geglückt, nun müssen die Politiker ihre Sache machen, sagte ich mir!“ Daraufhin legte sich der Kapitän erst einmal schlafen.

Fortsetzung folgt.
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BeitragBeitrags-Nr.: 196623 | Verfasst am: 19.09.2011 - 12:29    Titel: Antworten mit Zitat

Unter der Regierung Kapp/Lüttwitz

Während die Männer der Brigade Ehrhardt Wache schieben und sich in ihren Quartieren einrichten, soll die neue Regierung nun mit dem Regieren des Deutschen Reiches beginnen. Und sofort kommt die Ernüchterung; die Hoffnung des Generals v. Lüttwitz, dass sich die Reichswehr dem Staatsstreich sofort anschließen würde, erfüllt sich nicht. Erst einmal lassen sich die in Berlin verbliebenen höheren Befehlshaber v. Seeckt, v. Oven und v. Oldershausen beurlauben!


Von den Befehlshabern im Reich erklären sich für Lüttwitz:
Wehrkreis-Kdo. I/Ostpreußen – Gen.Lt. v. Estorff,
Wehrkreis-Kdo. II/Mecklenburg-Pommern – Gen.Maj. v. Lettow-Vorbeck,
Wehrkreis-Kdo. III/Brandenburg-Schlesien – Gen.Lt. v. Hülsen.

Aber gegen die neue Regierung erklären sich in den nächsten Tagen:
Rw.Gruppen-Kdo. 2/Kassel – Gen.Lt. v. Schoeler,
Wehrkreis-Kdo. IV/Sachsen-Thüringen – Gen.Maj. Maercker,
Wehrkreis-Kdo. V/Württemberg-Baden – Gen.Lt. v. Bergmann,
Wehrkreis-Kdo. VI/Westfalen – Gen.Lt. Frhr. v. Watter,
Wehrkreis-Kdo. VII/Bayern – Gen.Lt. Ritter v. Möhl,

Der Chef der Marineleitung, Admiral v. Trotha, unterstellt sich zwar dem Befehl der Regierung Kapp/Lüttwitz, doch folgen ihm seine Truppen in Kiel und Wilhelmshaven nicht.
Die in Stuttgart amtierende alte Reichsregierung holt jetzt zu einem entscheidenden Gegenschlag aus. Am 14. März 1920 ruft sie die deutsche Arbeiterschaft zum Generalstreik aus. Und hier dokumentiert sich wieder einmal die ganze politische Ahnungslosigkeit der militärischen Führer des Aufstandes, wenn z.B. Ehrhardt noch schreibt: „Den Aufruf zum Generalstreik nahmen wir Offiziere nicht tragisch!“ Als weiteres Indiz für die Hilflosigkeit gegenüber den Anforderungen eines Staatsstreiches mag folgende Episode gelten: Reichskanzler Kapp schickt einen Ehrhardt’schen Leutnant mit einen Scheck zur Reichsbank, da man zum Regieren auch Geld benötigt. Der Reichsbankdirektor Havenstein lehnt die Einlösung des Schecks ab. Daraufhin bittet Kapp den Kapitän Ehrhardt, das Geld unter Anwendung von Gewalt zu beschaffen, woraufhin Ehrhardt empört ablehnt mit den Worten: „Ich bin kein Geldschrankknacker“! - und dann seinen Regierungschef einfach stehen lässt. In der Nacht vom 15./16. März 1920 kommt es in Berlin zu ersten bewaffneten Zwischenfällen mit Arbeitern, die den Aufruf zum Generalstreik befolgen und auch mit spartakistischen Untergrundgruppen. Außerdem muss das Marine-Regiment 3 ein Pionier-Bataillon entwaffnen, das seine Offiziere eingesperrt und sich für die alte Regierung erklärt hatte. In Schöneberg wird eine Kompanie der Einwohnerwehr von sozialistischen Agitatoren zum Niederlegen der Waffen überredet, dann überfallen und zusammengeschlagen, wobei eine Reihe von Toten zu beklagen sind. Unter Einsatz von Maschinengewehren schafft die Brigade Ehrhardt auch hier wieder Ruhe und Ordnung.
Und die Regierung? Greift sie nun durch, setzt sie Standgerichte ein, bricht sie die passive Resistenz der Beamtenschaft, erklärt sie das Kriegsrecht? Nichts von alledem! Personalfragen und Kompetenzstreitigkeiten halten sie in Atem. Dafür darf dann die Brigade am 16. März 1920 einen Propagandamarsch durch Berlin veranstalten – der Gegner lacht sich tot!

Die Liquidation des Putsches

Die Indolenz der politischen und Inkonsequenz der militärischen Führer des Staatsstreiches machen dem Gegner schon nach 3 Tagen klar, dass die Lage für die alte Regierung besser ist als erwartet, denn Kapp erlässt zwar langatmige Erklärungen, die die Männer der Brigade an Zäune und Häuserwände pappen müssen, die niemand liest, doch gehandelt wird nicht. Lüttwitz aber verhandelt telefonisch mit seinen Generalskameraden, die ihm bisher nicht gefolgt sind, und auch nicht folgen werden. Die aktionshungrige Truppe aber liegt ohne Kampf- bzw. Einsatzauftrag in den Quartieren. So beruft am 16. März 1920 Gen.Lt. v. Oven – der von Lüttwitz gerade zum Kommandanten von Berlin ernannt wurde – eigenmächtig eine Kommandeursbesprechung ein. Er fragt die erschienenen Offiziere kurz und klar, ob sie noch hinter dem Oberbefehlshaber, General v. Lüttwitz, stehen. Nur Kapitän Ehrhardt, Major v. Lützow und der Kommandeur der Nachrichten-Abteilung bekennen sich zu Lüttwitz, alle anderen Herren, angeführt von Oberst i.G. Wilhelm Heye und Major i.G. Kurt Frhr. v. Hammerstein-Equord – dem Schwiegersohn des Generals v. Lüttwitz – lehnen die Gefolgschaft ab. Ehrhardt verlässt entrüstet den Versammlungsraum in der Bendlerstrasse und will die Versammlung durch seine Sturmkompanie festsetzen lassen, die seit dem Morgen voller Tatendrang im Hof wartet. Bevor er jedoch den Befehl zur Aktion geben kann, wird er von den Generalen Ludendorff und Graf v. der Goltz davon abgehalten; wieder lässt er sich bereden und gibt den Männern den Befehl zum Abrücken in die Quartiere.
Am 17. März 1920, also 4 Tage nach der Besetzung von Berlin und Übernahme der Regierungsgewalt in der Reichshauptstadt, erklärt Wolfgang Kapp seinen Rücktritt als Reichskanzler. Als Gründe gibt er gegenüber seinen Gefolgsmännern an: den Generalstreik, die Resistenz der Beamtenschaft und den Widerstand der Reichswehrkommandeure; doch gescheitert ist er nur an sich selbst! Auch Lüttwitz demissioniert und übergibt die Geschäfte eines Obersten Befehlshabers des Heeres an den General v. Seeckt. Sofort befiehlt der neue OB den Kapitän Ehrhardt zu sich und erklärt ihm folgendes: „Ich habe die Tat der Brigade nicht billigen können, jedoch erkenne ich die tadellose Disziplin dieser Truppe an und hoffe, dass ich mich in den bevorstehenden schweren Kämpfen fest auf die 2. Marine-Brigade verlassen kann!“ Ehrhardt unterstellt sich dem General v. Seeckt und damit auch der von ihm vor 4 Tagen verjagten Regierung. Die Marine-Brigade räumt das Regierungsviertel und kommt in Charlottenburg ins Quartier. In Lichtenberg muss sie am nächsten Tag spartakistische Sturmtrupps niederkämpfen, während in Adlershof das »Freikorps Lützow« unter Minenwerfereinsatz seinen Abzug erzwingt; bei Henningsdorf zerschlagen die alten Baltikumer unter Hauptmann Kiewitz eine kommunistische Kampfgruppe.

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Anmeldedatum: 10.05.2007
Beiträge: 1599
Wohnort: Berlin

BeitragBeitrags-Nr.: 196633 | Verfasst am: 20.09.2011 - 10:34    Titel: Antworten mit Zitat

Die 2. Marine-Brigade verlässt am 21. März 1920 Berlin und rückt nach Döberitz ab. Die Stärke der Truppe beträgt jetzt einschließlich der Zeitfreiwilligen und der integrierten Freikorps gut 5 000 Mann. Beim Ausmarsch kommt es vor dem Hotel »Adlon« wie auch in Steglitz zu Schießereien mit den „Roten“. Doch all das erschüttert die Brigadiere nicht; sie singen herausfordernd und spöttisch: „Immer lustig Blut, ein heiter froher Sinn, Putsch ist futsch und Kapp ist hin!“ Sie sind einfach nicht unterzukriegen, die jungen Sturmsoldaten, und sie amüsieren sich königlich, dass ihnen die nun zurückkehrende Regierung Ebert/Noske auch weiterhin die sogen. „Kapp-Zulage“ von 7,00 Mark pro Tag bezahlt, obwohl diese Sondervergütung von Lüttwitz eingeführt wurde.
Klar ist allen, dass die 2. Marine-Brigade nun der Auflösung nicht mehr entgehen kann, und damit findet man sich ab. In mehreren Eisenbahntransporten werden die Einheiten nach Munster-Lager verlegt, die Zeitfreiwilligen aber noch vorher entlassen. Am 30. März 1920 nimmt KKpt. Ehrhardt die letzte Parade seiner Brigade ab und hat die Genugtuung, den Männern bekanntgeben zu können, dass Gustav Noske am 24.03.1920 als Minister der Reichswehr abgesetzt und durch den Demokraten Dr. Geßler ersetzt wurde.
Kapitän Ehrhardt begibt sich mit einigen Begleitern nach München, da inzwischen die preußische Regierung gegen ihn einen Haftbefehl erlassen hat. Die Auflösung der Brigade im Munster-Lager führt Kapitän Werber durch; Das Reichswehrministerium entsendet Gen.Maj. v. Behrendt und den Major i.G. v. Falkenhausen zur Überwachung. In dieser Zeit des Abschiednehmens dichtet der Unteroffizier Teßmer das bekannte Ehrhardt-Lied: „Kamrad reich’ mir die Hände …“ . Auch die 3. Marine-Brigade des FKpt. v. Loewenfeld wird am 31. Mai 1920 im Senne-Lager aufgelöst.

Finale in Oberschlesien

Als am 03. Mai 1921 der dritte „Polenaufstand“ in Oberschlesien losbricht und die Insurgentenhaufen ins deutsche Land einfallen, sind auch die Männer der einstigen Brigade Ehrhardt zur Stelle, um die Heimat zu verteidigen. In einem Zimmer des Hotels »Rom« in Breslau gründen die Brüder Ulrich und Friedrich Koppe – beide Kriegsleutnants, Ehrhardt’sche Zeitfreiwillige und Waffenstudenten – die »Freischar Koppe«. Den Stamm bilden ehemalige Brigadeangehörige und Studenten der Universität Breslau. Am 09. Mai 1921 sammelt sich die Schar in Schiedlow/O.S. Hier stoßen Kapitänleutnant Manfred v. Killinger und Oberleutnant z.S. Heinrich v. Zedlitz mit ihren eigenen Gefolgschaften zu der Freischar. Die Führung des Verbandes übernimmt KptLt. Killinger, der dieser Truppe den Namen »Sturmkompanie Koppe« gibt.
Bei Chorulla geht es am 10. Mai 1921 ins erste Gefecht, die Ist-Stärke der Kompanie beträgt 170 Mann, die Gefechtsstärke 167 Freiwillige – der Gefechtstross wird von Schwerversehrten gedeckt. Bekannte Namen, hauptsächlich aus der ehemaligen Sturmkompanie der Ehrhardt’schen Brigade – tauchen wieder auf. Den I. Zug führt Oberleutnant Dietrich v. Jagow, den II. Zug Leutnant d.Res. Ulli Koppe, den III. Zug Leutnant Fabig, den MG-Zug Leutnant Öhlschläger, und die mühsam organisierte Feldküche fährt Leutnant Prinz Franz-Joseph zu Schaumburg-Lippe. In Reih und Glied stehen OLt. Kurt Wege, OLt. Martin Steinbrück, OLt. August Lepke und OLt. Heinrich v. Zedlitz, Lt. Hans F.K. Günther, Lt. Hirt, Lt. v. Schleebrügge und Lt. v. Mecklenburg. Melder ist der gerade 17 Jahre alte Hans Schwarz – es ist wie einst bei der alten Marine-Brigade.

Gemeinsam mit dem Detachement des Grafen Strachwitz erstürmt die Kompanie am 21. Mai 1921 Groß-Stein; beim Gegenstoß auf Kaminitz fallen der Fähnrich Alfred v. Studnitz und der Freiwillige Obermüller. Dem Bataillon des Hauptmanns Graf Bethusy-Huc unterstellt, kämpfen die Freiwilligen bei Roswadze, erstürmen Lenkau und Csissowa und besetzen am 04. Juni 1921 Gogolin. In den folgenden Tagen sind sie zusammen mit dem Freikorps des Hauptmanns Hans Peter v. Heydebreck eingesetzt. Dann bei Nieder-Ellguth und Niewke im Sicherungsdienst. Als auch dieser Kampf zu Ende geht, muss KptLt. v. Killinger auf Befehl seines vorgesetzten Befehlshabers, General Karl Hoefer, die Sturmkompanie am 23. Juni 1921 in Rogau auflösen – hier in der Dorfkirche zu Rogau erfolgte 1813 die Einsegnung der Lützower Freiwilligen Jäger, und an sie mag der Kompanieführer gedacht haben, als er seinen Männer zum Abschied folgenden Spruch mit auf den Weg gibt:
»Tapfer leben, todtotzend kämpfen, lachend sterben!«

Fortsetzung folgt.
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